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Zum Beispiel Suberg: In dreissig Jahren vom Bauern- zum Schlafdorf

Suberg liegt im Berner Seeland, auf halber Strecke zwischen Bern und Biel. Der Filmemacher Simon Baumann hat den Ort zum Thema von «Zum Beispiel Suberg» gemacht – und dafür den Regiepreis des Kantons Bern erhalten. Nun läuft der Film in den Berner Kinos an.

  • Früher Bauerndorf, jetzt Schlafdorf: Suberg hat sich rasch verändert. (Foto: zvg)
  • Simon Baumann fragt nach bei den Bewohnern von Suberg. (Foto: zvg)
  • Die Eltern des Filmemachers, Ruedi und Stephanie Baumann, im Nationalratssaal. (Foto: zvg)
  • Baumanns Eltern damals auf dem Bauernhof. (Foto: zvg)
  • Simon Baumanns Grossvater war eine wichtige Figur im Dorfgefüge von Suberg. (Foto: zvg)
  • Suberg liegt auf halber Strecke zwischen Bern und Biel. (Foto: zvg)
  • Baumann versucht, Kontakte mit den Dorfbewohnern zu knüpfen. (Foto: zvg)
  • Nicht überall ist Baumann so willkommen wie hier. (Foto: zvg)
  • Der Männerchor von Suberg wird zu Simon Baumanns Anknüpfungspunkt. (Foto: zvg)
  • Es wird gebaut, und gebaut, und gebaut. (Foto: zvg)
  • Suberg wurde in gewisser Weise vom Bauboom gefressen. (Foto: zvg)
  • Einfamilienhaus-Romantik oder -Hölle? (Foto: zvg)
  • Der Film wird auch zum Dokument eines typisch schweizerischen Strukturwandels. (Foto: zvg)
  • Ein typisches Bild für die Schweiz. (Foto: zvg)
  • Nebel spielt eine nicht unwesentliche Rolle im Film «Zum Beispiel Suberg». (Foto: zvg)
  • Eine Idylle, die auch etwas Täuschendes hat. (Foto: zvg)

Nachdem der in Suberg aufgewachsene Filmemacher Simon Baumann das Dorf und seine Bewohner 32 Jahre lang «erfolgreich ignoriert» hat, möchte er dort nun doch heimisch werden. In Suberg haben seine Eltern, Ruedi und Stephanie Baumann, ihren Bauernbetrieb nachhaltig und lebensfroh bewirtschaftet und sich für ein solches Wirtschaften auch politisch eingesetzt. Sie waren das erste Nationalratsehepaar der Schweiz. Und seit 2004 haben sie einen Hof in Frankreich – «wo man noch Bauer sein kann».

Simons Bruder Kilian hat den elterlichen Hof übernommen, Simon selbst ein altes Haus neben dem Hof, und jetzt möchte er eben doch seine nähere Umgebung etwas kennenlernen, wie das früher der Brauch war.

Das Leben ist aus dem Dorf verschwunden.

Esther Fischer-Homberger

So einfach geht das aber nicht mehr – «in nur drei Jahrzehnten hat sich das verschlafene Bauerndorf zum Schlafdorf entwickelt», schreibt der Filmer, viele Bauernhöfe haben Einfamilienhäusern mit Garten und Parkplatz Platz gemacht, und mit ihnen ist das Leben aus dem Dorf verschwunden.

Simon sucht alte Bekannte auf. Er fragt den seinerzeit mächtigen Viehhändler, ob er nicht bedaure, zu der Entwicklung beigetragen zu haben. Ja, sagt der, «man hätte vielleicht etwas weniger Dampf geben sollen...» Aus dem Hühnerhof eines der letzten Bauern im Dorf ist eine Hühnerfarm geworden, 6000 Stück sei aber an der untern Grenze, moderne Hallen gäben Platz für 18-20'000.

Und die Frauen? Die sagen besser nichts. 1986 wurde Simons Vater, damals SVP-Gemeinderat, von seiner Partei nicht als Grossratskandidat aufgestellt, weil seine Frau für die SP kandidierte. Er ist ja dann grüner Grossrat geworden. Sein Sohn weiss, wie eng es im Dorf sein kann, gleichwohl vermisst er die dörfliche Gemeinschaftlichkeit.

Milchsammelstelle, Dorfladen, Post und Bahnschalter sind aufgelöst.

Esther Fischer-Homberger

Die Räume, in denen man sich früher, auch wenn man nicht so viel miteinander zu tun hatte, zu begegnen pflegte, sind geschlossen worden: Milchsammelstelle, Dorfladen, Bahnschalter und Post sind aufgelöst. Die Dorfbeiz ist zum Gourmetrestaurant geworden. Die Strasse taugt auch nicht zu Begegnungen, sie gehört den Autos, und wer da zu Fuss geht, ist ebenfalls wenig geneigt, sich spontan ansprechen zu lassen.

Simon Baumann versucht, beim Bahnübergang, wo der Verkehr immerzu stillsteht, wenn wieder ein Zug vorbeibraust, einen Treffpunkt zu schaffen. Er begrüsst die Menschen in den Autos, offeriert ihnen Nussgipfel und sucht auch hier das Gespräch.

Manche kennen ihn und wüten noch immer – sein Vater hat sich seinerzeit gegen den Bau einer scheusslichen und viel zu teuren Unterführung eingesetzt. Seinetwegen verliere man jetzt seine Zeit bei der Barriere. Die linksgrünen Eltern haben sich mit ihren Bemühungen um das Dorf eben nicht bei allen beliebt gemacht.

Schliesslich findet der Filmer «im Männerchor eine letzte, aber auch schon gefährdete Oase des Gemeinschaftssinns». Als Jüngster, weit unter dem Durchschnittsalter, wird er Mitglied, man sieht ihn nun sich im Singen üben.

«Wir waren überrascht, welchen Einfluss ein kleiner Laden auf unser Lebensgefühl im Dorf hat.»

Simon Baumann

Dass aber aus der Beschäftigung mit dem Dorf der Film «Zum Beispiel Suberg» (CH 2013) geworden sei, habe mit einem weiteren Ereignis zu tun, schreibt er: «Esther und Klaus Hollenstein, ein Ehepaar im Rentenalter, haben in Suberg ein kleines Lädeli eröffnet. Sie verkaufen dort selbstgemachte Züpfe aus dem Holzofen (billiger als der Grossverteiler) und weitere biologische Produkte aus der Umgebung. Seit Jahrzehnten war es das erste Mal, dass im Dorfkern ein kleines Unternehmen gegründet und nicht geschlossen wurde. Entsprechend euphorisch waren die Reaktionen der Dorfbewohner, und auch wir waren überrascht, welchen Einfluss ein kleiner Laden auf unser Lebensgefühl im Dorf hat. Zu Fuss einkaufen gehen, ein paar Worte mit Esther oder den anderen Kunden wechseln – es braucht wenig, um sich mit seiner Umgebung enger verbunden und damit geborgener zu fühlen. 'Think global, act local'».

Der 8-jährige Simon Baumann wollte Astronaut werden, als Erwachsener versucht er nun , das dörfliche Universum zu erkunden. Auch als Filmemacher pflegt er offenbar die Gemeinschaft. Zur Crew von «Suberg» zählen Kollegen, mit denen er schon früher zusammengearbeitet hat, etwa Andreas Pfiffner (Kamera) und Katharina Bhend (Schnitt). Als Co-Autorin figuriert Kathrin Gschwend, seine Partnerin.

Der Film ist unprätentiös erzählt, auf unauffällige Weise witzig.

Esther Fischer-Homberger

Der Film ist unprätentiös erzählt, auf unauffällige Weise witzig – auch mit seinem Stil fängt er eine typisch schweizerische Dorfmentalität ein. Historisches Foto- und Filmmaterial zu Dorf- und Familienleben ist eingearbeitet, sogar Spezialeffekte sind zu sehen – dort, wo die Baumannbuben sich einst vorstellten, der Lyssbach sei der Mekong.

Schon im köstlichen Mockumentary «Image Problem» (CH 2012) – über das Image-Problem der Schweiz im Ausland – den Baumann zusammen mit Andreas Pfiffner drehte, hat er gezeigt, wie gut er sein Handwerk versteht und sich mit ihm zu vergnügen weiss, dass er unverblümte Kritik mit freundlichem Humor und Witz zu äussern versteht und dass es ihm bei allem Pessimismus nicht einfällt, die Hoffnung aufzugeben.