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Klandestine Preisverleihung in Burgdorf

Der Berner Autor Dmitrij Gawrisch gewinnt den wichtigen Literaturpreis «Open Mike» der Literaturwerkstatt Berlin. Die sonst öffentliche Ehrung fand dieses Mal im privaten Rahmen in Burgdorf statt.

Der Berner Autor Dmitrij Gawrisch. (Foto: zvg)

Es ist wohl einer der denkwürdigsten Literaturanlässe der letzten Jahre. Am Mittwoch lud der Schriftsteller Michael Fehr 41 ausgewählte Personen aus dem Literaturbetrieb nach Burgdorf ein: Verlegerinnen, Lektoren, Kritikerinnen, Veranstalter, Autorinnen reisten aus Bern, Basel, Zürich, Solothurn und Luzern an. Eigentlich wollte Fehr in seiner privaten Wohnung in Bern empfangen. Da die Wohnung zu eng gewesen wäre, wie er zur Begrüssung erklärte, habe ihm der Künstlerfreund und HKB-Dozent Ralf Samens den Raum der IG Kultur in der Fabrik in Burgdorf vermittelt.

Grosse Ehre für jungen Berner Autoren

Der «Open Mike», ein internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik, wird seit zwanzig Jahren von der Literaturwerkstatt Berlin ausgerichtet. Etliche, mittlerweile bekannte Autorinnen wie Terezia Mora, Kathrin Röggla, Julia Franck oder Zsuzsa Bank haben den Preis erhalten. Auch bei einigen Schweizern wie Tim Krohn oder Michael Stauffer stand er am Anfang der Karriere.

Ebenso namhaft ist die Jury, die sich dieses Jahr aus Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und Raphael Urweider zusammensetzte. Aus 680 Einsendungen wurden 20 Autorinnen und Autoren benannt, die an zwei Tagen in Berlin vor über 500 Leuten öffentlich lasen. Zur Siegerin und zu Siegern wurden schliesslich Maren Kames aus Überlingen, Jens Eisel aus Neunkirchen und Dmitrij Gawrisch aus Bern erklärt.

Wirtschaftswissenschafter und Dramatiker

Dmitrij Gawrisch, 1982 in Kiew geboren, ist in Bern aufgewachsen und studierte hier Wirtschaftswissenschaften. Für seine Masterarbeit, die sich mit der Preisgestaltung von zeitgenössischer Kunst befasste, erhielt er 2008 von der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern den Schmeller-Preis verliehen. 2010 war Gawrisch Stipendiat beim Zürcher Dramenprozessor. Und diesen Sommer gewann er mit seinem Theaterstück «Mal was Afrika» den Autorenwettbewerb der Theater St. Gallen und Konstanz.

Anschliessende Lesereisen gehören zum Konzept des Open Mike. Nachdem das Zürcher Literaturhaus im letzten Jahr als Partnerin wegfiel, sprang der Berner Dichter Michael Fehr ein. So kam es also, dass Maren Kames, Jens Eisel und Dmitrij Gawrisch in einer klandestinen Veranstaltung der Schweiz präsentiert wurden, ehe sie weiterfuhren zu öffentlichen Lesungen nach Wien und Frankfurt/M.

Nach Burgdorf angereist kamen neben den Ausgezeichneten auch der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin Thomas Wohlfahrt sowie die Verantwortlichen der unterstützenden Crespo Foundation, die Stifterin Ulrike Crespo und ihr Geschäftsführer Aslak Petersen. Sie betonten, dass das Open Mike mehr sei als nur ein Preis (der mit 2500 Euro nicht allzu hoch dotiert ist). Die Ausgewählten der «longlist» würden über den Anlass hinaus mit Lektoratsangeboten und weiteren Einladungen zu Veranstaltungen begleitet.

Internationale Literatur, auch in Bern

Jens Eisel, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, las «Glück», die Geschichte eines in Hamburg gestrandeten Sarajevo-Flüchtlings, dem der horrend hohe Gewinn in einem Wettbüro auf einmal sämtliche Probleme zu lösen scheint.

Maren Kames, sie hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert, stellte ein aus längeren und kürzeren Passagen bestehendes Prosa-Gedicht vor, welches Hör-Erinnerung in Bild-Sprache übersetzt: «Halb Taube halb Pfau».

Dmitrij Gawrischs Erzählung «Schaukelgestühl ganse en bräune» schliesslich verwandelt die Dingwelt in sprachschöpferische Poesie, so dass eine Berliner Zeitung gar meinte, Gawrischs Text sei in Berndeutsch verfasst.

So schön die klandestine Veranstaltung war, so gut das währschafte Essen, das Fehr aufgetischt hat, so ausgezeichnet der Wein, den Ralf Samens ausgesucht hat – man wünscht dem Anlass doch jene grössere Öffentlichkeit, die ihm zustehen würde.

Hoffen wir, dass es in der Stadt Bern eines Tages wieder eine Literaturpolitik gibt, die es nicht mehr nötig macht, dass die Dichter, wenn ihnen die Wohnung zu eng wird, nach Burgdorf ausweichen müssen.