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«Das war nur in Bern möglich»

«Die Ersten»

28 000 Hindus leben in der Schweiz. Ihre Religion ist nach dem Christentum und dem Islam die drittgrösste Religion im Land. Und Berner Hindus sind reformfreudig. Seit fünf Jahren gibt es hier die weltweit ersten Priesterinnen. Mala Jeyakumar (61) ist eine von ihnen.

Köchin und Priesterin: Mala Jeyakumar fühlt sich in beiden Rollen wohl. (Foto rj/zvg)

14.00 Uhr: im Haus der Religionen auf dem Europaplatz im Westen Berns hat sich das Restaurant Vanakam geleert. Die rund 40 Gäste, die zum Mittagessen kamen, sind gegangen. In der Küche werden die Abwaschmaschinen mit Geschirr gefüllt. Mala, die seit 9.00 in der Küche stand, Reis und fünf Zutaten für ein ayuverdisches Essen kochte, wischt sich die Hände an ihrer Schürze trocken. Ein Foto? Klar, aber schnell, viel Zeit hat sie nicht. Eine Gesellschaft kommt später zum Apero. Über ihr zweites Leben, das Leben als Priesterin, wollen wir später sprechen. In einem Restaurant in ihrer Wohngemeinde Ostermundigen.

Zwei Rollen, zwei Welten

Mala, die Hindupriesterin und Mala, die Köchin das sind zwei Facetten dieser lebhaften, selbstbewussen Tamilin. «I bi nid schüüch, wie viele aus meinem Land, sagt sie in ihrem charmanten ultraschnellen Deutsch, «ich bin einfach so, frage nicht lange, mache einfach».

1985, als sie als junge Flüchtlingsfrau aus Sri Lanka in Basel landete, da hat ihr dieses Draufgängertum wohl geholfen. Sie fand schnell Anschluss bei Kirchenfrauen, lernte Deutsch und wurde Mitarbeiterin in einem Altersheim. Das religiöse Leben, das sie in ihrer Heimat seit ihrer Kindheit intensiv gelebt hatte, fand sie anfangs in christlichen Kirchen. Nach ihrem Umzug, ihrer Heirat und der Geburt der beiden Töchter wurde sie aktives Mitglied einer Hindugemeinschaft, die im Westen Berns einen kleinen Tempel aufbaute. Ganz natürlich sei sie in ihr Priesteramt hineingerutscht, erzählt sie. Anfangs habe sie einfach dem Hauptpriester beim Dekorieren der Altäre ausgeholfen, kleine Rituale vorbereitet, ausgeholfen. Dann hat sie sich weitergebildet, und 2015 wurde die ehemalige Lehrerin in Bern zur Priesterin geweiht, zusammen mit drei anderen Frauen.

Eine Weltpremiere

Es war eine kleine Sensation: Frauen als Hindupriesterinnen, das gab es weltweit noch nicht. Aber die Saivanerikoodam-Gemeinde und ihr Priester Sasikumar Tharmalingam sind für ihre Reformfreudigkeit bekannt. Sie haben auch Tamilisch als Tempelsprache eingeführt und mit der Regel gebrochen, dass nur Angehörige der Bramanenkaste Priester werden dürfen. Die Gemeinde nennt sich deshalb «reformiert». Mala findet das völlig richtig und normal. Sie ist keine, die sich unverständlichen Regeln beugt. Religion soll den Menschen dienen, alle sollen im Tempel Trost und Zuwendung erfahren – und Energie tanken. So wie sie. «Ich bin in der Religion geboren», sagt sie, und wenn sie das sagt, scheint es nur folgerichtig, dass sie Priesterin geworden ist. Die Gemeinde hat es problemlos akzeptiert. «Alle haben mich ja gekannt», sagt Mala. Auch der seither regelmässige Rollenwechsel von der Köchin und Gastgeberin im Restaurant zur Priesterin sei kein Problem. Sie fühle sich bei den Kochtöpfen und bei den Altären gleichermassen wohl und akzeptiert. Einen Unterschied allerdings gibt es: als Köchin bekommt sie Lohn, das Priesteramt ist Ehrensache. «Unser Tempel wird von Spenden finanziert, aber wir arbeiten gratis», sagt sie und findet das völlig in Ordnung.

Stolze Mutter

Und was sagte ihre Familie zu ihrem Priesteramt? Sie lacht schallend. Der Mann, der ebenfalls als Priester arbeitet, sei stolz auf sie und die Töchter sowieso. Diese seien unterdessen ja 100prozentige Schweizerinnen. Eine arbeitet als Zahnärztin in Thun, die andere hat eben ihr Studium als Betriebswirtschafterin abgeschlossen. Malas Augen strahlen. Sie ist stolz auf ihre Töchter: «Da bin ich wie meine Mutter, ich sage: gute Ausbildung ist das Wichtigste». Hat sie selber, die ehemalige Lehrerin, denn jemals gedacht, dass sie dereinst Priesterin sein könnte? «Nein, nie!» Allerdings: Die Energie im Tempel habe sie immer magisch angezogen, «aber in meiner Heimat wäre es völlig unmöglich gewesen, Priesterin zu werden».