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10 Fragen an Noëlle Frey, Handball-Nationalspielerin

«Alltag im Krisenmodus»

Für eine Teamsportlerin ist die Corona-Zeit speziell einschneidend. Noëlle Frey (28), Captain von Rotweiss Thun und seit 2011 Mitglied der Handball-Nati, muss alleine Home-Training machen. Die ewb-Angestellte kann es fast nicht erwarten, «wieder mal in einer lauten Halle zu stehen».

Im Nationalteam ist es derzeit ruhig. Hier wirft Noëlle Frey ein Tor gegen Russland.  (Bild: Alexander Wagner)

Wo treffen wir dich gerade an?

Im Feierabend auf dem Sofa. Mein Home-Office-Arbeitstag ist vorbei und das Home-Training soeben auch erledigt – Zeit zum Entspannen.

Wie sieht derzeit dein Training aus, mit Rotweiss Thun und mit der Frauen-Nati?

Ziemlich monoton. Unsere Saison in der Spar Premium League mit Rotweiss Thun ist beendet und die Nati-Saison ist auf Eis gelegt. Mit Thun arbeiten wir aktuell mit einem individuellen Trainingsplan im Athletik- sowie Verletzungsprophylaxe-Bereich. Nächste Saison wird Urs Mühlethaler unser neuer Chefcoach, dadurch kann er schon frühzeitig mit uns arbeiten und wir befinden uns jetzt in einer verfrühten Saisonvorbereitung. Unser Fokus gilt also bereits der Saison 2020/21.

Mit dem Nationalteam stehen noch vier EM-Quali-Spiele an. Die ersten beiden Spiele waren im März angesetzt und wurden wegen Corona verschoben. Neuer Plan der European Handball Federation EHF  ist, alle vier Spiele in Turnierform in der ersten Juni-Woche auszutragen. Jedoch steht auch dieser Event noch in den Sternen, das weitere Vorgehen wird Mitte Mai definiert. Falls die Spiele bereits im Juni stattfinden, werden noch einige Trainings nötig sein. Wir Spielerinnen hatten nun seit Anfang März kein robustes, handballspezifisches Training mehr. An den Körperkontakt und die Härte muss man sich nach einer solchen Pause erst wieder gewöhnen.

Wie gut läuft der Kontakt in den beiden Teams?

Mit Rotweiss Thun stehen wir dank unserem Teamchat regelmässig in Kontakt. Auch unser neuer Trainer meldet sich wöchentlich mit Inputs und Informationen und wir behalten dadurch den Fokus. Im Nati-Chat ist es im Moment eher ruhig. Das liegt wohl auch daran, dass der Fokus gerade mehr auf dem Verein liegt. Spätestens im Mai werden wir uns auch da wieder regelmässig austauschen.

Bei Rotweiss Thun hatten wir keine einfache Saison und leider auch mit diversen Verletzungen zu kämpfen. Unser langjähriger Trainer Peter Bachmann hat uns bereits früh informiert, dass für ihn nach dieser Saison Schluss ist. Leider kam das Ende etwas plötzlich, aber wir werden ihn bestimmt noch gebührend verabschieden. In die Saison 2020/21 können wir fast mit den gleichen Kader starten und bleiben so zusammen. Hoffentlich können wir wie immer im September starten.

Wie gut kannst Du dich motivieren, wenn keine Spiele sind?

Ohne anstehenden Wettkampf fehlt natürlich eine gewisse Motivation. Als Leistungssportlerin ist mir jedoch immer bewusst, dass der eigene Körper und die Fitness das Kapital ist. Je besser man sich fit hält, desto einfacher fällt einem nach dieser Zeit der Wiedereinstig in den Wettkampfbetrieb.

Und sonst, was machst du den ganzen Tag?

Seit der ausserordentlichen Lage hat sich mein Alltag schon sehr strukturiert eingependelt. Ich arbeite in einem 80%-Pensum bei Energie Wasser Bern und bin seit Anfang März nur noch im Home-Office anzutreffen. Nebenbei leiste ich noch Freiwilligen-Arbeit für die AMIGOS-App. Und schlussendlich füllt das individuelle Training meinen restlichen Alltag. Ich koche auch sehr gerne und probiere nun viele neue Rezepte aus. Dank dem tollen April-Wetter bin ich öfters auf dem Balkon an der Sonne mit einem Buch oder Rätselheft anzutreffen.

Wo wärst Du jetzt in normalen Zeiten?

In normalen Zeiten wäre ich auch am Arbeiten, jedoch im Büro und nicht per Home-Office. Die abendlichen Home-Trainings würden durch die Mannschaftstrainings ersetzt. Gleiche Zeit, anderer Ort…

Was bereitet Dir im Moment am meisten Sorgen?

Am meisten Sorgen bereitet mir natürlich die gesamte Situation. In meinem engen Umkreis gab es bisher keine Erkrankungen, worüber ich sehr erleichtert bin. Ich hoffe, dass wir diese Krise gemeinsam meistern werden. Beängstigend stimmt mich auch die weltweite Situation. Ich hoffe, dass COVID-19 so schnell wie möglich eingedämmt wird.

Was vermissest du am meisten?

Ich vermisse den sozialen Kontakt zu meinen Mitmenschen. Sei es zur Familie, meinen Freunden oder Arbeitskollegen. Was ich als Teamsportlerin natürlich auch sehr vermisse, ist das Team und das gemeinsame Handballtraining. Es war wohl kein Zufall, dass ich als Kind im Teamsport gelandet bin. Nach fünf Wochen Einzeltraining kann ich es kaum erwarten, mal wieder in einer lauten Halle zu stehen!

Dein Rezept gegen Lagerkoller?

Mut und Hoffnung nicht verlieren, weiterhin an seine Ziele und Träume glauben.

Welche Erkenntnisse möchtest du hinüberretten in die Nach-Coronazeit?

Das Wort «Entschleunigung» wird wahrscheinlich die Floskel des Jahres. Aber auch ich finde, man sollte sich von dieser  Entschleunigung einen Teil abschneiden und in die Nach-Coronazeit mitnehmen. Einfach alles ein wenig ruhiger angehen und keine Hektik verursachen. Wir funktionieren auch, wenn wir einen Gang zurückschalten. 

Wen möchtest du gerade am sehnlichsten umarmen?

Ich würde gerne meine gesamte Familie umarmen. Ich stehe zwar im regelmässigen Kontakt mit meiner Familie, welche im Aargau wohnt, habe sie aber seit mehr als sieben Wochen nicht mehr gesehen. Auf ein Wiedersehen und eine Umarmung freue ich mich sehr! Auch meine kleine Schwester, welche in Dänemark wohnt und dort Handball spielt, hat eine besondere Umarmung verdient – es ist nicht einfach für sie, fernab der Familie zu sein.