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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Bern hat neuen Raum für kulturelle Ideen

Es stand kein Klavier in der «Galerie für Komische Kunst» an der Spitalackerstrasse und die Gastgeber servierten auch keinen Kaviar. Dafür wurde am vergangenen Samstag die Zeitschrift «klaviar» aus der Taufe gehoben.

«Klaviar» ist eine 32 Seiten starke Zeitschrift im Format A4, schwarzweiss in einer klaren luftigen Grafik mit Beiträgen von bekannten Berner Kulturschaffenden. Das Heft beginnt mit einem Porträt des Journal-B-Autoren Fredi Lerch über die Künstlerin Lilly Keller. Lerch erzählt darin über die Bedingung des Berner Kunstmarktes für Frauen, ohne zu unterschlagen, dass die quirlige alte Dame noch immer eine unbequeme Person sein kann. Urs Hänsenberger stellt dem Text ein fotografisches Porträt der 85-Jährigen und ihres Gartens gegenüber.

Die Kurzgeschichte von Jürgen Theobaldy über einen kleinwüchsigen, behinderten Fussballfan, der im Tram von einem grossen, wohlsituierten Geschäftsmann nonverbal des beabsichtigten Diebstahls beschuldigt wird und sich schliesslich herzhaft ungehobelt Luft verschafft, ist trotz der dichten Sprache, mit der das komische Bild dargestellt wird, vielleicht etwas zu sozialromantisch. Mit einem Augenzwinkern nehmen die Herausgeber die Sozialromantik der Geschichte mit einer Serie von Zirkusbildern des Fotografen Heini Stucki auf.

Ein Raum für Kunst und Diskussionen

«Klaviar» entstand auf Initiative von Carlo Laeri und Urs Hänsenberger, die das Projekt auf finanzieren. Sie verzichteten darauf, Platz für Werbung zu verkaufen, was sehr wohltuend wirkt. Beide Herausgeber sind Anfang sechzig, arbeiten beim Bund und als Künstler (Laeri) bzw. Fotograf (Hänsenberger). Sie kennen sich seit dem Studium und haben sich immer wieder als Ausstellende in der von Susanne Schmid und Theo Umhang geführten Galerie «raum» getroffen.

Als der «raum» vor zwei Jahren schliessen musste, diskutierten Hänsenberger und Laeri intensiv darüber, wie sich die Lücke wieder schliessen liesse. «Wir suchten eine Plattform für die heimatlos Gewordenen», sagt Laeri. «Der 'raum' stellte Themen und Künstler zur Diskussion. Aber es war uns bald klar, dass wir nebst unseren Vollzeit-Jobs keine Galerie betreiben können.» Schliesslich sei die Idee der Zeitschrift entstanden. Bis zur ersten Nummer dauerte es nochmals eineinhalb Jahre.

Eigene kulturelle Werte

Offen bekennen die beiden Herausgeber im Editorial, dass dem Heft ein eigentliches Konzept fehle. Das Programm widerspiegle allenfalls ihre eigenen kulturellen und politischen Werte und ihr kritisches Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen. «In dieser ersten Ausgabe waren wir uns sehr damit beschäftigt, überhaupt den Rahmen zu finden», erklärt Urs Hänsenberger.

«Wir haben etwas versucht. Denn wenn man nichts versucht, geschieht nichts.»

Carlo Laeri

Die Beiträge finden Leari und Hänsenberger im eigenen Umfeld. Dies schmälert aber den Gehalt der Zeitschrift nicht. Denn sie bewegen sich unter ihresgleichen – wachen Köpfen.

Die zweite Ausgabe sei noch nicht geplant, obwohl Hänsenberger und Laeri unabhängig voneinander davon sprechen. Die Vernissage der ersten sei im Vordergrund gestanden und der Verkauf der 700 gedruckten Exemplare stehe als nächster Schritt an. Ein Masterplan existiere nicht. «Wir haben etwas versucht. Denn wenn man nichts versucht, geschieht nichts», sagt Carlo Laeri. «Nun wollen wir schauen, was passiert.»

Die Geschichte hat angefangen – und jetzt bieten die Herausgeber Zufällen und Geschichten Raum.