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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Christian Pauli

07.03.2014 | 10:19

Die Berner Kulturkonferenz als Akt der Zivilgesellschaft: An die 200 Kulturbürgerinnen und -bürger diskutierten gestern im Progr über ihre nicht erwiderte Leidenschaft für diese Stadt.

«Beten statt diskutieren wäre wohl angebrachter», fasste Bernhard Giger die desolate Situation zusammen, in der die Berner Kulturpolitik aufgelaufen ist. Der Leiter des Kornhausforums gehört zu den drei Initianten der 1. Berner Kulturkonferenz. Rund 200 Menschen aus der engeren und weiteren Kulturszene waren dem Ruf von Giger, Kunstsammlerin Carola Ertle und Ensuite-Verleger Lukas Vogelsang gefolgt, um während geschlagenen vier Stunden über die lustlose Berner Kulturförderung zu debattieren.

Letztmals formulierte die Stadt Bern eine Kulturstrategie für die Jahre 2008-2011 – spätestens seitdem krankt die städtische Kulturpolitik an einer ideenlosen und Misstrauen erzeugenden Lethargie. Seit zwei Jahren fordern immer mehr Kulturschaffende, -veranstalter und -politikerinnen die Stadt Bern auf eine öffentliche und partizipatorische Kulturdebatte zu führen. Der Gemeinderat aber liess seine Kultursekretärin im seichten Regen stehen. Der Herbst 2013 kam und Veronica Schaller befand in aller Öffentlichkeit, eine Kulturstrategie sei lediglich «was für die Medien». Dass sie noch immer dieser Meinung ist gab die Kultursekretärin letztmals ausgerechnet am Kulturhearing zu verstehen, zu dem die Stadt Bern am 27. Januar eingeladen hatte. Demonstratives Fernbleiben: anders kann die Tatsache, dass gestern die Stadt Bern keine Vertretung in den Progr delegierte, nicht interpretiert werden.

Den Kopf in den Sand stecken, die Hände falten und der Dinge harren, die da kommen: Im Moment scheint dies also eine realistische Haltung zu sein. Im Mai will der Gemeinderat eine «Grundsatzdiskussion» führen und anschliessend soll eine Vernehmlassung unseren Kultursommer befeuern. Im kommenden Herbst wird der Sack zugemacht, und in einem Jahr darf das Berner Stimmvolk Ja oder Nein sagen zu den Subventionsverträgen mit den grossen Institutionen, die jetzt hinter den Kulissen zusammen geschustert werden.

Der Zeit ist in der Berner Kulturpolitik also nicht mehr – wir können das Heft nur noch selber in die Hand nehmen. Dazu boten gestern die drei geladenen Referent(inn)en Anschauungsunterricht. Ewa Hess, Kulturchefin der Sonntagszeitung, beschrieb das schwierige Kind Kultur, das zwischen den Resten der ramponierten Hochkultur, der hyperspezialisierten Avantgarde, der grassierenden Festivalitis und der allseits bemühten Kreativwirtschaft den Faden verloren hat. Je stärker wir von der Wichtigkeit der Kultur reden, desto mehr entschwindet sie in einer unfassbaren Wolke. Der smarte Basler Kultursekretär Philippe Bischof skizzierte seine Ideen – weg von der Finanzierung eines heroischen Kulturangebotes hin zu einer «befähigenden Kulturförderung»: «Ein Kulturleitbild ist nur eine Chance, wenn sie als solche verstanden wird.» Der eloquente Kunstmuseum-Kurator Daniel Spanke schwärmte von der kulturellen Vielfalt der Stadt Bern, warnte vor unangebrachtem Ranking-Denken im Kulturbereich und plädierte für einen Konsens-Dialog: «Darin sind die Schweizer ja stark.»

Zivilbürgerliche Konsenssuche statt autonomer Strassenprotest? Auch wenn es (mich) manchmal verdammt juckt, muss man realistisch sein. Zur Zeit sind die gesellschaftspolitischen Brennpunkte dieser Stadt nicht in der Kulturpolitik verortet: sozial verträglicher Wohnbau, die kommerzialisierte Innenstadt, Jugend und Nachtleben, öffentlicher Verkehr, etc. Auch die Reitschule als politischer Hotspot hat mit öffentlicher Kulturförderung – wohl zum Glück – nur am Rande zu tun. Es mag in der Berner Kultur rumoren, aber brennen tut sie nicht. Die Kultur in dieser Stadt gleicht, wie an dieser Stelle schon angemerkt wurde, einem emsigen Basislager – Aufsehen erregende Spitzentouren finden meist woanders statt.

Das Problem aber ist, dass die amtlichen Entscheidungsträger(innen) zwar ihre Pflicht erfüllen – die Kür aber, die in der Kultur genau so wichtig ist, aussen vor lassen. Es bleibt der heterogenen, verstrickten Kulturszene dieser kleinen Stadt nichts anderes übrig, als sich von den Fördertöpfen zu emanzipieren, um einen eigenen Dialog und Konsens selber zu finden – für kulturelle Vielfalt, für künstlerische Eigenständigkeit und Freiraum, für das Denken und Debattieren. Die Kulturkonferenz war ein weiterer Schritt in diese Richtung.