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Zerbrechliche Stärke – zu Beatrix Bühler

Am Freitag, 27. Juni, 19 Uhr, findet im Schlachthaus Theater in Bern eine Trauer- und Lebensfeier zum Tod der Theaterfrau Beatrix Bühler statt. Was sie geleistet hat, würdigte Guy Krneta bereits. Christoph Reichenau fügt eine kleine Skizze bei. 

Sie schien scheu, fragil, verletzlich, unorganisiert, überfordert, stets müde und ganz wach zugleich. Und sie war mutig, hartnäckig, kämpferisch, anpackend, effektiv, klarsichtig, von zerbrechlicher Stärke. Es war als könnte sie sich vervielfachen, denn wo immer Theater war, traf man sie, meist am Rand, wie zufällig hereingeschneit, doch intensiv wahrnehmend, aufnehmend, mitgehend. Der Rand war ihr Zentrum, Rampenlicht benötigte sie nicht, auch mit leiser Stimme setzte sie sich durch. Halt, falsch: Sie setzte sich nicht durch, sie fand Gehör; ihr ging es um die Diskussion, die Auseinandersetzung, die Vertiefung, den sanften Zwang des besseren Arguments. Allerdings: Sie kannte ihren Weg und liess sich selten beirren. Trix Bühler stellte sich ihre Aufgaben und sie stellte sich ihnen.

Ging es nicht anders, konnte sie sich querlegen. Als wir in der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern die Subvention an das Festival auawirleben für die Jahre 2008-2011 anheben wollten, aber nicht ganz auf die von ihr geltend gemachte Summe, lernten wir eine Kämpferin kennen, die auch drohte und austeilte und schliesslich – zum Glück – Recht bekam. Natürlich waren administrative Abmachungen da, missachtet zu werden; wie oft verzichtete Trix auf eine vereinbarte Aufbesserung ihrer bescheidenen Entschädigung, um dafür ein Stück mehr für das Festival buchen zu können? Das pure Gegenteil der Gier: Was Trix wollte, wollte sie für das Theater, manchmal für das aua-Team, nicht für sich. Aber vielleicht verkenne ich dabei, dass sich ihr Leben und das Theater nicht trennen liessen.

«Eine Kämpferin, die auch drohte und austeilte und schliesslich – zum Glück – Recht bekam.»

Christoph Reichenau

Das erste Mal begegnete ich Trix Bühler beim Jugendstück „Regenbogenland“ im Stadttheater, einem optimistischen Aufbruch ins Leben. Bald darauf folgte „Till Eulenspiegel“, eine wunderbar realistische und musikreiche Nacherzählung der Kalendergeschichte. Wo immer, was immer sie inszenierte, ob für Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, ob in etablierten Häusern oder auf freien Bühnen, Trix Bühler machte aufklärerisches Theater wie es für sie für die Zuschauenden stimmen musste, um sie zum Nachdenken anzuregen.

Auch zum politischen Nachdenken. Denn Theater war für sie wichtig im Zusammenhang mit den grossen und den ganz konkreten Fragen des Lebens und Zusammenlebens, mit der gemeinsamen Gestaltung dessen, was alle angeht. Dass dieses Gemeinsame öfter fehlt, dass wir uns teils darum drücken, teils davon abgehalten werden, brachte sie immer wieder aufs Tapet. Die aua-Programme lesen sich wie Überschriften der grossen politischen Themen der jeweiligen Jahre.

In fast vierzig Jahren für das Theater hat Beatrix Bühler in ihrer Wohnung einen Schatz angehäuft: Notizen, Konzepte, Korrespondenzen, Kritiken, Programme und vieles mehr – die noch zu ordnende Dokumentation einer Ära, in der die Dominanz der Stadttheater endete und das begann, was wir Freie Szene nennen:  eine Kritik an etablierten Häusern mit gedrängtem Spielplan, eine Hinwendung zu den Leuten, eine stete Suche neuer Formen und Spielorte, die Arbeit von Projekt zu Projekt, das stets von Neuem Beginnen, der Hochseilakt quasi ohne Sicherheitsnetz. Beatrix Bühler kannte, prägte und nutzte beide Seiten, eine pragmatische und selbstsichere Grenzgängerin mit der inneren Freiheit, sich nicht vereinnahmen zu lassen und nicht vereinnahmen zu wollen.