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Die Quartierblätter überstehen die Krisen

Den Zeitungen geht es schlecht. Die Berner Quartierblätter hingegen trotzen sowohl der Printkrise wie auch den Corona-Problemen. Mit ein Grund für das gute Abschneiden: Sie ecken nicht an.

Vielfalt: Die Berner Quartierblätter haben Auflagen zwischen 1000 und 24’000 Exemplaren. Einheit: Sie widerstehen der Zeitungskrise und den Corona-Problemen.

Die Stadt hebt Parkplätze auf. Die Profi-Journalistin des Quartierblatts macht eine Strassenumfrage und erkundigt sich bei den Geschäften. Weitaus die meisten Betroffenen lehnen die Beschränkungen ab. Bevor es zur Publikation kommt, verhindert der Herausgeber, der Quartierleist, die Veröffentlichung des Artikels. Das neue Parkier-Regime sei von der Stadt zusammen mit den Quarterorganisationen erarbeitet worden und dürfe nicht hinterfragt werden. Der Vorfall ist anonymisiert, hat sich aber sinngemäss so zugetragen.

Aus diesem Geschehnis lässt sich ableiten, dass bei den Berner Quartierblättern  Kontroverses einen schweren Stand hat. Doch schieben wir die Geschichte vorläufig beiseite, können wir über weit erfreulicheres berichten: Zum einen, dass die Kleinen die Krise der Printmedien weit besser überstehen als die Grossen. Und zweitens, dass in den Quartierblättern unheimlich viel unbezahlte Arbeit, aber auch Kreativität und Energie stecken.

Einst waren Rotationspressen Gelddruckmaschinen

Die Krise der Grossen: Die Auflagen sinken. Die früheren Inserateplantagen sind zu Dürregebiete verkümmert. Einst waren die Rotationspressen Gelddruckmaschinen. Heute gehts ums Überleben. Die Kleinen hingegen sind erstaunlich robust: Fast alle haben die doppelte Bedrohung gut überstanden: Sie trotzten sowohl der Zeitungskrise wie auch dem Corona-Sturm.

Die Auflagen hielten sich, weil die meisten Quartierblätter unabonniert und gratis in den Briefkästen aller Haushaltungen landen, das «Quavier», die «Arena» oder der «Anzeiger für das Nordquartier» etwa. Erstaunlicher sind die soliden Zahlen bei den Abonnierten, beim «Länggassblatt» etwa. Die sechs Ausgaben jährlich kosten 30 Franken. Die Abozahlen und die Anzeigeneinnahmen seien stabil geblieben, erklärt Simone Prodolliet. Sie gehört zu einem Team von acht bis zwölf Redaktorinnen und Redaktoren, Profis und Amateuren, die alle für das Länggassblatt gratis arbeiten.

Wer kleine Brötchen bäckt, verkauft mehr

Einen nur geringen Corona-Einbruch und insgesamt treue Anzeigenkunden bestätigt Claudio A. Engeloch vom «Anzeiger für das Nordquartier». Er ist in Bern als einziger Alleinbesitzer und Verleger der Publikation. Vor sechs Jahren hat er sie dem Drucker abgekauft und das damals desolate Blatt zusammen mit einer Redaktorin und bezahlten Freien zu einem gut beachteten Blatt aufgebaut. «Wir bewegen uns finanziell zwischen schwarzen und roten Zahlen», so Engeloch. Ebenfalls kommerziell unterwegs ist die «Bümpliz-Woche». Sie erscheint alle zwei Wochen und wird von einer angestellten Redaktorin und teils bezahlten Freien betreut. Corona habe zwar geschadet, heisst es dort. Doch insgesamt seien seit 2018 die Inseraterträge leicht gestiegen.

Wer im Anzeigenmarkt kleine günstige Brötchen bäckt, widersteht dem Inserateschwund besser als die grossen Anbieter. «Die Quartierblätter sind Monopolisten. In ihrem Einzugsgebiet gibt es keine Konkurrenz», erklärt Nick Lüthi. Darum seien die Lokalpublikationen als Werbeumfeld attraktiv für Kunden aus dem Quartier, erläutert der Redaktionsleiter des Fachmagazins Medienwoche und Dozent an der Journalistenschule Medien-Ausbildungs-Zentrum MAZ. Matthias Künzler, Forschungsleiter am Institut für Multimedia an der Fachhochschule Graubünden ergänzt, dass die Streuverluste kleiner und die Kosten viel geringer seien als bei den Tageszeitungen.

Print hat halt Papierstaub

Die Inserate sind billiger. Die Redaktionen ebenfalls. Mit wenigen Ausnahmen arbeiten hier alle unentgeltlich. Oft sind es Pensionierte, darunter auch ehemalige Profi-Redaktorinnen und -Redaktoren. Der Autor dieses Artikels ist einer davon. Die meisten Schreibenden sind älter. Das hat drei Gründe: Rentnerinnen und Rentner haben Zeit. Junge Wohnungs- und Job-Hopper engagieren sich nicht fürs Quartierleben. Und: So richtig anmächelig sind Print-Produkte für Digital Natives halt nicht.

Die Redaktionen erarbeiten Porträts, erläutern, was die offiziellen Stellen planen, beschreiben Kultur-, Quartier-, Kirchen- und Migrationsprojekte, lassen den Jugendarbeiter und den Schulleiter zu Wort kommen. Viel Raum besetzen die von den Stadtbehörden eingesetzten Quartierorganisationen. Bei allem spürt man das grosse Engagement und freut sich, dass vieles gut geschrieben ist. Kontroverses ist zwar auch vorhanden. So berichtet Christof Berger etwa, dass sich sein «Quartiermagazin Stadtteil 3» für den Verbleib des Radiostudios gewehrt und die Entwicklung der Poststellen hinterfragt habe. Die hübsch gestaltete «Brunne-Zytig» beanstandet in einem Editorial das Parkplatz-Regime in der Altstadt.

Das «Quavier für den Stadtteil vier» publiziert einen gedämpft kritischen Artikel über das Burgernziel und einen Primeur über einen Stadtberner Winzer, und es erscheint dort eine originelle Romanserie über die Klinik Sonnenhof. Doch in den unzähligen anderen Artikeln der Quartierblätter erfahren wir kaum je was über Probleme, zum Beispiel über seltsam platzierte Zebrastreifen oder über Pendler, die gebührenfrei ihre Autos im Wald abstellen. Und, siehe oben: Wenns dem Herausgeber nicht passt, würgt er Diskussionen ab.

Nette Leute, nette Projekte

Nick Lüthi erklärt: «Vor allem der ausgeprägt lokale Journalismus erfordert eine besonders dicke Haut.» Das würden die Redaktionen schlicht nicht mitbringen. «Es sind oft Amateure, Einsteiger oder Leute ohne Erfahrung im harten Tagesgeschäft.» Der Berner Medienwissenschafter Roger Blum erläutert, dass die Herausgeber einen bestimmten Rahmen abstecken und nicht anecken wollen. «Vor allem möchten sie nicht direkt oder indirekt kritisiert werden.» In Bezug  auf die kommerziellen Quartierblätter ergänzt Matthias Künzler, dass die Nähe zu den Inseratekunden grosse Abhängigkeiten schaffe. «Man kennt sich persönlich, Kritik wird deshalb schnell persönlich genommen.» Weil Werbekunden abspringen könnten, wäre kritisch-investigativer Journalismus auch finanziell  gefährlich.

Nette Leute befragen nette Leute zu netten Projekten. Das zahlt sich aus. Ganz unbeschadet hat die Szene der Quartierblätter die Stürme der letzten Jahrzehnte allerdings doch nicht überstanden.»Ds Schönouerli» erscheint seit 2017 nur noch online, mit steigendenden Zugriffszahlen, wie die Betreiber melden. Ein anderer Online-Versuch scheiterte. Das 2015 gegründete «Quartiermail» sollte einen grossen Teil der Stadt abdecken. Weil zuwenig Einnahmen flossen, wurde 2018 das Projekt eingestellt.

«Quartiermail» scheiterte

«Es gelang uns nicht, genügend Inseratekunden zu gewinnen», erklärt Tobias Habegger, Initiant und Teilzeitredaktor des Mails. «Das Publikum hat uns geschätzt. Wir versuchten mit spannenden Geschichten die Printblätter zu übertreffen, zum Beispiel mit Regionalfussball», so Habegger. «Um mit einem solchen Projekt Erfolg zu haben, bräuchte es einen langen Atem und geduldige Investoren.»

Glamour, nein, das strahlen die Quartierblätter nicht aus. Ein bisschen Glanz erreicht die kleinen Zeitungen dennoch. Sandro Brotz, Leiter und Moderator der SRF-Arena, startete seine journalistische Karriere bei einem Zürcher Quartierblatt.

 

Journal B hat in einer Serie ausgewählte Berner Quartierzeitungen vorgestellt. Die Artikel finden sie hier.