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Eine Spinnerei? Von wegen…

Aus den Quartieren

Im Norden Berns, an der Strasse nach Bremgarten, liegt der Spinnereiweg. Dieser Name ist im doppelten Sinne stimmig. Einerseits erinnert er an den ehemals grössten Industriebetrieb der Stadt, die Spinnerei Felsenau, anderseits steht er für eine «Spinnerei» aus den Achzigerjahren, an die anfänglich niemand so recht glauben wollte: günstige, nachhaltig und eigenhändig gebaute Wohnungen. Besuch in einem (real gewordenen) Traumhaus.

  • Das Lehmhaus unter dem Autobahnviadukt: speziell in vielerlei Hinsicht. (Foto zvg)
  • Der pyramidenförmige Wintergarten auf der Südseite. (Foto: zvg)
  • Der GemeinSaftladen: ohne Personal, ohne Verpackung ... und es klappt. (Foto: Rita Jost)
  • Am WG-Tisch: Andreas, Leoni und Sarah. (Foto: Rita Jost)

Die Via Felsenau 1 liegt zwar etwas versteckt in der Stassenbiegung, aber wer vor diesem Haus steht, der merkt: das ist ein ganz besonderes Haus. Tatsächlich ist es ein Unikum. Sowohl die Lage, die Bauweise und die Entstehungsgeschichte (siehe Info unten) als auch die heutige Bewohnerschaft sind aussergewöhnlich.

33 Menschen zwischen 0 und 54 Jahren wohnen in diesem Bau aus Lehm – in sechs WGs. Das Haus mit seiner Holzverkleidung und dem riesigen, pyramidenförmigen Wintergarten, dem Fröschenteich und dem Hühnerhaus, dem verwunschenen Garten, in dem nebst Rutschbahn auch ein offensichtlich bewohnter Bauwagen steht, ist schon rein äusserlich kein gewöhnliches Gebäude; aber was eigentlich wirklich erstaunlich ist, befindet sich im Hausinnern: da gibt es sechs Wohnungen, die durch luftige Gittertreppen mit einander verbunden sind, da führen 32 Türen ins Freie, da gibt es ein grosses Konzertlokal mit Bar im Untergeschoss, da lümmeln auf allen Stockwerken massenhaft Schuhe in jeder Grösse vor jedem Wohnungseingang, da trifft man auf liegengelassene Spielsachen und (scheinbar) besitzerlose Gerätschaften… Aber seltsam: das Chaos wirkt irgendwie gewollt und sogar ziemlich organisiert. Aber was vor allem überzeugt: das Haus wird belebt von engagierten und begeisterten Bewohnerinnen und Bewohnern. Es sind Menschen, die genau diese Wohnform gesucht haben. Menschen, die gemeinschaftliches Wohnen höher schätzen als x Quadratmeter Privatsphäre, die ihre Umgebung selber gestalten wollen und sich nicht daran stören, dass auf dem Viadukt über ihnen täglich Zehntausende Autos vorbeirauschen.

Menschen wie Leoni, Andreas und Sarah.

Leoni, 28, Keramikdesignerin

Die Baslerin hat schon während ihrer Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Bern in der Via Felsenau ein WG-Zimmer bezogen. Im letzten Jahr hat sie nun im nahem Haus Spinnrad in der Felsenau ein eigenes Keramikatelier einrichten können. Sie schätzt die ganz eigene Dynamik, die das Leben hier hat. «Unsere Gemeinschaft existiert eigentlich nur, weil wir genau dieses Haus bewohnen. Diese Lebensform gibt mir die Sicherheit, die ich brauchte um mich beruflich selbständig zu machen.»

 

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Klar, diese Wohnform erfordere Flexibilität und Offenheit, «aber: es muss ja nicht immer alles wie am Schnüerli laufen, Hauptsache man kann sich gegenseitig sagen, wenn einem etwas nicht passt.» Wenn z.B. im Badezimmer – es gibt nur eines für fünf Erwachsene – jemand sich am privaten Shampoo bedient hat, oder wenn es in der Küche schon wieder keine zwei gleichen Gläser mehr gibt.

Andreas, 42, Forstingenieur ETH, Projektleiter bei einer Umweltbildungsorganisation

Der Laufentaler stiess vor dreizehn Jahren zur Hausgemeinschaft und ist immer noch ein überzeugter und begeisterter Via-Felsenau-Bewohner. «Wo sonst wohne ich für 550.— monatlich mit Garten, Wintergarten, Fröschenteich, Hühnerstall, Pizzaofen …  habe die Aare vor der Haustür … Und nicht zuletzt einen Laden, der mir rund um die Uhr alles bietet, was ich brauche.» Dieser Bioladen («GemeinSaftladen» genannt) ist eines der jüngsten Projekte in der Felsenau. Andreas gehörte zum Gründerteam. Produkte des täglichen Bedarfs können im Nachbarhaus Spinnrad (meist im Offenverkauf) erworben werden: Teigwaren, Mais, Linsen, Öl, Essig … aber auch Bier, Wein, Hafermilch. Das Angebot richtet sich nach den Bedürfnissen. Die Preise sind tief, denn es gibt kein Verkaufspersonal, Zugang zum Laden bekommen Mitglieder über einen Zahlencode. Wer Mitglied ist, muss aber auch Putzdienst leisten. «Bisher funktioniert es tadellos,» bilanziert Andreas nach einem Jahr Erfahrung, «wir gehören sogar zu den Corona-Gewinnern.»

Sarah, 37, selbständige Biologin

Die Bernerin, die auf dem Land aufgewachsen ist, wollte nach dem Studium und dem Leben in einer Dreier-WG nur kurz das WG-Leben in der Felsenau ausprobieren. Nun sind daraus dreizehn Jahre geworden. Die Vorstellung, in einem Block zu leben, findet sie «schwierig». Es gibt zwar durchaus Momente, wo die Bässe aus dem Partykeller über die Wand direkt in ihr Zimmer dröhnen. Das lässt sich kaum auszublenden. «Aber dann gehe ich runter und bitte, die Verstärker etwas zuzudrehen oder weiche aus und übernachte bei meinem Freund.» Wie ist das überhaupt mit den PartnerInnen, wie gerne kommen sie in diese festgefügten Gemeinschaften, und wie werden sie integriert? Grosses Gelächter am Tisch: «Wir halten es so: vom Moment an, wo die PartnerInnen beim Putzen helfen, haben sie Stimmrecht!»

Von wegen Chaos...

Konflikte gibt es durchaus, wenn man als bestandene Erwachsene in einer WG wohnt. Manchmal sind es die Sachen, die verschwinden oder die einfach herumliegen und – offenbar – niemandem gehören. Aber ansonsten – so spürt man – lebt es sich wunderbar in der Via Felsenau. Bescheidener und weniger prestigeträchtig als andernorts, dafür aber in einer Gemeinschaft, die trägt und anregt. «Man ist einfach nie allein», sagt Sarah, und Andreas ergänzt: «Wo sonst kann ich bei jedem Nachtessen so viel erfahren über Amphibien, Keramikdesing, Juristerei, Erfahrungen auf dem Bau usw.»

Und von wegen Chaos: das scheint nicht nur, das ist durchorganisiert. Die Hausgemeinschaft bespricht alle zwei Monate an einer Haussitzung anstehende Fragen. Und in den Monaten dazwischen zum Hausplausch, dh. gemeinsames Nachtessen ohne Traktanden. Und jeder Bewohner, jede Bewohnerin muss 18 Stunden Gemeinschaftsarbeit leisten. Das klappt offenbar diskussionslos.

Ein Wohnexperiment und seine Geschichte

Vierzig Jahre ist es her, da wurde bei einem Nachtessen in der Berner Altstadt die Idee für die Via Felsenaus geboren. Nicht etwa von Jungspunden, im Gegenteil: von zwei bestandenen Herren. Diese, ein Bauunternehmer und ein hoher PTT-Beamter, hatten die lautstarken Forderungen der demonstrierenden Jugend nach alternativem Wohnraum verstanden. Und – noch fast wichtiger – sie kannten bei der Stadt und beim Bund die entscheidenden Leute, die es für die Realisierung solcher Träume brauchte.

Utopisch klang die Forderung tatsächlich: die Stadt sollte jungen Menschen Land überlassen, das diese nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen selber bebauen konnten. Und dies in Zeiten mit knappen Finanzen und wenig Bauland – wie sollte das möglich sein? Ein Glücksfall traf ein: Die Stadt konnte in der Felsenau Land kaufen, das sich nicht gerade zum Bau repräsentativer Wohnungen anbot. Das Terrain der ehemaligen Spinnerei, die seit den Siebzigerjahren leer stand.

Es folgte ein erster Gang an die Öffentlichkeit, dann ein Vertrag mit einer Interessengemeinschaft, die Gründung eines Trägervereins und schliesslich – 1989 – die Bewilligung zum Bau eines ersten Hauses. Zwischen 1991 und 1993 leisteten rund 40 Frauen und Männer rund 40 000 Arbeitsstunden an einem Haus, das noch heute als architektonische Pioniertat betrachtet wird.

Heute stehen in der Felsenau verschiedene Häuser. Sie sind in verschiedenen Bauetappen entstanden und alle genossenschaftlich organisiert. Aber nur die Via 1 ist zu 100-Prozent ein WG-Haus.