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Pedro Lenz in Gotthelfs Fussstapfen

Pünktlich zum Berner Literaturfest erscheint das neuste Buch von Pedro Lenz. «Radio» ist eine Auswahl aus vier Jahren «Morgengeschichten», die der Berner Autor für das Schweizer Radio SRF 1 verfasst hat.

Mehr als 200 Morgengeschichten hat Pedro Lenz zwischen 2008 und 2011 für Radio SRF 1 verfasst. Immer sechs aufs Mal. Dann wurde während einer Woche täglich um 8 Uhr 40 eine ausgestrahlt. Sie durfte nicht länger als zwei Minuten dauern. Nun liegen 90 Morgengeschichten unter dem kurzen Titel «Radio» gedruckt im Band 15 der Reihe «edition spoken script» des Verlags «der gesunde Menschenversand» vor. Jede ist eineinhalb Seiten lang. Der Mundart-Text liest sich leicht und wer mit Lenz' sonorer Stimme und Aussprache vertraut ist, hört ihn förmlich.

Es liegt auf der Hand, dass sich die strenge Form auf den Inhalt auswirkt. «Ich muss rascher als sonst auf den Punkt kommen und kann nur ein Sujet, einen Gedanken verfolgen», bestätigt der Autor. Diese Kürze und Prägnanz verleihen dem Buch einen ganz besonderen Drive. Es fällt schwer, nach einer Geschichte nicht gleich die nächste zu lesen. Dies obwohl sie keinen direkten inneren Zusammenhang untereinander haben.

Gesprochenes Wort geschrieben

Wie auch bei seinen Bühnentexten sei die Sprache sein grösster Inspirator für die Morgengeschichten, erzählt Pedro Lenz. Oft stehe ein Satz, den er auf der Strasse aufgeschnappt habe, am Anfang. «Es muss klingen. Die Morgengeschichten sind Spoken Word und müssen im Radio funktionieren.»

Oft ist die Sprache selbst das Thema der Geschichten. Etwa wenn der Erzähler die Frage aufwirft, ob man jemanden, der sich selbst «Schnugi» nennen lässt, als Meister seines Fachs bewundern könne oder nicht, ist dies eine treffende Schilderung, wie Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. «Schnugi» ist ein Lastwagenchauffeur, der sein mehrere Tonnen schweres Gefährt rückwärts durch eine enge Altstadtgasse fährt. Rechts und links bleiben wenige Zentimeter zu den Hausmauern. «Schnugi» leistet Präzisionsarbeit.

Lust, moralisch zu sein

In den Morgengeschichten nimmt Pedro Lenz eine für Lenz-Leser ungewohnte Perspektive ein. Der Autor ist für seine liebenswerten Looser-Figuren, in die er sich mit viel Verständnis hinein versetzt, bekannt und berühmt geworden. «Dr Goalie bin ig», der Titel des Romans könnte Programm für Lenz' Art anwaltschaftlicher Literatur sein. Nicht so in den Morgengeschichten. Die Distanz zu den Figuren ist grösser. Junkies sind auch mal einfach nur egoistisch und auf sich selbst bezogen. «D Frou Hugetobler, die wo im Migros-Restaurant immer ganz hinge hocket und jedes Mou im Minimum drü Crème i ds Kafie tuet», demaskiert Lenz nun als Ignorantin, die es nicht weiter schlimm findet, dass der Nachbarsjunge zu einer Neonazi-Clique gehört. Frau Hugentobler ist ein treffendes Symbol für die wachsende rechtsbraune Wählerschaft in der Schweiz: Selbstgerecht und im besten Fall naiv.

Gleichzeitig schafft Pedro Lenz in den Morgengeschichten aber mehr Nähe zu seinen Hörerinnen und Hörern, bzw. Leserinnen und Lesern, indem er sich selbst und seine eigene Haltung stärker als gewohnt einbringt. So sprechen uns die Geschichten auch auf einer persönlichen Ebene an.

Die «Morgengeschichten» haben «das Wort zum Tag» abgelöst und der Schriftsteller Lenz, der in jungen Jahren mit einem Theologiestudium liebäugelte, nutzt das Gefäss. «Es ist eine Gratwanderung», sagt er, «dass ich nicht zu sehr in einen Predigerton verfalle. Aber manchmal habe ich einfach Lust, moralisch zu sein und eine Haltung zu vermitteln. Manchmal will ich eine Predigt halten.»