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Und jetzt blicken wir nach vorn

Das Ja in der Abstimmung vom Sonntag verschafft dem Berner Stadttheater etwas Luft. Doch die Sanierung führt vorerst lediglich die Vergangenheit weiter. Die Zukunft braucht neue Ideen, findet Christoph Reichenau in seiner Analyse.

2018 war ein bewegtes Jahr für Konzert Theater Bern. (Foto: zvg)

Die Hürde ist geschafft: Die Stimmberechtigten von Bern bejahten am Sonntag den Stadtanteil von 19,05 Millionen Franken am Sanierungskredit für das Stadttheater-Gebäude mit 75,8% Ja-Stimmen. Diese Einladung hat der Grosse Rat angenommen und gestern Donnerstag den Kantonsbeitrag von 22 Millionen Franken gesprochen. In den Regionsgemeinden läuft es weniger rund. Aber schliesslich werden wohl 43 Millionen zusammen kommen. Das ist viel Geld.

KonzertTheaterBern hat die Vertrauensabstimmung, zu welcher die Baufrage gemacht worden ist, bestanden. Gratulation! Den Stimmenden gebührt ein herzlicher Dank; sie haben sich einmal mehr kulturfreundlich gezeigt.

Das Geld reicht nur für das Allernötigste

Doch trotz des vielen Geldes reicht es nur für das Allernötigste. Denn auch mit den 43 Millionen ist keine Rundum-Erneuerung möglich. Viele selbstverständliche Anpassungen werden aufgeschoben. Nach Festlegung des Kostendachs war alles andere zweitrangig. Das heisst aber: Weitere Sanierungen werden in absehbarer Zeit folgen. Obwohl wir dies wissen, wird später – ungerecht und unfair – die Rede von einem «Fass ohne Boden» sein. Die dannzumal Verantwortlichen sind nicht zu beneiden.

Dank dem erfreulichen Ja wird es möglich, die Vergangenheit zu bewältigen: Nach der Sanierung funktioniert das Theater wieder wie bisher. Offen bleibt jedoch die Zukunftsfrage: Welches Theater, welches Musikhaus wollen die Stadt und die Region? Wenn in vielleicht zwanzig Jahren, dem voraussichtlichen Zeitpunkt der nächsten Sanierung, ein den heutigen Vorstellungen entsprechendes Haus eröffnet werden soll, sind ab sofort Ideen zu entwickeln. Dazu ein paar Überlegungen.

Als 1903 das Haus eröffnet wurde, war es schon veraltet. Schon damals war Theater längst nicht einfach Guckkasten. Schon damals waren die Akkustik nicht optimal, der Graben eng, die Sicht von vielen Plätzen auf die Bühne eingeschränkt. Das damals neue Haus steht heute unter Denkmalschutz – genauso wie die Reitschule, die dem Theater Platz gemacht hatte.

Anpassung an neue Ansprüche einbeziehen

Im Sinne einer konstruktiven Denkmalpflege, aber auch im Sinne konsequenter Theaterkunst muss gefragt werden, wie weit sich im bestehenden Gebäude eine gute Lösung finden lässt. Gute Lösung bedeutet: Nicht bloss die Erhaltung des Bestehenden in technischer Funktionalität, sondern die Erweiterung des Bestehenden in Folge neuer Ansprüche an das Theater.

Sollte es sich erweisen, dass eine überzeugende Lösung im heutigen Haus nicht möglich ist, wäre zu überlegen, an dessen Stelle ein neues zu bauen. 1900 war auch neu gebaut worden. Das Gebäude liegt ausserhalb des UNESCO-Weltkultur-Schutzgebiets. Es steht direkt neben dem kraftvollen Zweckbau des Kornhauses aus dem Jahr 1718. Wir kennen in der Schweiz innerstädtische Theaterneubauten in Basel, in Winterthur, in St. Gallen, in Carouge. Es könnte ein Zeichen sein: Das Theater erneuert sich, die Form folgt der Funktion.

Ein Theaterbau für die Zukunft im Marzili?

Sollte dies nicht in Frage kommen, wäre ein Theaterbau anderswo zu prüfen und für das Stadttheatergebäude eine neue Nutzung zu finden, sei es eine kulturelle oder eine kommerzielle. Oder muss ein als Theater errichtetes Haus auf immer und ewig Theater bleiben, ob dies dem Theaterspiel dient oder nicht? Im Bereich des öffentlichen Verkehrs wurden und werden neue Bahnstrecken und Tunnels gebaut, alte Spitäler werden abgerissen und neuen Anforderungen entsprechend gebaut, das eben in Betrieb genommene Gebäude der Pädagogischen Hochschule im von Roll-Areal ist ein überzeugendes Beispiel funktionaler Erneuerung.

Wo könnte dies geschehen? Zum Beispiel in den Vidmarhallen. Seit 2008 bewährt sich die zweite Spielstätte von KonzertTheaterBern für Schauspiel und Tanz nebst Trainingsräumen für BernBallett und Kostümfundus. Liegt dort mittelfristig die Möglichkeit für eine finanzierbare Erweiterung?

Zum Beispiel im Marzili oder im Viererfeld. Ist in diesen Perimetern, für die neu geplant wird, ein Kulturhaus vorstellbar? Eine Theatermaschine in Verbindung mit einem modularen Musiksaal von etwa 700 Plätzen, jener Grösse, die in Bern seit langem fehlt? Damit würde ein neues Quartier aufgewertet, belebt, um eine essentielle öffentliche Funktion bereichert.

Man sucht nur, wenn man finden will

Zum Beispiel überall dort, wo in Bern oder nahe bei Bern ein grosser Neubau geplant oder ein grosses Gebäude umgenutzt wird. Darin könnte Raum für das Theater- und Musikhaus entstehen. Der Saal darf unter Tag liegen. Theater ist künstliches Dunkel, in welches das Licht Spiel und Leben bringt. So wie Parkgaragen unter dem Boden liegen können und sollen, kann Theater unterirdisch am richtigen Ort sein. Bekannte Beispiele, kleinere allerdings, machen es vor: Das Theater an der Effingerstrasse, das Theater am Käfigturm, das Narrenpack-Theater in der Kramgasse, das Theater unter dem Kornhausplatz, das ONO, früher die sagenumwobene «Rampe».

Man müsste nur suchen. Doch man sucht nur, wenn man finden will. Finden – eine richtige, heisst theatergerechte Zukunft für das Theater in Bern. Nicht für morgen, da funktioniert das sanierte Haus am Brückenkopf, sondern für überübermorgen. Um dafür eine Chance zu erhalten, muss man jetzt beginnen, die Idee zu entwickeln.

Blicken wir nach vorn und handeln wir!

«Man» – das sind in erster Linie die Verantwortlichen von KonzertTheaterBern und von anderen Kulturorganisationen, zum Beispiel der Camerata Bern oder der freien Theater- und Tanzszene. Das sind auch die Kulturverantwortlichen der Stadt und des Kantons und der Burgergemeinde Bern. Würde sich ein kleiner Kern bilden, der zu spintisieren anfängt, könnte vieles in Bewegung kommen.

Und noch eine letzte Bemerkung: Kultur ist Meisterin im Zwischennutzen und im Nachnutzen von aufgegebenen Räumen. Die Beispiele des PROGR, der Wifag, des Schlachthauses, der Dampfzentrale zeigen es.

Von Zeit zu Zeit erscheint es allerdings wichtig, dass aus einem kulturellen Verständnis heraus neu geplant und gebaut wird. Die Universität sowie die Pädagogische Hochschule hatten jetzt diese Chance auf dem Voll-Roll-Areal an der Fabrikstrasse. Kultur ist für uns ebenso wichtig wie Bildung. Stehen wir dazu. Die Sanierung führt die Vergangenheit weiter. Die Zukunft braucht neue Ideen. Blicken wir nach vorn und handeln wir. Jetzt.

Ein P.S.

Ist es frivol, just in der Woche wo sich der Grosse Rat anschickt, das strukturelle Defizit des Kantons Bern mit schmerzhaften Sparmassnahmen zu beheben, wo die Stadtberner Bevölkerung ein defizitäres Budget angenommen hat, an höhere Ausgaben zu denken? Nein, das ist es nicht. Seit Beginn der 1990er-Jahren folgt in Stadt und Kanton Bern ein Sparprogramm dem anderen, mal milder, mal einschneidender. Die öffentlichen Haushalte stehen immer unter dem Druck zu hoher Ausgaben, zu niedriger Einnahmen. Sie auszutarieren, ist die politische Aufgabe Nummer eins. Kultur darf kosten, da sie für unsere Gesellschaft so unentbehrlich ist wie der öffentliche Verkehr, das Gesundheitswesen, die Bildung, die Viehschauen. Und wie die Finanzlage der öffentlichen Hände um 2030 aussehen wird, wagt wohl niemand zu prophezeien. Deshalb wollen wir uns das Weiterdenken nicht mit Blick auf die aktuelle Spardebatte verbieten.