Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Aussen vor (III/III)

Vor Corona waren sie unsichtbar: Menschen ohne feste Bleibe, Abhängige, Sexarbeiterinnen. Dann wurden die Gassen leer und sie waren plötzlich da. Der dritte Teil einer Fotoreportage von den Strassen Berns.

 

 

S., 46, zwei Kinder, seit 20 Jahren süchtig, obdachlos

«Kaum stieg ich aus dem Auto eines Freiers, musste ich mich übergeben, immer wieder. Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, ich habe nur noch ans Geld gedacht und dass es meistens schnell geht und von hinten. So musste ich diese Typen wenigstens nicht anschauen.»

 

 

A., 22, seit 5 Jahren süchtig, ohne Arbeit, übernachtet in Notschlafstellen

«Jeder braucht eine Perspektive, den Blick aufs grosse Ganze. Sonst bleibt man ewig im Sumpf stecken. Bei mir ist das jedenfalls so. Ich kam vor sieben Jahren mit meiner Mutter aus Paraguay in die Schweiz, zwei Jahre später ging sie wieder zurück, ich blieb. Zwar lebten meine älteren Brüder schon hier, doch irgendwie kam ich nicht klar damit. Ich nahm Drogen und habe richtig viel Menge Mist gebaut. War auch im Knast. Doch jetzt sehe ich nach vorne. Ich habe eine Arbeit auf sicher, und sobald Corona vorbei ist, kriege ich den Vertrag. Dann kann ich meine Betreibungsschulden abzahlen und endlich loslegen. Diesmal bin ich parat.»

 

 

D., 34, seit 17 Jahren süchtig, ohne Arbeit

«Ja, ich knie mich vor den Leuten nieder, wenn ich um Geld bettle. Ich weiss, das ist eine krasse Geste, nur: Für mich hat Betteln nichts Unwürdiges. Ich zwinge keinen, ich tue niemandem etwas zu leide, bin nicht kriminell. Ich bettle, das ist alles. An guten Tagen mache ich 100 bis 120 Franken, seit der Corona-Pandemie sind es vielleicht noch 40.»

 

 

T., 38, seit 20 Jahren süchtig, ohne Arbeit, obdachlos

«Jetzt, da die Strassen leerer sind, sieht man uns überall. Und schon zeigen sie mit den Fingern auf uns: Schau nur, die da! Vorher waren wir ja praktisch unsichtbar. Doch wir sind immer noch da. Die Corona-Krise aushalten? Für uns heisst das: durchhalten, jetzt, davor, immer.»

Eine Viertelstunde später, die Tupfer voller Blut, hält T. die Spritze noch einmal gegen das Licht, «mach mich glücklich, nur ein bisschen, nur ein Tröpfchen», dann trifft er doch noch und sagt leise: «Klause, du wärst jetzt mause. Für mich ist das Nasenwasser.»

Und dann schwärmen wir vom Glücksgefühl beim Anblick der Raben, in dieser einen Sekunde, bevor sie wegfliegen. Und dass sie gewiss schon da waren, bevor es uns Menschen gab, und dass jetzt wieder so viele Raben in der Stadt sind, Polizisten und Raben, die krächzen.

 

 

A., 40, seit 25 Jahren süchtig, ohne Arbeit

«Wenn du am Rand lebst, ist der Abgrund nicht weit. Natürlich will ich weg von den Drogen. Der Entzug ist das kleinste Problem, das schafft fast jeder. Was danach kommt, das ist Hölle. Auch wenn das Gift längst aus dem Körper ist, die Drogen bleiben im Kopf. Du musst dein ganzes Umfeld wechseln, umziehen, ein neues Leben beginnen? Nur was für eins? Das ist nicht einfach, verstehst du?»

«Mein erster LSD Trip ging durch die Decke, was für ein Flash! Also liess ich mir die chemische Formel von LSD auf meine Brust tätowieren. Seither bin ich dem Teufel persönlich zweimal begegnet. Und knapp davongekommen. Gottlob hab ich meinen Glauben.»