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Journal B

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Kühn und kühl

KOMMENTAR | Das Projekt Cinéma Rex des Kinos Kunstmuseum weist für die Berner Kulturlandschaft zwei untypische Aspekte auf: der Mut und die Bereicherung «von unten».

Untypisch ist der Mut, aus den bestehenden Verhältnissen auszubrechen, Neues zu wagen, ein Risiko einzugehen – ein überschaubares Risiko zwar, aber immerhin. 1,8 Millionen sind eine beträchtliche Investition für den kleinen Verein Cinéville, der kaum über Reserven verfügt. Es braucht eine starke Überzeugung, ja eine Leidenschaft für den Film, an das oft totgesagte Kino zu glauben und dem eigenen Programm zu vertrauen. Der Businessplan zeigt, dass die Leidenschaft gepaart ist mit einem kühlen Blick für die kommerziellen Möglichkeiten im Berner Kinomarkt. Nicht nur die cinéastische, auch die betriebliche Rechnung kann aufgehen, wenn alle Faktoren stimmen.

Es braucht eine Leidenschaft für den Film, ans oft totgesagte Kino zu glauben und dem eigenen Programm zu vertrauen.

Christoph Reichenau

Untypisch ist auch die Absicht, die Arthouse-Kino-Situation in Bern «von unten» zu bereichern. Anstatt sich mit der Nische zu bescheiden, in der sich neben der Quinnie-Gruppe (mit ABC, Bubenberg, Camera, Club und Movie) seit Jahren die Off-Kinos bewähren (dazu gehören so unterschiedliche Orte wie die Cinématte, das Kellerkino, das Lichtspiel und das Kino Reitschule), drängt das Kino Kunstmuseum aus dem Keller ins Licht.

Das ist kühn. Und kühl. Kühn, da die Quinnie-Gruppe mit langjähriger Erfahrung, besten Beziehungen zu Produzenten und schweizweit wie international gut vernetzt herausgefordert wird. Und kühl, weil bei näherer Betrachtung der Schritt so gross auch nicht ist: Keine zusätzliche Leinwand in der Stadt, weniger Plätze als bisher, unwesentlich mehr Vorführungen und – dies scheint entscheidend – kaum direkte Konkurrenz um Filmpremieren.

Seit 2011 kamen dank der Partnerschaft von Kellerkino und Kino Kunstmuseum neue Filme nach Bern, die sonst hier nicht gezeigt worden wären. Die von einigen befürchtete und vorschnell kritisierte Konkurrenz ist also in Wahrheit eine Ergänzung, eine Bereicherung, ein Plus für die Kinoliebhaberinnen und -liebhaber.

Ein Rechenbeispiel zum Schluss: 1,8 Millionen Franken kostet der Umbau des heutigen Kinos Rex, der zu rund 45'000 Eintritten pro Jahr führen soll. Daran tragen Stadt und Kanton Bern einschliesslich Lotteriefonds 610'000 Franken oder 35% bei.

Auf 45 Millionen kommt die Sanierung des Stadttheaters zu stehen. Stadt und Kanton übernehmen davon 40,05 Millionen oder 89%. Die rund 160 Oper-, Musical-, Tanz- und Schauspiel-Aufführungen im ehrwürdigen Haus werden von – optimistisch gerechnet – 80'000 Personen besucht.

Es geht nicht darum, Äpfel und Birnen zu vergleichen. Zu zeigen ist aber, dass das Kino ein günstiger Kunstort ist. Einer mit Publikum. Und einer, der Förderung durch die öffentliche Hand verdient.