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Verkehrsregeln beim Einkaufen

Aus den Quartieren

Einkaufen unter Corona-Regeln kann sich für Rentnerinnen und Rentner zum Abenteuer entwickeln. Ein Erfahrungsbericht aus dem «Wulchechratzer», der Quartierzeitung im Westen Berns.

«Links gehen, Gefahr sehen», oder wie ist das aktuell vor den Einkaufsläden? (Foto: flickr.com/photos/kecko CC BY 2.0))

«Ich habe mich dazu durchgerungen, die Situation ernst zu nehmen und die obrigkeitlichen Anweisungen strikt zu befolgen. Sie geben ja auch Sinn. Und ich will dieses Käfervieh weder mir noch anderen zumuten. Trotzdem: Dass wir damit «vorübergehend» (sprich möglicherweise dauerhaft) grundlegende Menschenrechte aufgeben, damit habe ich Mühe. Eine Zeitlang hat mir eine Nachbarin im Coop eingekauft. Heute nun habe ich entschieden, wieder mal selber einzukaufen. Unter Einhaltung aller Vorsichtsmassnahmen. Es war ein Abenteuer sondergleichen. Wie es sich gehört, habe ich mir an diesem taufbeckenähnlichen Gestell vor dem Coop unter den prüfenden Augen einiger ebenfalls älterer Frauen die Hände mit Weihwasser eingerieben. Ich glaube, den himmlischen Heerscharen hat mein Tun gefallen. Auf jeden Fall zeigte sich kurz darauf die Sonne. Dann begann ich auf der Zielgeraden Richtung Coop-Eingang zu wandeln. Wobei ich mich für die linke Seite der zwei vorgegebenen Spuren entschied. Nach dem Prinzip «links gehen, Gefahr sehen». Ist doch wahr: schliesslich sind wir nicht in England. Aber irgendwie war das falsch. Drinnen wurde bei meinem Erscheinen protestiert. Ich wurde angewiesen, wieder umzukehren und die rechte Spur zu beschreiten. Ich nahm im Vorbeigang zur Sicherheit noch einen Sprutz Weihwasser und huldigte ab sofort dem Rechtsverkehr. Die Wogen glätteten sich wieder. Aber nicht lange. Auch im Coop drinnen herrschten rigide Verkehrsregeln. Ich wurde sofort von einer Mitarbeiterin per Tablet registriert. Bald fand ich heraus, dass die Leute sich an weissen Strichen am Boden orientierten. Ein wenig irritierte mich die schiere Unordnung, dass man sich plötzlich nicht mehr zweispurig fortbewegen konnte. Mir fehlte eindeutig die Mittellinie. Soll ich nun links bei den Früchten vorbeigehen oder soll ich mich eher rechts an die Gemüse halten? Mutig entschied ich mich für die Broccoli-Seite. Wie ich es am Eingang gelernt hatte. Auf die Bananen verzichtete ich. Ich wagte ganz einfach nicht, die Spur zu wechseln. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass niemand etwas einzuwenden hatte. Ich war dankbar, dass sich zu Beginn des Parcours eine Kundin die Mühe nahm, mich in die Coop-Verkehrsregeln einzuführen. Mein hilfreicher Engel war eine kleine, rundliche Frau, die sich in eine beachtliche Menge Tücher eingehüllt hatte. Dort wo ich das Gesicht der Frau vermutete, verdeckte eine übergrosse Atemmaske die Sicht zu den lebendigen Teilen ihres Kopfes. Mit etwas gutem Willen konnte man die Augen der Frau orten. Mit gedämpfter Stimme informierte sie mich, dass die Striche am Boden immer schön 2 Meter voneinander angebracht worden seien. Nach den Weisungen des Bundesrates. Man dürfe einer anderen Person innerhalb von zwei Strichen nicht näher kommen. Irgendwann entschied mein Engel, dass ich nun bereit sei, selbständig das Coop zu erkunden. Nach einer Ermahnung, beim Verlassen des Coop das Weihwasser nicht zu vergessen, entschwand sie meinen Blicken. Nicht für lange... Tauchte dieses gute Wesen doch unvermittelt immer dann wieder auf, wenn ich am Ende eines Regals die Richtung ändern wollte. Da waren wir uns manchmal schon gefährlich nahe! Mehrmals war da guter Rat teuer. Wer hatte nun den Vortritt? Meistens entschied sie sich zur Flucht. Ob vor mir oder vor dem Käfer weiss ich nicht. Ist ja auch egal. Ich wünsche dir bei einem nächsten Coop-Besuch möglichst freie Fahrt». Rudolf Lüscher, Thun

Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Lüscher, ehemaliger Holenacker-Quartierbewohner, eingesandt von Dänu Hofer. Wulchechratzer 5/2020