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Ein Weckruf aus Rom stoppte ein Bauvorhaben in Bern

Zeitzeug*innen

Das 2. Vatikanische Konzil (1962 – 1965) hat die Katholische Kirche verändert. Auch jene in Bern. Das «aggiornamento», das der greise Papst Johannes XXIII ausrief, die Öffnung hin zur Welt, brachte neue Ideen, einen Aufbruch. Eine, die diese Zeit aktiv miterlebt und gestaltet hat, ist Angelika Boesch, Buchhändlerin und später Redaktorin des katholischen Pfarrblatts.

Angelika Boesch: Die Rettung der Prairie war eine konkrete Folge des 2. Vatikanischen Konzils. (Bild zvg)

1958 wurde in Rom ein Papst gewählt, der Grosses mit der katholischen Kirche vorhatte: Angelo Giuseppe Roncalli aus Bergamo in der Lombardei, Johannes XXIII. Er sollte als «il Papa buono», der gute Papst, in die Kirchengeschichte eingehen.

Er war zwar schon 77-jährig, als ihm das höchste katholische Amt übertragen wurde, aber er war ein Reformer, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte. 1962 berief er das 2. Vatikanische Konzil ein. Dessen Ende im Dezember 1965 erlebte er zwar nicht mehr, er starb 1963, aber das von ihm ausgerufene «aggiornamento» (das Erwachen, die «Verheutigung») der katholischen Kirche, tat überall auf der Welt seine Wirkung. Auch in Bern.

Eine Männerkirche

«Ich sehe noch», erinnert sich Angelika Boesch heute, «wie mein Vater aufsprang, als am Radio die Wahl dieses Papstes verkündet wurde. Endlich ein Reformer, freute er sich.» Die Luzernerin wuchs in einem fortschrittlichen katholischen Haus auf. 1961 kam sie nach Bern, um hier bei der Buchhandlung Voirol eine Lehre zu beginnen. Sie hatte sich nach der Internatszeit in Menzingen eigentlich vom Katholizismus schon fast verabschiedet. Zu verknöchert und verstaubt erlebte sie die Strukturen. Doch dann kam der Papa buono. Und in der Buchhandlung in der Rathausgasse stapelten sich die Schriften von Reformtheologen und fanden dankbare LeserInnen – unter Katholiken genauso wie unter Reformierten. Bern war damals – zu Beginn der 60er-Jahre – noch eine reformierte Hochburg. Von Ökumene sprach niemand, Katholiken und Reformierte lebten praktisch in zwei Welten. Katholische Lehrer gab es bis kurz vorher nicht im Bernischen Schuldienst. Zum Religionsunterricht in den Schulen gingen nur die reformierten Kinder. Katholische Familien schickten ihren Nachwuchs in den Unterricht beim Pfarrer. Und ganz klar: in der katholischen Kirche hatten nur die Männer das Sagen.

Neue Töne

Das waren Zustände, welche die junge Buchhändlerin zunehmend irritierten und schliesslich aufrüttelten und politisierten. Sie wurde nach der Lehre Mitarbeiterin in einer linken Buchhandlung, las Adorno, Marcuse, Biermann, Che Guevara, Mao Tse-tung und diskutierte nächtelang mit ihrer Kundschaft im Laden. Eine «lustvolle Zeit», sei es gewesen, sagt sie heute. Vor allem auch, weil nach dem Konzil plötzlich so vieles möglich schien. Der Aufbruch war schliesslich quasi von höchster Stelle angeordnet worden: in der Kirche sprachen zwar immer noch ausschliesslich die Pfarrer, aber immerhin nicht mehr lateinisch. Und sie wandten sich der Gemeinde zu. Das Kirchenvolk nahm sich mehr und mehr das Recht, eigene Themen zu setzen, solidarisierte sich mit den KämpferInnen für Menschenrechte, forderte Rechte für die Landlosen, für die Frauen.

 

 

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In Lateinamerika predigten die Befreiungstheologen das Recht für Unterdrückte und beriefen sich auf die Worte des Papstes, der verkündet hatte, die Kirche müsse vor allem eine Kirche der Armen sein. Angelika Boesch knüpfte Kontakte zu diesen lateinamerikanischen Theologen und holte sie nach Bern. Vorträge von Leonardo Boff, Gustavo Gutierrez, Dom Helder Camara füllten die grossen Säle im Alfazentrum im City-West – genauso wie die Vorträge von feministischen Theologinnen. Da sprach beispielsweise die niederländische Theologin Catharina Halkes erstmals vom «Abschied vom Männergott». Das war selbst für Berner Freigeister ein starkes Wort.

Eine Ermächtigung

«Das Konzil war auch eine Ermächtigung», ist Angelika Boesch heute überzeugt, «wir hatten plötzlich den Mut, Nie-Gesagtes auszusprechen.» Und den Mut auch, scheinbar Unumstössliches anzuzweifeln. Auf dem Areal der Dreifaltigkeitskirche im Stadtzentrum sollte ein Neubau für ein Kirchliches Zentrum entstehen mit Büros für den Bischof. Die  «Prairie», ein Haus aus dem 18. Jahrhundert, hätte dafür weichen müssen. Die Pläne waren schon ziemlich konkret. Dann tat sich eine Handvoll Berner KatholikInnen zusammen und forderte mit dem Slogan «Chile läbe nid boue» ein Abbruch der Übung. Die lose Gruppe gewann 1981 schliesslich die kirchgemeindeinterne Abstimmung haushoch. Die Prairie wurde nicht abgerissen, sie wurde in vielen Stunden Freiwilligenarbeit sanft renoviert. Entstanden ist ein autonom verwaltetes Gemeindezentrum, das heute noch als offenes Haus und kulturelles Zentrum funktioniert.

La Prairie, das Haus auf dem Areal der Dreifaltigkeitskirche konnte dank Engagement der Basis erhalten bleiben und ist heute der Stolz der Kirchgemeinde. (Bild: zvg)

La Prairie, das Haus auf dem Areal der Dreifaltigkeitskirche konnte dank Engagement der Basis erhalten bleiben und ist heute der Stolz der Kirchgemeinde. (Bild: zvg)

Angelika Boesch, die an vorderster Front mit vollem Einsatz für diese Prairie gekämpft hatte, wurde von der Kirchenleitung vorübergehend «bestraft». Sie, die unterdessen Besitzerin der Buchhandlung Voirol war, erhielt von offizieller Seite keine Buchbestellungen mehr. Aber das Prairie-Projekt war derart erfolgreich, alle Medien berichteten ausführlich darüber, dass am Schluss die gesamte Kirchgemeinde stolz auf das Vorhaben war. «Ja, man kann sagen, dass die Prairie, so wie sie heute noch funktioniert, ein ganz konkretes Ergebnis des Konzils war», sagt Angelika Bösch heute. Und fügt an: «Wenn ich auf etwas mit Stolz zurückblicke in meinem Leben, dann auf dieses Projekt.»

Die Ernüchterung

Die Aufbruchstimmung hielt – in den Augen von Angelika Bösch – später leider nicht an. Die Kirche habe ihre Verbündeten verloren, sagt sie und zitiert Leonardo Boff. «Wir brauchen eine Kirche, die nach Kaffee und Essen riecht. Eine solche Kirche baut man mit Lust, Leidenschaft, Offenheit und Hingabe.» Und, ist Angelika Boesch überzeugt, das wäre automatisch eine ökumenische, solidarische und politische Kirche. «Aber davon sind wir heute leider weit entfernt».