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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Kulturelle Bildung als Erlebnis

Dem Publikum ein Werk oder eine künstlerische Darbietung näher bringen – so definiert  das Kulturförderungsgesetz des Bundes Kulturvermittlung. KonzertTheaterBern setzt für den Tanz neue Massstäbe.

(Foto: Philipp Zinniker)

Es nennt sich «öffentliche Tanzprobe».  Wir sitzen mit etwa hundert Personen, von Kindern bis zu Senioren, inmitten der Regie, des Komponisten, des Beleuchtungsteams und vieler weiterer Involvierter im Zuschauerraum und verfolgen eine gute Stunde lang die Arbeit des Choreografen mit den Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie von KonzertTheaterBern mit. In acht Tagen ist Premiere. Den Stoff bildet Max Frischs 1957 erschienener Roman «Homo faber» über den Ingenieur Walter Faber, der sich in Sabeth verliebt, die eigene Tochter, wie er später merkt, deren Tod er am Schluss verschuldet.

Lebende Abbilder der inneren Welt

Wie bringt man diese Geschichte mit ihren exotischen Schauplätzen und Zügen der Kolportage als Tanzstück, ohne Worte, auf die Bühne? Choreograf Felix Landerer zeichnet Fabers Ahnungen, Erinnerungen, Heimsuchungen im Moment, bevor er zur Krebsoperation bereit gemacht wird. Mit der Hauptfigur kommunizieren die anderen Tänzerinnen und Tänzer als lebende Abbilder seiner inneren Welt.

Wir verfolgen den Schluss des Stücks, dreimaliger Durchgang der Sequenz mit und ohne Musik, mit wechselndem Licht, mit präzisen Korrekturen des Choreografen. Am Ende das fulminante Solo, das – wie uns erst dann klar wird – zur Schlussszene überführt, an deren Ende sich Fabers vorgestellte Figuren, eine nach der anderen, hinterrücks ins Dunkel des Vergangenen fallen lassen.

Kompetent, beredt und sensibel

Mit knappen, behutsamen Erklärungen und mit Fragen an Tänzer, Choreografen und Komponisten im genau richtigen Moment, führt Tanzdramaturg Christoph Gaiser durch die Probe. Gaiser ist ein Glücksfall: kompetent, beredt, sensibel – und phänomenal achtsam auf die Bedürfnisse des Publikums. Wenn ich dies oder das wissen möchte, federt er auf, greift zum Mikrofon und erklärt oder fragt. Wunderbar.

Wir verlassen die Probe bereichert, bewegt und natürlich in fester Absicht, die Aufführung zu besuchen und darauf zu achten, wann weitere öffentliche Proben stattfinden. Die «öffentliche Probe», ein Akt der Kulturvermittlung in bester Qualität: Annäherung an ein entstehendes Werk als Erlebnis eigener Art. Und erst noch gratis. Danke!