Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Kein Weihnachtsbuch

«Kurz vor der Erlösung» von Michael Fehr ist eine philosophische Weihnachtsgeschichte für anspruchsvolle Leser und Leserinnen. Fehr hat für dieses Buch den Berner Literaturpreis erhalten. Heute Abend liest er in Wabern.

Ein Bauer entdeckt mitten in der Winternacht ein leicht bekleidetes Zigeunerpaar im Stall und will es im ersten Moment verjagen. Erst im vorletzten Text erfahren wir, dass das Paar Josef und Maria heisst, und dass Maria am Gebären ist. Dazwischen erzählt Fehr in längeren und kürzeren Texten von Situationen, die sich zur gleichen Zeit irgendwo auf der Welt zutragen. Drei Motive verbinden die Geschichten locker: die kardinalsrote Farbe, die Glocken der Kathedrale und das «Hallelujah», mit dem jede Geschichte endet.

Die Weihnachtsgeschichte ist in der christlichen Tradition die Metapher der Erlösung. Der Messias kommt zur Welt. Der Autor Michael Fehr interessiert sich jedoch nicht für den Messias, sondern für die Frage, was Erlösung ist und was sie für unser sein im Hier und Jetzt bedeutet. «Erlösung ist eine Entkrampfung. Sie ist der positivste Ausdruck, den Gleichgültigkeit haben könnte. Gleichzeitigkeit von wach und ruhig sein», erklärt er.

Rocker werden still und sanft

Seine These spielt er in vierzehn Geschichten durch: zum Beispiel der Müller, der ob der Situationskomik ganz heiter wird, obwohl er im Schneegestöber Auto fährt und die Strasse kaum sieht. Oder der scheinbare Fischer und wirkliche Säufer, dem der Schnaps den Bauch wärmt. Der sterbende Soldat erfährt Erlösung von Schmerz und Körperlichkeit. Der König bricht zu Friedensgesprächen auf.

Oft geht es um eine Balance. Die Hardrock-Band wird still und sanft. Die Einsamen überwinden im gemeinsamen Gesang des Männerchors ihre Einsamkeit. Fehr fragt sich, ob die Erlösung in der Balance liege oder ob sie eher Spannung bedeute: «Was liegt zwischen dem Potenzial und dem tatsächlichen Eintreten eines erlösenden Ereignisses?»

Fehrs ureigene, klingende Sprache

Auch Harmonie, also Wohlklang ist ein Aspekt der Erlösung. Nicht von ungefähr beschreibt Fehr in verschiedenen Geschichten musikalische Situationen. Und nicht von ungefähr stimmen alle Figuren in das lobpreisende «Hallelujah» ein. Vom Klang lebt der ganze Text. Er ist Klang. Deshalb ist das Buch in der Edition «spoken skript» des Schweizer Verlags «Der gesunde Menschenversand» erschienen.

Fehr schafft seine ureigene Sprache, indem er nach Begriffen sucht, die ihren Inhalt auch klanglich erfassen. Oft findet er diese onomatopoetischen Wörter in der Mundart, die er eindeutscht und mit verschiedenen oft wiederum mundartlichen und onomatopoetischen Synonymen erklärt. So werden die Bilder, die Fehr zeichnet, äusserst lebendig und der Text beginnt zu schillern.

Unmöglich, den Text flüchtig zu lesen

Dieses Schillern – es ist eine faszinierende Qualität – macht es uns unmöglich, den Text flüchtig zu lesen. Man muss langsam lesen und das Gelesene innerlich mithören, um folgen zu können. Das ist mühsam und verlangt von den Lesenden, dass sie sich dem Text hingeben. Dennoch ist «Kurz vor der Erlösung» ein Buch, das seine Leser nicht loslässt, noch wenn sie immer wieder abschweifen, um eigenen Gedankengängen zu folgen. Denn durch das Schillern von Sprache und Geschichte geraten wir als Lesende selbst in eine schwebende Spannung, die sich nach Lösung sehnt. Eine Lösung, die wir erst finden, wenn wir das Buch ganz gelesen haben.

Hörbeispiel

«Der scheinbare Fischer und wirkliche Säufer», Fünfter Satz aus «Kurz vor der Erlösung», gelesen von Michael Fehr. Erstmals publiziert in der Audioausgabe der Zeitschrift «Klar» Nr. 3, herausgegeben vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband.