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Wie ich meine allgemeine Wehrpflicht abschaffte

Vor 25 Jahren starb der Psychiater und Schriftsteller Walter Vogt. Sein psychiatrisches Gutachten hat mich vom Wahnsinn der Armee befreit, indem es mich «wahnsinnig» machte. Protokoll einer Emme-Wanderung.

  • Ilfis in Langnau: Warum tue ich mir das an? (Foto: Fredi Lerch)
  • Vorbei am Ramseiberg: Krank oder kriminell? (Foto: Fredi Lerch)
  • Gohlhusbrügg vor Lützelflüh: Zwang oder Chance? (Foto: Fredi Lerch)
  • Schwelle nach Lützelflüh: Diagnostik oder Literatur? (Foto: Fredi Lerch)
  • Emme in Burgdorf: Wie normal ist Normalisierung? (Foto: Fredi Lerch)

Um die Dienstleistungen der Normalisierungsindustrie mache ich einen respektvollen Bogen – und ich habe meine Gründe dafür. Am letzten Samstag bin ich deshalb von Langnau nach Burgdorf gegangen: Ich wollte mit mir ein bisschen Gesprächstherapie machen. Nicht als Patient oder als Therapeut, sondern als Kollege. Für die Profis mag zwar gleiche Augenhöhe ein dilettantisches Setting sein. Aber für uns beide ist es immer wieder das richtige.

Walter Vogt war der Psychiater, ich der Patient

Nötig geworden ist das Gespräch, weil vor 25 Jahren der Schriftsteller und Psychiater Walter Vogt (1927–1988) gestorben ist. Der Kulturpunkt im Progr und die Galerie des Kornhausforums erinnern mit Ausstellungen und Veranstaltungen an seinen Tod. Am 21. September – dem Todestag – lesen unter dem Titel «Begegnungen mit Walter Vogt» im Progr verschiedene Leute Kurztexte.

Schon vor Monaten hat mich Lisbeth Vogt, die Witwe des Autors, gefragt, ob ich bei dieser Gelegenheit die WoZ-Reportage vorlesen würde, die ich seinerzeit über meine Begegnung mit Vogt geschrieben habe. Klar, mach ich, habe ich gesagt. Und jetzt – der Ilfis entlang Richtung Emmenmatt – rede ich mit mir darüber, warum ich mir das antue.

«Ich wollte nicht normalisiert werden, sondern meine Wehrpflicht beenden.»

Fredi Lerch

Am 31. Juli 2002 wäre Vogt 75 geworden. Aus diesem Anlass berichtete ich damals in einer Reportage über unsere Bekanntschaft, die von Mitte Januar bis anfangs April 1980 gedauert hat: Vogt war der Psychiater, ich der Patient. Allerdings wollte ich nicht normalisiert werden, sondern meine Wehrpflicht beenden. Vogt machte mir denn auch weder ein Therapieangebot, noch schrieb er mir ein Pillenrezept. Er verfasste ein Gutachten und knapp drei Monate später war ich dienstuntauglich. Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen. – Jetzt entlang der Emme: Zollbrück.

Berichten konnte ich in der WoZ über meine «psychiatrische Ausmusterung», weil mir neben meinem Tagebuch auch Vogts Gutachten vom 4. März 1980 nebst seiner Staatsschutzfiche zur Verfügung stand. Zwar durfte er selber mir als Arzt das Gutachten nicht aushändigen, aber Lisbeth Vogt, mit der ich unterdessen gut bekannt war, hat es mir Ende der neunziger Jahre geschenkt. – Ranflühstäg.

«I gloube, sBeschte won i schribe, si di Guetachte»

1980 war die Geschichte die: Nach vier Wiederholungskursen schaffte ich die Teilnahme an diesen gemeingefährlichen Männerritualen nicht mehr, die für mich die Diensttage in der Armee waren. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder verweigern und mich über den juristischen Herrschaftsdiskurs kriminalisieren oder mich über den medizinisch-psychiatrischen Herrschaftsdiskurs pathologisieren lassen. Das Gefängnis traute ich mir nicht zu. Darum ging ich zum Psychiater. – Ramsei.

Vogt hat mit seinen Gutachten mehrere hundert Soldaten von der Dienstpflicht befreit. Das einzige, das meines Wissens öffentlich bekannt ist, ist meines, soweit ich es in der Reportage zitiert habe. Aber warum soll ich es mir antun, nach 2002 jetzt zum zweiten Mal öffentlich darüber zu reden? – Lützelflüh

«Rühmt ein Belletrist eigene Texte in dieser Art, verleiht er ihnen eine literarische Bedeutung.»

Fredi Lerch

Darum: Lisbeth Vogt erzählt, dass sie selber viele dieser Gutachten nach dem Diktat ihres Mannes in die Schreibmaschine getippt und er bei diesen Gelegenheiten mehr als einmal gesagt habe, er glaube, diese Gutachten seien das Beste, was er schreibe. Ein interessanter Hinweis. Rühmt ein Belletrist eigene Texte in dieser Art, verleiht er ihnen ja unzweifelhaft eine literarische Bedeutung. Und Vogt war eben nicht nur Mediziner, Röntgenarzt und später Psychiater FMH, sondern auch engagierter Schriftsteller, der zwischen 1976 und 1980 mit der Gruppe Olten eine Organisation präsidierte, die als Ziel den demokratischen Sozialismus im Zweckartikel festgeschrieben hatte. Wie verhält sich im Kopf eines solchen Intellektuellen die psychiatrische Sprache zur literarischen? – Hasle-Rüegsau.

Gespiegelte Sprache kann subversiv wirken

Damit das klar ist: Selbstverständlich respektiere ich jedes Wort, das Vogt 1980 in seiner Diagnose über mich verwendet hat: «manischdepressives» und «aggressiv-aggressionsgehemmtes» Syndrom nebst «extremem» Narzissmus, zeitweiliger Trunksucht und Suizidalität. Aber: Wer sich in zwei Diskursen bewegt, hat die Möglichkeit, den einen metaphorisch im anderen zu spiegeln: Vogt hat gleichzeitig Romane über medizinische Themen geschrieben («Wüthrich», 1966; «Der Wiesbadener Kongress», 1972, «Schizogorsk», 1977) und literarisch ambitioniert psychiatrische Gutachten verfasst. – Lochbach.

«Vogt hat mich von einem Zwang befreit und mir neue Lebens-Chancen eröffnet.»

Fredi Lerch

Laut Vogts Fiche hat der vaterländische Staatschutz versucht, ihn zu überführen als Linken, der subversive Gefälligkeitsgutachten schreibe. Die Staatschützer scheiterten, weil Vogt seine Gutachten exakt nach den Regeln der psychiatrischen Kunst schrieb. Er schrieb fehlerfreie Herrschaftssprache, zwang sie aber kraft seiner Funktion als Psychiater, dysfunktional, nämlich emanzipativ zu wirken und Soldaten aus dem totalitären System der Armee zu befreien. Was als psychiatrische Sprache bis heute die Macht hat, mich als «psychisch krank» zu stigmatisieren, hat mich als «Littérature engagée» damals von einem unerträglichen Zwang befreit und mir neue Lebenschancen eröffnet. – Heimiswilbrücke.

Walter Vogt war gerade deshalb ein radikaler Literat, weil er die Literatur nicht ernster nahm, als sie es verdient. Sprache ist immer ein Mittel zum Zweck, auch literarische; Sprache als Selbstzweck wäre Sprachfetischismus. – Wynigenbrücke.

Die gesammelten Werke der Normalisierungsindustrie

Also noch einmal an die Öffentlichkeit mit dieser alten Geschichte. Denn: Die stigmatisierende Gewalt psychiatrisch-diagnostischer Texte beruht – nicht nur, aber auch – darauf, dass sie vollständig tabuisiert und trotzdem vorhanden sind. Hinter der Mauer des Datenschutzes werden diese Texte zwischen den Fachleuten als Spielmarken der Exklusion hin und her geschoben. Betroffen sind in der Schweiz mehrere hunderttausend Kinder, Frauen und Männer. Würden sie alle die über sie erstellten Gutachten als literarische Texte öffentlich zur Diskussion stellen, hätte – diese Wette gilt! – die Öffentlichkeit eine realistischere Sicht auf die Dienstleistungen der Normalisierungsindustrie. – Bahnhof Burgdorf: Es war eine schöne Emme-Wanderung.