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Monumentalwerk mit Kunstfehler

Urs Mannharts Roman heisst «Bergsteigen im Flachland» und spiegelt Europa um die Jahrtausendwende. Jetzt sind gegen den Text Plagiatvorwürfe laut geworden. Mannhart sagt, wie er gearbeitet hat und worum es ihm geht.

Urs Mannhart mit seinem neuen Buch: «Es geht um Migration, Krieg, Arbeit und Liebe.» (Foto: Fredi Lerch)

Am 31. Juli 2014 hat der Secession Verlag (Berlin/Zürich) eine Presseerklärung veröffentlicht zum Roman seines Autors Urs Mannhart: «In den vergangenen Tagen hat sich der in Finnland lebende österreichische Journalist Thomas E. Brunnsteiner an den Secession Verlag für Literatur gewandt und darauf aufmerksam gemacht, dass einige Motive und einige wörtliche Zitate aus seinem Reportageband ‘Bis ins Eismeer’ (Wieser Verlag, 2007) in dem im Mai bei uns erschienenen Buch ‘Bergsteigen im Flachland’ von Urs Mannhart enthalten seien, ohne dass dies – abgesehen von einer Danksagung am Ende des Bandes – kenntlich gemacht worden sei.»

Am 2. August breitete daraufhin die NZZ den Fall unter dem Titel «Piraterie als Liebesdienst» gross aus. Der «Bund» («Die ‘Wahrheitsliebe’ des Reporters») und die BZ («Plagiatsvorwürfe gegen Urs Mannhart») zogen nach. Was sagt Mannhart – ehemaliger Velokurier in Bern («Kuriernovelle», 2008) – zu den Vorwürfen, wenn man ihn fragt? 

«Mit ’Bergsteigen im Flachland’ habe ich einen Roman vorgelegt, der an zahlreichen, in ganz Europa verstreuten Schauplätzen spielt. Im Titel zeigt sich die Grundidee: Es geht um Menschen, die zwar eine gute Ausrüstung haben, damit aber dort, wo sie leben, wenig oder nichts anfangen können; es geht um Migration, Krieg, Arbeit und Liebe. Es mag altmodisch klingen, aber wenn das Buch nicht nur unterhält, sondern auch aufklärt, ist mir das willkommen. Die ganze Handlung des Romans ist fiktiv, basiert aber auf wahren Begebenheiten – die Kriegsverbrechen zum Beispiel, die ich schildere, sind tatsächlich passiert.

«Es ist mir ein Anliegen, dass man weiss: Mannharts Roman fusst auf realen Begebenheiten.»

Urs Mannhart

Die Diskussion, die nun über meinen Roman geführt wird, ist mir wichtig, es ist mir ein Anliegen, dass man weiss: Mannharts Roman fusst auf realen Begebenheiten. Allerdings ist nun vielleicht der Eindruck entstanden, es sei mit dem Roman etwas nicht in Ordnung, da stinke etwas nach vergammeltem Fisch – da muss ich widersprechen. Mit mir war etwas nicht in Ordnung, aber der Fehler, den ich gemacht habe, ist ausserliterarischer Art. Auch ist er gravierend, ich mache mir grosse Vorwürfe und habe mich bei Brunnsteiner in aller Form entschuldigt. Die entstandene Diskussion ist berechtigt. Ärgerlich ist sie trotzdem, weil man nun über mich spricht, statt über den Roman und über Europa. 

Aufgrund der zahlreichen Schauplätze und Figuren war es nicht ganz einfach, eine Form für diesen Roman zu finden. So machte ich den Reporter Thomas Steinhövel zu einer der Hauptfiguren – einen Reporter kann man überall hinschicken. Da ich selber oft als Reporter unterwegs bin, konnte ich Steinhövel leicht zur prototypischen Reporterfigur machen. Neben diesem Erfahrungswissen stützte ich mich auf schriftliche Quellen, insbesondere auf die Website des Kriegsverbrechertribunals sowie auf zahlreiche Aufzeichnungen von Journalisten und Autoren, die über den Kosovo-Krieg berichtet haben. Als Schriftsteller darf ich zwar Lügner sein, darf alles erfinden, solange ’Roman’ auf dem Cover steht – und obwohl ja sehr Vieles meiner Fantasie entsprungen ist: einfach aus einer kreativen Laune heraus Dinge über einen Krieg zu erfinden, der sich tatsächlich ereignet hat, erschien mir unverantwortlich.

Damit entstand eine Arbeitsweise und schliesslich eine Textstruktur, die sich wohl am besten mit einem Teppich veranschaulichen lässt: einige der verwobenen Fäden habe ich nicht selber hergestellt, sondern Quellentexten entnommen. Einige Fäden kommen gar nie zum Vorschein, andere hingegen tauchen kurz an der Teppichoberfläche auf und verschwinden wieder im Subtext.

«Es entstand eine Textstruktur, die sich wohl am besten mit einem Teppich veranschaulichen lässt.»

Urs Mannhart

In der NZZ wurde mir vorgeworfen, ich hätte nicht begriffen, dass es ’die Wahrheit’ als solche nicht gibt – das weiss ich durchaus. Auch weiss ich, dass Quellentexte nur Texte und damit Konstrukte der Sprache sind, die immer wieder kolossal scheitert, wenn es darum geht, uns etwas zu vermitteln. Ich glaube aber, dass es gerade einem Roman gelingen kann, Menschen etwas von der Welt zu berichten. Um Themen, die mir wichtig sind, angemessen zu fiktionalisieren, habe ich in ’Bergsteigen im Flachland’ versucht, Fäden verschiedener Textdokumente möglichst sorgfältig in meinen Teppich einzuweben. In einer wissenschaftlichen Arbeit hätte man dies mit Fussnoten kenntlich gemacht – aber es sollte jetzt nicht der Eindruck entstehen, ich sei der einzige Schriftsteller, der so arbeitet.

Zu diesen nicht fiktionalen Elementen gehören unter anderem einige Zitate, Paraphrasierungen und Motive aus Reportagen von Thomas E. Brunnsteiner. Eigentlich sollte mein Buch deshalb eine Hommage an seine Reportagen werden, und ich habe den Einfluss Brunnsteiners nicht nur an meiner Buchvernissage in Bern, sondern auch in Interviews mit Radiostationen und Zeitschriften erwähnt – lange bevor Plagiatsvorwürfe gegen mich laut wurden. Aber das Vorwort, in dem ich das klar machte, ist während zahlreichen Überarbeitungen verloren gegangen; das Brunnsteiner-Motto auf der ersten und sein Name im Dank auf der letzten Seite stellen freilich keinen würdigen Ersatz dar. Brunnsteiner hat für seine Reportagen gewiss hart gearbeitet, er ist gereist, hat Menschen besucht, mit ihnen gesprochen, recherchiert und formuliert. Es ist klar: Ich hätte meine Scheu überwinden und Brunnsteiner vorgängig informieren und fragen müssen.

Warum habe ich das versäumt? Ich bin in den sieben Jahren, während denen ich an diesem Roman geschrieben habe, bin während all der Überarbeitungen und während des aufwendigen Lektorats allmählich derart im Text versunken, dass ich schliesslich den publizistischen Rahmen aus den Augen verloren habe. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung.

Ein besonderes Thema ist die Übernahme eines Klarnamens aus einer Brunnsteiner-Reportage. Mich hat die Geschichte eines papierlos in Russland lebenden Serben ungemein berührt. Weil es mir willkommen war, mich in meiner Fiktion auf einen serbischen Intellektuellen in dieser Situation abzustützen, habe ich ihn unter dem ’echten’ Namen in den Roman eingeführt, schreibend mehr und mehr zur Figur verdichtet und mit einer vollständig fiktiven Biografie versehen. Dass der Klarname im Roman stehengeblieben ist, ist ein Fehler, der mir leid tut.

Brunnsteiner hat offenbar von Dritten von meinem Buch und meinen Anleihen erfahren. Er intervenierte daraufhin per Mail beim Verlag und bei der NZZ, für die er mehrmals gearbeitet hat. Dass er unterdessen als Reporter seinen Beruf aufgegeben hat, weil er darin keine Zukunft mehr sieht, und sich umschulen lässt, habe ich nicht gewusst. Aber es steckt eine bittere Ironie darin: Auch der Roman-Reporter Steinhövel gibt den Beruf auf und liebäugelt damit, nach Rumänien auszuwandern, weil mit Reportagen kaum mehr Geld zu verdienen ist und weil es im ’Grossen Bund’ keinen Platz mehr gibt für derartige Texte.

«Als ich von Brunnsteiners Reaktion erfuhr, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Was habe ich bloss angestellt?»

Urs Mannhart

Als mich der Verlag über Brunnsteiners verständlicherweise wütende Reaktion informiert hat, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Was habe ich bloss angestellt? Eigentlich sollte mein Roman auch eine Hommage an seine Reportagen sein, und erreicht habe ich, dass er derart wütend geworden ist. Vorderhand hat er verlangt, alle Textstellen zu sehen, die einen wörtlichen, paraphrasierenden oder motivischen Bezug haben zu seinen Reportagen. Der Verlag ist mit ihm im Kontakt. Wie es weiter geht, ist offen. Mir ist wichtig, dass die Leserinnen und Leser meines Romans wissen, dass einige Passagen von den Reportagen Brunnsteiners inspiriert sind. Wahrscheinlich werden wir ein Vorwort nachdrucken lassen, das meine Quellen benennt und meine Arbeitsweise schildert.»

Ein Plagiat? Ach woher!

Vierfaches Pech für den Autor Urs Mannhart: Zum Ersten lässt er sich in seinem neuen Roman mitten in der Sauregurkenzeit unsauberen Umgang mit Quellen nachweisen. Zum Zweiten stammen einige wörtlich übernommenen Zitate ausgerechnet von Thomas E. Brunnsteiner, einem ehemaligen freien Mitarbeiter der NZZ. Zum Dritten veröffentlichte der NZZ-Feuilletonredaktor Roman Bucheli – der sich nun fairerweise für den Mitarbeiter des eigenen Blatts in die Bresche schlägt –, vor einigen Wochen eine grosse, sehr lobende Mannhart-Besprechung und ist deshalb als Düpierter fast verpflichtet, prominent Stellung zu beziehen. Und Pech ist schliesslich viertens, dass «Bund» und BZ die NZZ-Samstagsberichterstattung bereits am Montag (4. August) prominent weiterzuverbreiten sich verpflichtet fühlten und deshalb auf die Schnelle den von Bucheli ins Spiel gebrachten Begriff «Plagiat» kolportierten statt überprüften.

Unbestritten: Mannhart lässt in seinem Roman eine fiktive Figur unter jenem Namen auftreten, unter dem in einer Reportage Brunnsteiners eine reale Person geschildert wird und schreibt seiner Figur biografische Eckdaten jener Person zu. Das ist eine grobe Ungeschicklichkeit, die Brunnsteiner/Bucheli wie folgt kommentieren: Den Namen einer lebenden, «damals (und vielleicht auch heute noch) gefährdeten Person» zu verwenden, sei «eine Sorgfaltslosigkeit», die «etwas zutiefst Verstörendes» habe.

Na ja. Wenn das Problem des Personenschutzes in diesem Fall tatsächlich so heikel wäre, müsste man zurückfragen: Warum hat Brunnsteiner in seiner 2000 sicher aktuellen Reportage den Klarnamen verwendet, als die Gefahr von Repressionen für den Informanten zweifellos am grössten war? Und warum hat er ihn beim Nachdruck 2007 in seinem Buch «Bis ins Eismeer» stehen lassen? Und warum nennt ihn die NZZ am 2. August noch einmal – ausgerechnet in jener Deutschschweizer Zeitung, die wie keine zweite im Ausland, auch in Moskau, gelesen wird? Und warum schliesslich soll die Nennung eines realen Namens ausgerechnet bezogen auf eine im Kern fiktive Figur «verstörend» sein? (À propos: In Hansjörg Schneiders Hunkeler-Krimi «Flattermann» [1995] stirbt «Freddy Lerch».)

Aber gut: «Plagiat» ist eine Sache, die man denunzieren soll, und darüber zu diskutieren, was in einem fiktiven Text als Plagiat zu bezeichnen ist, ist eine interessante Frage: Unter welchen Voraussetzungen wird ein Zitat zum Plagiat? Bedeutet das Zitat aus einer Reportage noch das gleiche, wenn es in einen fiktiven Zusammenhang hineinmontiert wird? Und falls nein: Kann etwas, das nicht das gleiche bedeutet, obschon es – quasi als sprachliches «Object trouvé» – buchstabenidentisch auftritt, ein Plagiat sein, wenn der Begriff «Plagiat» «geistigen Diebstahl» («Bund») bezeichnen soll? Zudem: Ist es nicht allgemein bekannt, dass LiteratInnen klauen wie die Raben (und JournalistInnen wie ganze Rabenschwärme)?

Kurzum: Mannharts Vergehen ist nicht, dass er plagiiert hat. Sein Vergehen ist, dass er – als Opfer seiner eigenen Skrupelhaftigkeit – Fremdmaterial so ungeschickt eingesetzt hat, dass man ihm «einige wörtliche Zitate» (Secession Verlag) nachweisen konnte. Über diesem Skandälchen kann man bequem übersehen, dass Mannhart einen zeitkritischen Roman geschrieben hat, der es verdient, inhaltlich wahrgenommen und diskutiert zu werden. Immerhin ist das Problem der neu erscheinenden Literatur allzu oft das Gegenteil von Mannharts Roman: nämlich dass die Texte zwar unbestreitbar perfekt gemacht sind, aber man zu ihren Gunsten darüber hinaus einfach nichts zu sagen weiss.

Fredi Lerch