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Das Mehrspartenhaus – eine bombige Idee

Ginge es nach dem Willen der Stadt, würde das erfolgreiche Schlachthaus Theater 2016 fusionsweise abgeschafft. Konkrete Gründe für diesen surreal anmutenden Plan kann die Stadt bis heute nicht nennen. Analyse einer höchst unseriösen Vorgehensweise.

An der Pressekonferenz zur neuen Berner Kulturförderung liess Alexander Tschäppät verlauten, für eine schärfere Profilierung der zeitgenössischen Kultur brauche Bern ein starkes Mehrspartenhaus. Diese Profilschärfung will der Präsidialdirektor offenbar durch eine Fusion von Schlachthaus Theater und Dampfzentrale erreichen. Ab Januar 2016 sollen die beiden Häuser in eine Trägerschaft überführt werden.

Im Herbst 2013 tönte es noch ganz anders: Damals wurden das Schlachthaus und die Dampfzentrale von der Abteilung Kulturelles eingeladen, sich Gedanken über mögliche Synergien und Zusammenarbeit zu machen. Das Ganze war als ergebnisoffene Diskussion über Chancen und Möglichkeiten einer verstärkten Zusammenarbeit der beiden Häusern angelegt. Im November 2013 fand ein erstes Gespräch mit den beiden Vorständen statt und noch im März 2014 wurde ein «moderierter Prozess» eingeleitet.

Umso überraschender war das Schreiben der Abteilung Kulturelles anfangs April 2014, in dem mitgeteilt wurde, man werde dem Gemeinderat nun eine Fusion der beiden Häuser vorschlagen und sie in eine Trägerschaft überführen. Anders ausgedrückt: Eine der beiden Leitungen muss gehen oder gar beide werden ersetzt. Die Häuser in ihrer bisherigen Form soll es künftig nicht mehr geben. Die Bombe platzte mitten in «Gespräche», die offenbar keine waren.

Der Gemeinderat hiess die Fusionsidee der Abteilung Kulturelles bzw. der Präsidialdirektion gut. Während sich die Dampfzentrale bisher zurückhaltend positiv zu diesen Plänen äusserte, hält das Schlachthaus Theater in einer öffentlichen Mitteilung fest, dass die von der Abteilung Kulturelles zwangsverordnete Fusion einem Abbruch der laufenden Gespräche gleichkomme. Man kann den Unmut des Schlachthaus Theaters gut nachvollziehen, wenn man sich die Vorgehensweise der städtischen Verwaltung vergegenwärtigt und die Fusionsidee genauer anschaut.

Was hier alles schief läuft

1. Gegen die Betroffenen: Die Stadt beschwört, sie wolle mit dieser Fusion die freie Szene stärken. Das Problem ist nur: Die freie Szene wurde nie nach ihrer Meinung zu dieser Zwangsheirat befragt. Es gab zwar ein Kulturhearing im Januar 2014, dort war die freie Szene nicht bzw. nur marginal vertreten. Der Verein Bekult, der am Hearing teilgenommen hatte, vertritt Berner Veranstalter und Clubs. Die meisten davon sind von einer allfälligen Zusammenlegung von Schlachthaus und Dampfzentrale höchstens am Rande betroffen.

Die wirklich Betroffenen, also die Leute, die die freie Szene ausmachen, waren nicht da: freischaffende Regisseure, Autorinnen, Musiker, Tänzerinnen, Schauspielende, Performende, Bühnen- und Lichttechnikerinnen, Theaterkollektive usw. Sie wurden auch anderweitig nicht in die Entscheidungsprozess der Abteilung Kulturelles einbezogen. Inzwischen beginnen sie sich Gehör zu verschaffen, und es wird schnell klar: Die freie Szene kann in der diffusen Fusionsidee weder einen Mehrwert noch eine Stärkung ihrer Kulturarbeit erkennen.

Die Berufsverbände ACT (www.a-c-t.ch) und ASTEJ (www.astej.ch) haben Stellungnahmen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Diskussion um eine mögliche Fusion der beiden Häuser erst einmal richtig geführt werden müsse, bevor man sich dafür oder dagegen entscheide. ACT hat zwischenzeitlich auch eine Petition lanciert, die noch deutlicher erklärt, welche Probleme eine Fusion mit sich brächte.

2. Fehlende Grundlagen: Man würde eigentlich davon ausgehen, dass ein derart gravierender Entscheid wie die Fusion zweier grosser Berner Kulturbetriebe auf einer sorgfältigen Situationsanalyse beruhen würde, und nur in Betracht käme, wenn sich damit konkret etwas verbessern liesse. Doch bisher gibt es keinerlei Anhaltspunkte, dass die Abteilung Kulturelles im Vorfeld die nötigen Erhebungen und Analysen vorgenommen hat. Aus allen Berichten und Antworten seitens der Stadt finden sich keine konkreten Argumente, aus welchen Gründen diese Fusion sinnvoll wäre oder einem Bedürfnis entspräche.

Vielmehr werden Schlagworte bemüht wie «Flaggschiff für zeitgenössische Kultur», «Mehrspartenhaus» oder «Synergien». Diese Begriffe bedeuten erstmal gar nichts. Sie sagen insbesondere nichts zur Frage, was konkret verbessert werden soll und wie geeignet die Fusion dafür überhaupt wäre. Hier fand schlicht und einfach keine Evaluation statt.

Dass die Abteilung Kulturelles dem Gemeinderat eine unkonkrete Fusionsidee gegen den Willen der betroffenen Häuser unterbreitet, mag man ja noch als ungeschicktes Verhalten einer in der freien Szene schlecht verankerten Kulturbehörde durchgehen lassen. Dass der Gemeinderat diese Idee aber einfach übernimmt, ist erstaunlich. Spätestens er hätte auf seriöse Entscheidungsgrundlagen pochen müssen. Diese Vorgehensweise ist nicht nachvollziehbar.

3. Von der räumlichen Nutzung: Als einzig halbwegs konkretes Argument bemüht die Stadt eine «bessere räumliche Nutzung». Die möglichen räumlichen Synergien wurden aber von den beiden Häuser schon bisher gepflegt, so beispielsweise bei der Produktion «Idealisten» von Schauplatz International. Was will die Stadt mehr?

Offenbar sollen Produktionen entweder im Schlachthaus oder im Dampfzentrale spielen können, je nach dem was räumlich besser passt. Das hört sich theoretisch gut an. Praktisch würde diese «Verbesserung der räumlichen Nutzung» aber vor allem in eine Richtung laufen, indem viele Produktionen im kleineren, zentraleren Schlachthaus besser untergebracht wären als in der riesigen Dampfzentrale. Die Räume der Dampfzentrale sind regelrechte Hallen und schwer mit Publikum zu füllen.

Die Stadt müsste konkret begründen, weshalb und wie eine Fusion zu einer verbesserten räumlichen Nutzung führen soll. Mit konkret meine ich: konkret! Das heisst, die Abteilung Kulturelles soll die Spielpläne der beiden Häuser zur Hand nehmen und erklären, welche Produktionen nach der Fusion in welchem Haus spielen würden, welche nach ihrem Konzept gar nicht mehr mitspielen dürften und wer dann stattdessen käme? Ja, das ist anstrengend. Aber nur konkrete Grundlagen bieten eine Basis für den Entscheid, über Sinn oder Unsinn einer solchen Fusion.

4. Das Schlachthaus Theater hat kein Problem: Das Schlachthaus Theater ist ein schweizweit bis international anerkanntes Haus für freie Bühnenproduktionen, mit hoher Vernetzung in der freien Szene und einem treuen Stammpublikum. Der Spielplan ist voll und die Eintrittszahlen stimmen.

Dagegen bekundet die Dampfzentrale als Kulturbetrieb seit längerem Probleme. Es mag mit dem Standort und mit den von ihr portierten Kunstformen zu tun haben, auf jeden Fall gelingt es seit längerem nicht, ein grösseres Publikum in die Dampfzentrale zu locken. Es ist wichtig, dass die Stadt diese Problem ernst nimmt und gemeinsam mit dem Vorstand und der Leitung überlegt, wie man sie lösen könnte. Aber was hat das mit dem Schlachthaus Theater zu tun? Glaubt die Stadt ernsthaft, die Probleme rund um die Dampfzentrale würden sich durch eine Fusion mit dem Schlachthaus lösen lassen?

Es gibt aus Sicht des Schlachthaus Theaters und der freien Szene keinen einzigen Grund, warum der gesunde und gut funktionierende Betrieb des Schlachthaus mit dem weniger stabilen und bedeutend schwerfälligeren Unternehmen Dampfzentrale fusioniert werden sollte. Mit einer Fusion werden sich die Probleme der Dampfzentrale ganz sicher nicht lösen, sondern die Gefahr ist vielmehr, dass das Schlachthaus mit in den Abgrund gezogen wird.

5. Das Problem der Monopolisierung: Für die freie Szene ist es wichtig, mehrere mögliche Ansprechpartner zu haben. Das von der Stadt gepriesene «Mehrspartenhaus» entspricht weder dem Wunsch noch dem Charakter der freien Szene. Damit würde ein grosser Verwaltungsapparat geboren, die Nähe zur Theaterleitung ginge verloren und es käme quasi zu einem Monopol in der freien Szene.

Ein Veranstaltungsmonopol steht jedoch gerade im Widerspruch zur Freiheit der Freien. Freischaffende tragen hinsichtlich Lohn und sozialer Sicherheit ja schon genügend Risiken. Komisch wäre nun, ihnen dieses Nachteile des freischaffenden Daseins zu belassen und ihnen gleichzeitig die Vorteile wegnehmen zu wollen. Selbst die städtische Kultursekretärin Veronica Schaller definiert freie Szene als einen «nicht an ein Haus gebundene Szene».

6. Un-Urban: Die Idee des Mehrspartenhauses ist eine altmodische: Nur wer in Sparten denkt, findet ein Mehrspartenhaus innovativ. Aber weder Schlachthaus noch Dampfzentrale denken streng in Sparten. Die Grenzen der einzelnen Kunstgattungen sind in den zeitgenössischen Bühnenproduktionen schon längst durchlässig geworden. So gesehen ist ein Mehrspartenhaus so ziemlich das Un-urbanste, was es gibt. Schleierhaft bleibt zudem, wieso ein Mehrspartenhaus zu einer Stärkung der freien Szene führen soll. Mehr Geld wäre wohl bedeutend wirkungsvoller.

7. Politik: Die Erarbeitung eines konkreten Vorschlages zur Stärkung der freien Szene wäre sehr wünschenswert. Die unseelige Fusionsidee von Schlachthaus und Dampfzentrale ist aber weit davon entfernt. Sie ist vielmehr eine politische Hauruckübung. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass es hier weniger um ein «Flaggschiff» für die freie Szene geht, als vielmehr um ein «Flaggschiff» für die Abteilung Kulturelles und die politisch Verantwortlichen.

Der Gemeinderat hat angekündigt, er wolle noch vor den Sommerferien eine Kulturvorlage in die Vernehmlassung schicken. Der Inhalt dieser Vorlage ist noch offen. Klar ist, dass die städtischen Subventionsanteile an die tripartite (mit Kanton und Region) finanzierten Kulturinstitutionen vorgelegt werden müssen. Klar ist auch, dass es um die Unterstützung jener Institutionen geht, für welche die Stadt künftig allein aufkommen muss (darunter Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater). Klar ist weiter, dass die Kredite für die Projektförderung – ein zentrales Förderinstrument gerade für die freie Szene – zu bemessen sind.

Und vielleicht findet sich darin überdies ja der eine oder andere innovative Gedanke. Jedenfalls: Wenn die Fusion von Dampfzentrale und Schlachthaus weiter verfolgt werden soll, muss diese Absicht Bestandteil der Kulturvorlage sein. Andernfalls wäre die Vernehmlassung eine Farce.

Epilog

Im Interview mit der «Berner Zeitung» vom 9. September 2013 wurde die städtische Kultursekretärin Vernica Schaller gefragt, ob es nicht möglich wäre, Geld bei grossen Institutionen zu reduzieren und mehr in die freie Szene zu investieren? Sie antwortete darauf: «Freie Szene heisst auch Schlachthaus und Dampfzentrale. Dort können Künstler dank der Subventionen auftreten. Ich sehe keine Notwendigkeit, dort grundsätzlich etwas zu ändern.»