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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Aussen vor (II/III)

«Bleibt zu Hause» ist leicht gesagt - wenn man ein Zuhause hat. Wie ging es den Menschen auf den Berner Strassen, den Menschen ohne feste Bleibe, den Abhängigen und Sexarbeiterinnen während des Lockdowns? Der zweite Teil einer Fotoreportage von Klaus Petrus.

 

 

T., 28, seit 5 Jahren süchtig, ohne Arbeit

«Ich bin seit sieben Jahren in der Schweiz, hatte verschiedene Jobs, lebte mal hier, mal dort. Es ist nicht leicht, hier Freundschaften zu schliessen. Manche sagen «Neger» zu mir, und: «Geh zurück!» Ja, aber wohin denn? Doch es gibt auch viele, die nett sind und helfen wollen.»

 «Wenn das noch länger geht mit dem Lockdown, wird es immer schwieriger, an gute Drogen ranzukommen. Schon jetzt wird die Qualität schlechter, der Stoff ist gestreckt. Das ist gefährlich, gerade wenn du wenig Geld hast. Dann schaust du nicht nach links, nicht nach rechts, du nimmst, was du kriegst.»

 

 

B., 48, seit 25 Jahren süchtig, ohne Arbeit, lebt in einem Heim

«Erst war es Hasch, dann kamen die harten Drogen, Sugar, Kokain, das ganze Programm. Zwischendurch war ich clean, hatte Arbeit, eine tolle Freundin – italienisches Temperament –, dann bin ich verunfallt, zehn Monate Spital, das war die Hölle, zum Glück lief am TV die Olympiade. Und dann war die Frau weg und auch der Job, und ich im Rollstuhl, einzig die Drogen, sie waren wieder da.»

B. lebt in einem Wohnheim, in den eigenen vier Wänden, er kriegt sein Essen aufs Zimmer, hört viel Musik. Sein Leben aber ist auf der Gasse, dort trifft er seine süchtigen Kumpel auf einen Schwatz, B. lacht, witzelt und stichelt, und er hilft wo er kann, ein sonniges Gemüt, könnte man meinen. An manchen Tagen aber sei alles pechschwarz in ihm drinnen, in jedem Winkel. Wenn nur Corona endlich vorüber wäre und die Berner Young Boys wieder aufspielen könnten im Stadion! Darauf wartet B. jeden einzelnen langen Tag. «Kennst du den YB-Song à la Mani Matters «Hemmige»? Wollen wir den mal singen?»

 

 

D., 38, seit 20 Jahren süchtig, ohne Arbeit, obdachlos

«Ich versuche, positiv zu denken. Der Winter zum Beispiel, er war mild. Stell dir nur vor, es wären kalte Nächte gewesen, ein paar hintereinander, mit Regen, vielleicht sogar mit Schnee. Aber so geht es, irgendwie. Ich kann draussen schlecht schlafen, für den Sleeper brauche ich fünf Franken. Manchmal habe ich das Geld, oft aber nicht. Jetzt sind fast keine Leute mehr draussen, das macht es noch schwieriger. Doch jeder Tag, den ich hinter mich bringe, ist ein gewonnener Tag. So sehe ich das.»

 

 

L., 53, ein Kind, seit 35 Jahren süchtig, ohne Arbeit, obdachlos

«Früher, da hatte ich viele Pläne. So richtig viele Pläne. Sagte mir: Sobald ich clean bin, mache ich dies und das. Glaub mir, ich habe mir viel eingeredet, war ziemlich gut darin. Heute bin ich realistisch. Ich bin alt, süchtig, habe keine Arbeit, schlafe auf der Strasse, also reden wir nicht drum herum: mein Leben ist vorbei. Ok, vielleicht wird es eine Wende nehmen, und ich werde es tatsächlich noch einmal schaffen. Dann reden wir weiter. Aber nicht jetzt.»

 

 

P., 49, drei Kinder, süchtig, Sexarbeiterin

«Normalerweise habe ich fünf bis sechs Freier pro Nacht, jetzt sind es vielleicht zwei. Klar, dass die Preise so gedrückt werden. Ich weiss von Mädchen, die machen es für 30, alles inklusive. Schlimm ist das. Unter 100 gehe ich nicht, vielleicht mal 50 Blasen mit Kondom, aber nur bei Stammkunden. Zum Glück habe ich solche. Die kommen auch jetzt, Corona hin oder her.»


Teil III der Reportage folgt am 01. Juni.