Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

10 Fragen an Karin Mykytjuk, Geschäftsleiterin Haus der Religionen

«Alltag im Krisenmodus»

Das Haus der Religionen ist – wie alle Kultur- und Begegnungsorte – mindestens noch bis am 8. Juni geschlossen. Das hat die Arbeit in diesem Zentrum im Westen von Bern von Grund auf verändert. Und Karin Mykytjuk, die ihren Posten erst einige Wochen vor dem Lockdown angetreten hat, sieht sich von einem Tag auf den andern mit einer völlig unbekannten Situation konfrontiert, wie sie am Telefon sagt.

Karin Mykytjuk, seit Anfang Jahr Geschäftsführerin im Haus der Religionen (Foto: zvg)

Karin Mykytjuk, wo erreichen wir Sie gerade?

Ich bin zuhause, auf dem Balkon im Homeoffice.

Wie leiten Sie das Haus der Religionen im Homeoffice?

Ja, das ist tatsächlich eine Herausforderung. Unterdessen haben wir uns zwar mit virtuellen Teamsitzungen, einen Team-Chat und vielen Telefonaten recht gut organisiert. Ich schreibe wöchentlich einen Infobrief ans Team, um den Zusammenhalt zu unterstützen. Und ab und zu bin ich auch im Haus. Letzthin hatten wir auch wieder eine gemeinsame Sitzung. Das Haus ist zum Glück sehr gross, wir haben den Abstand ohne Probleme wahren können. Wir haben uns alle sehr gefreut, uns wieder zu sehen.

Bis am 8. Juni ist das Haus geschlossen. Heisst das, dass momentan gar keine Anlässe stattfinden?

Führungen, Workshops sowie Gottesdienste und andere Rituale in den fünf Kulträumen fallen natürlich ganz weg. Ebenso die Anlässe im Dialogbereich und die Essen im Restaurant. Im Haus ist es also ganz still. Das ist schon sehr aussergewöhnlich, weil das Haus ja normalerweise von Begegnungen lebt. Damit die Öffentlichkeit trotzdem an unserem Kulturprogramm teilnehmen kann, haben wir verschiedene Anlässe online gestellt. Zum Beispiel die Ringvorlesung, die wir zusammen mit der Uni Bern durchführen. Man kann sie via Audio- oder Videoaufnahmen verfolgen und auch an den Live-Diskussionen mit den Studierenden teilnehmen. Das klappt relativ gut. Auch der interreligiöse Austausch «Reflexe» findet statt, inklusive Publikumsdiskussion und Musik.

Gibt es etwas, was Ihnen besonders Sorgen bereitet?

Die Begegnungen fehlen mir schon. Aber ich mache mir keine existentiellen Sorgen. Das Haus wird im Sommer hoffentlich wieder geöffnet, und ich denke, die Leute werden uns wieder besuchen. Vielleicht mit noch mehr Wertschätzung. Ich jedenfalls freue mich riesig auf den Moment, wenn sich unsere Türen wieder öffnen.

Aber dann kommt schon bald die Sommerpause. Die Betriebsdauer wird extrem kurz sein?

Wir überlegen uns deshalb gerade, ob wir im Sommer in reduzierter Form das Haus offen halten wollen. Die jetzt ausfallenden Deutschkurse für Migrant*innen werden dann stattfinden. Aber auch anderes ist denkbar.

Was vermissen Sie am meisten?

Dass ich meine Freunde und die Familie nicht treffen kann. Dass wir mit den Kindern nicht ins Dählhölzli oder in die Museen gehen können. Wir sind normalerweise viel draussen mit Freunden. Das fehlt jetzt ziemlich.

Und was ist Ihr Rezept gegen den Lagerkoller?

Bis jetzt hat sich der Lagerkoller bei mir nicht eingestellt. Wir geniessen das schöne Wetter trotzdem. Mir persönlich geht ja die Arbeit auch nicht aus. Ich habe noch viel aufzuarbeiten. Dafür hatte ich in den ersten Wochen nach meinem Stellenantritt im Januar kaum Zeit. Jetzt kann ich mal ganz vieles nachlesen, all die Ordner durchblättern... Insofern hat diese Auszeit für mich auch etwas Positives. Ich habe etwas Ruhe, was bisher bei Normalbetrieb nicht der Fall war.

Gibt es eine Erkenntnis aus dieser Lockdown-Zeit, die Sie hinüberretten möchten in die Zeit danach?

Eine gewisse Gelassenheit und das Vertrauen, dass es schon gut kommt. Wir müssen ja nicht immer wie in einem Hamsterrad allem hinterherrennen. Diese verordnete Ruhe gibt dem Team im Haus der Religionen jetzt auch Raum für neue kreative Gedanken.

Und privat?

Ich finde ja, das Private und das Berufliche beginnen sich gerade zu mischen. Und das hat durchaus positive Seiten. Während einer Telefonkonferenz stürmen plötzlich Kinder durch das Bild, man sieht sich gegenseitig in der häuslichen Umgebung. Das tut irgendwie gut. Man merkt, dass alle im gleichen Boot sitzen. Und dass gerade alle die gleichen oder ähnliche Herausforderungen meistern müssen. Das lockert auf, verbindet und macht vieles menschlicher und erträglicher.

Wen möchten Sie gerade am sehnlichsten umarmen?

Meine Mutter und meine beste Freundin.