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Wie bleiben Berner Teamworker kreativ?

Dunkle Museumsgänge, leere Büros, verwaiste Arbeitsplätze … der Lockdown verändert die Arbeitswelt gerade grundlegend. Technisch ist vieles trotzdem möglich. Aber was macht der Lockdown mit Arbeitsteams? Kann man auf Dauer kreativ sein, wenn man sich nur virtuell begegnet? Eine Umfrage in Bern zeigt: es geht – und doch: einiges bleibt auf der Strecke.

Auch die Türen des Historischen Museums (BHM) sind zu. Aber dahinter wird weiter gearbeitet. (Foto: Rita Jost)

«Es hänkt scho a», fasst Peter Brandenberger, Redaktionsleiter des Regionaljournals Bern Freiburg Wallis die Stimmung in seinem Team zusammen. Er selber ist – wie das ganze Regi-Team seit Wochen hauptsächlich im Homeoffice tätig. Alle Mitarbeitenden der Informationsabteilung von Radio SRF im Studio Bern arbeiten nur ausnahmsweise «vor Ort». Für das Regionaljournal Bern Freiburg Wallis heisst das beispielsweise: pro Arbeitstag sind nur drei Leute für Studiodienst eingeteilt. Und diese arbeiten selbstverständlich ganztags mit Maske. Die restlichen Diensthabenden erstellen ihre Audiobeiträge zu Hause am persönlichen Laptop und überspielen die Files dem Produzenten, der Produzentin der Sendung.

 

Strukturierter, aber weniger kreativ

Teamsitzungen gibt es nur noch virtuell. Sie sind – so Brandenberger – strukturierter und kürzer, aber auch weniger kreativ. «Wir diskutieren selten wie früher einfach mal so ins Blaue hinaus», stellt Brandenberger fest. Und man merke jetzt, wie ergiebig solche Diskussionen oft waren. Aber eigentlich, stellt Brandenberger fest, hätten sie ja grosses Glück im Unglück: einige Wochen vor dem ersten Lockdown hat das Regionaljournal seine Produktionsweise umgestellt. Konkret: Alle Journalistinnen und Journalisten produzieren ihre Beiträge auf ihren persönlichen Laptops. Jede und jeder ist mobil und autonom. Technisch war die Umstellung auf Homeoffice deshalb kein Problem. Zwischenmenschlich allerdings sieht es etwas anders aus. Der informelle Austausch zwischen Tür und Angel entfällt, das unkomplizierte Feedback beim Kafi ebenso. Und das niederschwellige Teamerlebnis sowieso. Sprüche, Witzeleien, ein spontanes Feierabendbier mit Leuten aus dem Team: all das ist seit Wochen tabu. Leidet die Arbeit, der Teamgeist darunter? Bis jetzt, findet Brandenberger, habe noch niemand den Koller. Und das Team sei gesund geblieben. Er habe auch den Eindruck, es werde motiviert und engagiert gearbeitet. Aber, gibt er gleichzeitig zu, so auf Distanz sei es schon viel schwieriger, wirklich mitzubekommen, wie es den einzelnen Leuten gehe. Er hat deshalb einen zusätzlichen Sitzungstermin eingeführt. Für Ideen, Informelles, unstrukturiertes Geplauder. Das habe sich bewährt.

 

Der Fachmann rät zu Niederschwelligem

Mit einander auch informell im Gespräch bleiben, diese «Fenster» im Arbeitsalltag bewusst einplanen, das ist ein Tipp, den auch Fachleute geben. Martial Berset, Arbeitspsychologe und Organisationsberater beim Berner büro a&o rät Teams unbedingt zu solch niederschwelligen Austauschzeiten: Online-Firabebier, virtuelle Kafipausen, damit man wieder einmal «wie vorher» einfach ohne Zeitdruck und ergebnisoffen diskutieren kann. Denn – so der Psychologe: «Sonst geht der Teamspirit verloren, und der ist wichtig.»

 

Leeres Haus, volle Papierkörbe

Dass informelle Begegnungen wichtig sind für eine gut vernetzte Arbeit, diese Erfahrungen macht gerade auch Anne Hampel, Medienverantwortliche im Haus der Religionen. Im Moment sind zufällige Begegnungen im Haus am Europaplatz selten. Das 15-köpfige Team, das sich normalerweise immer mal wieder unkompliziert über den Weg läuft, ist mehrheitlich im Homeoffice. Im weitläufigen Haus sei es deshalb die meiste Zeit ungewöhnlich leer und still, sagt Anne Hampel. Die Kulträume der Religionsgemeinschaften sind geschlossen, die Küche und das Restaurant verwaist. «Wer vor Ort arbeitet, setzt sich mit dem Laptop irgendwo im Haus an einen Tisch und arbeitet einsam vor sich hin.»

 

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Zu tun gibt es auch trotz verschlossenen Türen einiges. Eine neue Website will konzipiert sein, man arbeitet – dies ein positiver Aspekt des Lockdowns – an Strategiepapieren, daneben warten Teamkonferenzen. Gleichzeitig werden laufend Anlässe verschoben, es müssen Diskussionsteilnehmende benachrichtigt werden und ausgeladen werden. «Das Frustrierende am Ganzen ist», resümiert Hampel, «wenn ich Werbematerial aus der Druckerei direkt in den Papierkorb entsorgen muss.» Alles schon vorgekommen.

 

Stop-and-go-Modus

Was es heisst, wenn Ausstellungen, die über Monate mit viel Herzblut geplant wurden, einfach nicht stattfinden können, davon kann auch Franziska Karlen berichten. Sie ist Leiterin für Ausstellungen im Bernischen Historischen Museum (BHM). Die Vernissage zur Ausstellung «Frauen ins Bundeshaus» musste zuerst verschoben werden, dann durfte sie für sechs Tage offen sein, kurz bevor das ganze Museum wieder schliessen musste. Solches sei hart, sagt Karlen, «denn das Feedback, die Reaktionen des Publikums sind für uns wichtig; und das gute Medien-Echo verpufft.» Jetzt wird die Ausstellung zu 50 Jahre Frauenstimmrecht bis November verlängert. Das bedeutet jedoch wiederum Mehrarbeit für die Marketingabteilung, die sicherstellen muss, dass diese Meldung überall ankommt. Merja Rinderli, die im BHM zuständig ist fürs Marketing hat Übung darin. Seit Monaten ist sie in diesem stop-and-go-Modus. Die Ausstellung Homo migrans wurde zweimal verlängert. «Die vergangenen Monate erforderten ein grosses Mass an Flexibilität. Verschieben, verlängern und absagen von Angeboten… das sei alles nicht kreativ, «sondern zeitraubend und ermüdend.»

Aber immerhin: es sind in diesen Wochen auch Online-Formate entstanden, die es vorher nicht gab – und sie wurden erstaunlich schnell auf die Beine gestellt. Zum Beispiel der Podcast «Gaffeepouse», der während der Lockdown-Zeit Interessierte über Ausstellungsgegenstände im BHM informiert und gut besucht wird. Das gleiche Format gibt es jetzt zur Ausstellung über das Frauenstimmrecht online. 

 

Nicht nur negativ

Es ist eine Erfahrung, von der alle Befragten berichten. Die Lockdown-Wochen haben neben viel Negativem auch positive Erfahrungen gebracht. Es wurden schnell und unbürokratisch überraschende Lösungen gefunden. Und die Sitzungen wurden bei fast allen effizienter. Alle Befragten berichten von strukturierteren Diskussionen, von besser vorbereiteten Teilnehmenden und von der Erkenntnis: es braucht nicht immer alle an einem Tisch. Einige online-Tools erweisen sich sogar als so nützlich, dass man sie beibehalten will und so auch in Zukunft Zeit und Ressourcen sparen will.

Diese Erfahrung deckt sich mit den Erfahrungen des Arbeitspsychologen. Er möchte sich nicht festlegen, welches die grössere Herausforderung für kreative Arbeit im Homeoffice sei: die Technik oder der Faktor Mensch. Es sei eher so, dass es technische Voraussetzungen brauche, damit Kreativität online überhaupt fliessen könne. «Es gibt eine Menge sehr brauchbare Tools, die man auch virtuell anwenden kann. Wie man diese optimal einsetzt, muss aber erlernt werden», sagt Martial Berset.

 

Die ermüdende Videokonferenz

Die Videokonferenz hat unterdessen wohl in den meisten Gruppen die analoge Teamsitzung ersetzt. Praktisch, finden alle, aber … auch sehr ermüdend. Anne Hampel vom Haus der Religionen, die ansonsten sehr gerne «entdeckt, was virtuell alles möglich ist», sagt es so: «15 Leute gleichzeitig vor sich zu haben, dazu mich selber anzugucken, und vielleicht zu merken, dass die Frisur überhaupt nicht sitzt, und ich sehr müde ausschaue, das stresst. Da laufen unbewusst gleichzeitig mehrere Interpretationsprozesse gleichzeitig ab.»

Der Arbeitspsychologe hat dafür auch schon den neusten Fachbegriff zur Hand: Zoom-Fatigue (Bildschirmmüdigkeit). «Man muss sich viel mehr konzentrieren, damit man alles mitbekommt. Und trotzdem fehlen einige wichtige Reize, die normalerweise eine Sitzung beleben». Dass dies kräftezehrend ist, wissen die Fachleute.

Fazit aller Befragten: virtuell geht schon, es kann sogar eine Zeitlang herausfordernd und spannend sein. Aber auf Dauer? Lieber nicht. Alle Befragten freuen sich auf die erste analoge Sitzung, das Gewusel um ein Whiteboard, das Gequatsche am Kafiautomaten. Und wenn dereinst die Sitzung am grossen Tisch etwas weniger ergebnisorientiert ist, beim anschliessenden Zusammensitzen bei Bier oder Kaffee wird sicher noch der eine oder andere überraschender Knoten gelöst.

 

PS. Die Gespräche für diesen Artikel wurden übrigens nicht über Teams oder ein anderes Konferenztool geführt, denn auch das ist eine Erkenntnis aus dem Lockdown: Die eher Schweigsamen sind im online-Gesprächskreis nicht unbedingt auskunftsfreudiger...