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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Zum Beispiel Remlingen

Wir wagen einen Seitenblick nach Deutschland: Nach dem Film «Zum Beispiel Suberg» ist mit «Asseblick» ein Buch erschienen, das sich in anderer Weise dem gleichen Thema widmet: dem extrem raschen Wandel der Dörfer durch den Wandel unserer Zivilisation.

  • Oben der gepflästerte Parkplatz von Remlingen. (Foto: zvg)
  • Unten eine Lagerhalle mit strahlendem Material, dessen Halbwertszeit 24‘000 Jahre beträgt (Foto: zvg)
  • Oben die scheinbare Dorfidylle. (Foto: zvg)
  • Unten die düsteren Gänge. (Foto: zvg)
  • Oben wird Holz gelagert. (Foto: zvg)
  • Unten die Aufbewahrung für radioaktive Abfälle. (Foto: zvg)

Simon Baumanns Film «Zum Beispiel Suberg» ist in aller Munde. Er zeigt persönlich grundiert, doch ins Allgemeine geweitet, den Wandel eines Dorfs im Berner Mitteland: Einer vom Bauernalltag geprägten Gemeinschaft sind Einzelfamilienhäusler gefolgt, die hinter Hecken ihre Ruhe suchen.

Kein Ort, der alle angeht, kein soziales Zentrum, kein Zusammenhalt mehr. Ein während Generationen gesponnenes Netz von Beziehungen zerfiel innert 40 Jahren wegen neuer Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft und durch den Verkauf von Bauland. Es gibt wenig Leben hinter dem geputzten Schein.

Oberflächlich keine besonderen Merkmale

Das ist nicht viel anders in Remlingen, einem etwa gleich grossen Dorf südlich von Braunschweig, heute mitten in Deutschland, zuvor nahe der Grenze zur DDR. Remlingen hat wie Suberg oberflächlich keine besonderen Merkmale. Wie Simon Baumann erkundet Marie-Luise Könneker, in Remlingen geboren und aufgewachsen, aus grossem zeitlichen Abstand in einem bemerkenswerten Buch ihr Dorf: Auch hier eine für die Gemeinschaft und das politische Leben – und ganz besonders für das damalige Mädchen – wichtige Vaterfigur.

Er bewährt sich in schwieriger Zeit und kann doch nicht verhindern, dass innert etwa 40 Jahren unter den Feldern und dem Wald von Remlingen eines der grössten Problemfelder Deutschlands geschaffen wird, das heute und auf lange Sicht noch virulenter erscheint als am Anfang in den 1970er- und 80er-Jahren.

Radioaktive Abfälle im Salzbergwerk

Das Problemfeld heisst «Asse 2", ein aufgelassenes Salzbergwerk, in dessen hunderte von Metern unter der Erdoberfläche gelegene Stollen radioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken eingelagert wurden, zuerst ordentlich gestapelt, dann, als immer mehr Material aus ganz Europa angeliefert wurde, nahezu planlos in wilder Deponie, ein deklariertes «Versuchsendlager» mit «nichtrückholbarem» Müll, die deutsche Diskussion darüber widerhallt auch bei uns, das von der Geologie des Asse-Hügels, von Wassereinbrüchen, vom zunehmenden Widerstand in der Bevölkerung bedroht ist – und für das es doch keinen zufriedenstellenden Ersatz zu geben scheint.

Asse ist ein dorfnaher Hügel, «Asse 2» ist sozusagen sein konkaves Gegenstück in der Erde. Remlingen hockt mit seinen öden Wegen und sterilen Gärten in Ernst Fischers Fotos direkt über dem Atommüll-Lager. Am Tageslicht der gepflästerte Parkplatz, unter Tag eine Lagerhalle mit strahlendem Material, dessen Halbwertszeit 24'000 Jahre beträgt. Ein sichtbar gemachtes Beispiel einer Verdrängung. Wie diese sich entwickelte, was sie im gesellschaftlichen Leben des Dorfes bewirkte, erzählt Marie-Luise Könneker in knappen Kapiteln.

Entstanden ist ein Erinnerungsbuch, liebevoll und kritisch, subtil und sorgfältig, versponnen und achtsam, persönlich und (sachte) politisch. Auch ein Zeugnis übers Aufwachsen in den 1950er-Jahren.

Scharf ausgeleuchtete, präzise Fotos

Was der Text oft nur andeutet, zeigt Ernst Fischer in scharf ausgeleuchteten, präzisen Fotos in klinisch zu nennender Deutlichkeit: Geputzte Idylle oben, heilloses Durcheinander unten, fast wörtlich der berühmt-berüchtigte Tanz auf dem Pulverfass. Die 2010 gemachten Fotos haben ihre eigene Aussagekraft. Sie illustrieren den Text nicht nur, sie ergänzen und unterlegen ihn.

Eine lesens- und schauenswerte Erinnerung; eine unspektakuläre Mahnung, unsere Lebensweise und die daraus folgenden Konsequenzen zu überdenken. Marie Luise-Könneker ist ein Buch geglückt, das man leicht übersehen kann. Es wirkt noch stärker, wenn man in den Texten auch den Lebensweg der Autorin reflektiert findet, der sie als Schriftstellerin von Remlingen über Berlin und Bern in die französische Auvergne geführt hat, wo sie heute von Frühling bis Herbst in einer alten Mühle naturnah lebt.