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10 Fragen an Katrin Schmidt, Geschäftsleiterin der Volkshochschule Bern

Die Volkshochschule Bern führt Kurse bis am 8. Juni digital durch. Danach stellt sie auf eine Kombination aus digitalen Lösungen und Präsenzunterricht um. Vieles ist aber noch unklar. Im Gespräch mit Katrin Schmidt, Geschäftsleiterin der Volkshochschule Bern.

«Die grosse Unbekannte ist die neue Wirklichkeit nach Corona oder auch künftig mit Corona.» (Bild: zvg)

Wo erreiche ich Dich gerade?

Im Büro an der Brunngasse.

Wie leitest Du die Volkshochschule Bern aus dem Homeoffice?

Es fordert mich heraus, auf Distanz ein dezentralisiertes Team zusammenzuhalten. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten keine Erfahrung mit Homeoffice. Es galt zuerst, klare Korrespondenzwege und Zuständigkeiten festzulegen. Seit dem Lockdown ist derzeit nur eine Person an der Brunngasse oder an der Grabenpromenade präsent, hat Telefondienst und besorgt vor Ort das Nötigste. Selber bin ich häufig auch im Büro, um Dinge zu ledigen, die ich nur von hier aus tun kann, zudem unser Finanzbuchhalter zeitweise auch zum Aktivdienst eingezogen war. Im Homeoffice leite ich mit Telefon und digitalen Sitzungen. Die Teammitglieder haben von zu Hause aus Zugang zu allen Daten.

Bis am 8. Juni ist die Volkshochschule geschlossen. Heisst dies, dass momentan gar nichts stattfindet?

Überhaupt nicht. Unmittelbar nach der Schliessung des Präsenzunterrichts am 16. März gab es extrem viel zu tun. Wir mussten etwa 2‘500 TeilnehmerInnen und 150 DozentInnen mitteilen, dass ihr Kurs im Präsenzunterricht abgebrochen wird, hatten die Rückerstattung von Gebühren und die Begleichung von Honoraren zu regeln, wollten informieren, was nicht mehr geht und wie wir neu planen. Nach einer Woche setzten Kurse via Skype, Zoom, Chats usw.  digital ein. Die TeilnehmerInnen nahmen dies überraschend positiv auf. Kursleitende liessen ihren Teilnehmenden Hausaufgaben per Mail zukommen und korrigierten sie. Es gibt derzeit recht viele Kurse, aber halt auf Distanz. – Da die Volkshochschule Bern Quartalsprogramme hat, fiel der Lockdown ins Ende des ersten Quartals 2020, die Zeit zur Anmeldung für das zweite Quartal. Zahlreiche Personen meldeten sich unter diesen Umständen nicht an, nach Ostern wurden entsprechend weniger Kurse gestartet. Ich hoffe nun auf einen guten Start der Präsenzkurse am 8. Juni; sie werden bis Ende Juli dauern. Neben den Präsenzkursen laufen die digitalen weiter, denn unsere älteren TeilnehmerInnen, die der Risikogruppe angehören, wollen dann nicht sofort auf Unterricht in der Gruppe umsteigen.

Gibt es etwas, das Dir besonders Sorge bereitet?

Ich sorge mich wegen der massiven Umsatzeinbussen, die allerdings noch nicht bezifferbar sind. Die grosse Unbekannte ist die neue Wirklichkeit nach Corona oder auch künftig mit Corona. Wir werden nicht weiterfahren können, wie wir aufgehört haben. Kursgruppen mit 14 Teilnehmenden werden unmöglich sein, um Distanz zu halten. Mit halb soviel Teilnehmenden halbieren sich die Einnahmen. Wir wissen auch nicht, wie sich unsere Stammkundschaft verhalten wird: Freut sie sich auf Präsenzunterricht oder verbleibt sie lieber (und langfristig) im Fernunterricht? Es gibt keine feste Planungsgrundlage.

Nun kommt schon bald die Sommerpause. Was bedeutet dies?

Wir bieten parallel zu den laufenden Kursen eine „Sommer-Volkshochschule“ an für Menschen, die wegen Corona nicht im Ausland Ferien machen können. Das Prpgramm dafür soll Ende Mai stehen.

Was vermisst Du jetzt am meisten?

Beruflich ist es der direkte Kontakt mit dem Mitarbeitenden und DozentInnen. Ich bin telefon- und videokonferenz-müde und plange nach Spontaneität. Privat ist es das Gleiche: Es ist anstrengend, stets abzuwägen, wie Kontakte unter Einhaltung der Distanz möglich sind.

Was ist Dein Rezept gegen den «Lagerkoller»?

Zu entdecken, wie viele schöne und interessante Orte und Plätze es in der Nähe gibt, die zu Fuss oder mit dem Velo gefunden werden können, und wie wenige davon ich zuvor gekannt habe.

Gibt es aus der Lockdown-Zeit eine Erkenntnis, die Du hinüberretten möchtest in die Zeit danach?

Trotz Telefon- und Videokonferenz-Müdigkeit möchte ich einiges davon beibehalten. Es müssen nicht immer alle gleichzeitig im Grossraumbüro sein. Viele arbeiten gut – und zum Teil ungestörter – im Homeoffice und sollen dies weiterhin können.

Und privat?

Wir lernen gerade, mit weniger auszukommen, mit weniger zufrieden zu sein: Mit der Thermoskanne aufs Velo zu gehen, unterwegs beim Bäcker ein Sandwich zu kaufen. Auch wenn es für die Wirtschaft wichtig ist, zu konsumieren, möchte ich dies künftig doch bewusster machen und auf die Qualität wie die Quantität vermehrt achten.

Wen möchtest Du gerade am sehnlichsten umarmen?

Meine 80-jährige Mutter, die allein lebt und sich tapfer schlägt.