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Journal B

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Nie zu spät für einen Neuanfang

Der Berner Rapper MQ hat Ende Mai sein Debutalbum «Reinkarnation» veröffentlicht. Hinter dem Künstlernamen MQ steht Christoph Zbinden, der eine wichtige Rolle spielt in der Berner HipHop-Szene. Journal B hat ihn zum Gespräch getroffen.

  • Der Rapper MQ heisst mit bürgerlichem Namen Christoph Zbinden. (Foto: zvg)
  • Christoph Zbinden hat mit «Reinkarnation» sein erstes Solo-Album veröffentlicht. (Foto: zvg)

Über dich und deinen Werdegang konnte man bislang nicht viel lesen. Kannst du dich kurz vorstellen?

MQ:

Ich heisse Christoph Zbinden und bin ursprünglich aus dem Osten von Bern. Mittlerweile lebe ich im Breitenrain. Ich schreibe seit 14 Jahren Texte und produziere nun auch schon über 10 Jahre Beats. Seit 2011 habe ich mit Freunden das eigene Tonstudio «Reaktor» und arbeite dort mit vielen verschiedenen Musikern zusammen.

Woher stammt dein Künstlername MQ?

Mit 13 Jahren bin ich darauf gekommen. MQ steht für «maximale Qualität» und ist ein Anspruch an mich selbst. Ich will immer das Maximum herausholen und bin ein ziemlich selbstkritischer Perfektionist.

Seit wann machst du Musik und weshalb hast du dich für diesen Weg entschieden?

Die erste offizielle Veröffentlichung hatte ich im Jahr 2006 als Feature-Gast und Produzent. Mit dem Schreiben von Texten habe ich aber schon sechs Jahre vorher begonnen und auch einige kleinere Projekte realisiert. Mein älterer Bruder war damals schon DJ und hat mich mit dem HipHop-Virus angesteckt. Durch ihn habe ich mit 12 Jahren auch zum ersten mal Rap aus Bern gehört. Das war ein Sampler namens «Rapresent». Neben der Musik habe ich – wie die meisten Rapper in der Schweiz auch – noch einen «regulären» Job.

Weshalb bezeichnet ihr dein Debütalbum «Reinkarnation» als ein urbanes Gesamtkunstwerk?

Wir haben versucht, in jedem Aspekt das bestmögliche zu erschaffen. Viele Künstler veröffentlichen ein Album und es gibt sehr viele interne Unstimmigkeiten. Ich wollte von Anfang an ein in sich geschlossenes Konzeptalbum machen. Bei diesem Projekt kann ich sagen, dass es nahe an meiner anfänglichen Vision ist. Von den Texten, Beats über Aufnahmen, Mix bis hin zum Artwork und der Vinyl-Produktion.

Wieso hast du eine limitierte Doppel-Vinyl herausgebracht und keine CD?

Ich habe mir lange überlegt ob ich CDs machen soll, habe mich dann aber schlussendlich dagegen entschieden. Meistens ist es heutzutage doch so, dass man eine CD nur noch benötigt, um sie auf den Computer oder das Handy zu kopieren. Deshalb gibt es das Album als Vinyl für alle Musikliebhaber. Für alle anderen ist es auf iTunes, Google Play oder Spotify erhältlich.

Weshalb befasst du dich mit der Reinkarnation? Ist das Album eine Aufarbeitung der Vergangenheit?

Ich habe versucht, einen Schlussstrich unter meinem bisherigen künstlerischen Schaffen zu ziehen. Gleichzeitig wollten wir ein neues Level erreichen. Dabei habe ich mich mit Philosophie, Religion und auch mit der Reinkarnation befasst. Das Album ist aber nicht zwingend auf der esoterischen Ebene zu verstehen. Früher habe ich viel Musik gemacht, um den Kopf auszuschalten. Mein aktuelles Album ist der Gegenentwurf dazu. Es ist auch mein bisher persönlichstes Werk und meiner Meinung nach eher zum konzentrierten anhören geeignet.

Kürzlich ist zum Titelsong «Reinkarnation» ein Video erschienen. Darin ist der Reggae-Sänger Jahmool zu sehen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Jahmool habe ich vor zwei Jahren über befreundete Künstler kennengelernt. Es gab auch vor dem Album bereits einen gemeinsamen Song von uns. Die Zusammenarbeit hat sich in letzter Zeit intensiviert und er hat mich auch bei den Gesangs-Aufnahmen zu diesem Projekt massgeblich unterstützt. Aktuell ist er bei den meisten Konzerten als fester Bestandteil mit uns auf der Bühne. Sein Gesang und seine positive Ausstrahlung sind eine grosse Bereicherung für unser Team.

Auf dem Album sind einige Zitate vorhanden. Woher stammen diese?

Es gibt insgesamt drei Zitate auf diesem Album. Zwei davon sind aus Filmen, eines aus einem Konsolenspiel. Es gibt Dinge, die man mit einem Zitat besser umschreiben kann, als mit einer ganzen Strophe. Ich habe die Aussagen aber nicht krampfhaft gesucht, sie passten einfach gut ins Gesamtbild.

Im Lied «Ghirnwösch» übst du Kritik an den Institutionen. Wie wichtig sind dir solche Themen?

Es gibt leider viele Leute, die blind alles glauben und nachsprechen. Wenn dann eben diese Einstellung kritisiert wird, dann kommt es meistens von Leuten, die genauso blind an Verschwörungstheorien glauben. Man sollte sich also nicht auf eine einzige Quelle berufen, sondern sich seine eigene Wahrheit aus verschiedenen Medien zusammensetzen. Der Anspruch ist auch, dass die Menschen kritischer werden und hinterfragen sollen, zumal auch die Medien vieles verdrehen. Die politische Motivation ist bei mir zwar präsent, ich würde mich selbst aber nicht als «Politrapper» bezeichnen.

Im Lied «Yeahova» hast du als Gastpartner MIK angeführt. Steckt dahinter der Sänger von Jeans for Jesus?

Ja. Wir haben das aber bewusst nicht an die grosse Glocke gehängt, da man zwischen diesen beiden Projekten klar unterscheiden muss. Die Fans von Jeans for Jesus wären sicherlich auch enttäuscht, da Mike bei unserem Song ausschliesslich rappt. Wir haben schon früher zusammen Musik gemacht. Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit ist im Jahr 2007 das Gratis-Release «Bombä über Bern» entstanden. Wir wollten schon vor einiger Zeit einen Nachfolger dazu machen, haben es allerdings aus zeitlichen Gründen bisher nicht geschafft. Der Song zeigt aber, das MIK immer noch rappen kann.

Wie siehst du deine Rolle in der Berner Rap-Szene? Welchen Einfluss hast du?

Das kann ich nicht so genau sagen, aber ich versuche das Beste aus jeder Situation zu machen. Mir ist es wichtiger etwas eigenes zu erschaffen, als nur darüber zu sprechen. Ich stehe auch lieber im Hintergrund und ziehe die Fäden, als mich im Rampenlicht zu sonnen. Ich habe sicher viele jüngere Rapper beeinflusst, wage es aber zu behaupten, dass mich einige von ihnen ebenso inspiriert und vor allem auch motiviert haben.

Seit 14 Jahren machst du Musik und hast die Ära der Gratis-Releases in Bern geprägt. Wie kam es hierzu und was hat sich seitdem verändert?

Wir waren die ersten, die in Bern mit dem Konzept der Gratis-CD plus Download angefangen haben. Mit Gratis-Musik kann man viel mehr Leute erreichen. Aber es wird demzufolge auch weniger wertgeschätzt, da es jeder haben kann. Dadurch kann man jedoch als Newcomer seine Reichweite erweitern. Zur aktuellen Situation: Es läuft momentan extrem viel in Sachen Berner Rap, auch wenn nicht alles nach meinem Geschmack ist. Insgesamt ist aber sicher eine sehr positive Entwicklung zu sehen.

Du hast früher viel Battle-Rap gemacht. Wie sieht es heute damit aus?

Texte der Kategorie Battle-Rap schreibe ich immer noch ab und zu, habe auf diesem Album aber fast komplett darauf verzichtet. Mit den Freestylebattles habe ich bereits seit längerer Zeit aufgehört. Im Zeitraum von 2004 bis 2008 war ich fast an jedem Battle in der Deutschschweiz. Im Jahr 2006 habe ich den «Battle im Fluss» im Dachstock der Reitschule gewonnen. In den letzten Jahren war ich in der Jury an verschiedenen Battles und seit 2013 auch beim «Swiss Video Battle Turnier». Ich schätze an dieser Art von Rap die direkte Begegnung und die Dynamik, die dadurch entsteht. Man sollte zudem nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, da die Umgangssprache oft sehr rauh ist.

Auf deiner Facebook Künstlerseite hast du ein Fotoalbum namens «Herr der Fliegen». Was hat es damit auf sich?

Die Fliegen waren ein Teil von unserem Guerilla Marketing, da man leider in den Medien nur schwer zu Präsenz kommt. Aus diesem Grund haben wir eine grosse Auflage von diesen Fliegen mit transparentem Hintergrund gemacht. Unsere Fans und Supporter haben diese verteilt und ihre Bilder an uns geschickt. Die besten drei Einsendungen haben eine Platte gewonnen. Die Fliegen sind ebenfalls auf dem Artwork der LP zu finden.

Was ist die Hauptbotschaft deines Albums?

Dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang. Egal wie tief du fällst oder wie heftig du stürzt, es gibt immer eine Möglichkeit, um wieder aufzustehen. Die Zuhörer sollen sich aber am besten ein eigenes Bild machen. Ich habe bei den Themen und meinen Texten ganz bewusst Platz zum Interpretieren gelassen. Ich möchte die Menschen und vor allem die Jugend dazu bringen, sich mehr Gedanken zu machen – zu ihrem Handeln und zu ihrer Einstellung.