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YB und der Fussball-Lockdown anno 1918

Was Nahrungskrise und Spanische Grippe vor hundert Jahren mit dem Schweizer Fussball und YB machten.

Das ungeschlagene YB-Meisterteam 1920 posiert auf der Allmend. (Foto: Jubiläumsschrift «40 Jahre YB»)

Im Kluborgan vom Juni 1918 macht der Vorstand des FC Young Boys (das Kürzel BSC kam erst später) seinen Mitgliedern eine wichtige Mitteilung: Der Spielbetrieb muss vom Heimstadion Spitalacker auf den Sportplatz Kirchenfeld verlegt werden – ausgerechnet zum Erzrivalen FC Bern.

Grund: Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs sieht sich die Schweizer Regierung gezwungen, den Lebensmittelmangel drastisch zu steuern und lässt deshalb auf dem Spitalacker Kartoffeln anpflanzen. Viele andere Sportplätze und potenziell fruchtbare Flächen erleiden das gleiche Schicksal (übrigens auch im Zweiten Weltkrieg – die Stichworte sind Anbauschlacht und Wahlen-Plan).

YB muss den geliebten Spitalacker für eine Weile verlassen. «Eine bittere Pille», heisst es in der Klubchronik. Was auch noch schmerzt: Dem FC Bern  muss YB für den Platz hinter dem Historischen Museum (erbaut 1894) eine Jahresmiete von 1400 Franken bezahlen.

Mit dem Lastwagen zum Spiel

Die Saison 1918/19 beginnt, abgesehen von dieser Züglete, zunächst programmgemäss. Aber im November 1918, trotz Ende des Ersten Weltkriegs, kommt es knüppeldick: soziale Unruhen, der Landesstreik – und die Spanische Grippe. Diese erreicht Mitte November ihren traurigen Höhepunkt. In der Schweiz sterben insgesamt über 24‘000 Menschen, zwei von drei Schweizerinnen und Schweizern erkranken. Weltweit, so Schätzungen, gibt es bis zu 100 Millionen Tote. Was etwa das Fünffache der Kriegstoten bedeuten würde. Zu den ersten Grippe-Toten gehören der Internationale Robert Fischer (Brühl St. Gallen) und Servette-Meistergoalie René Perrenoud.

An Fussball ist nicht mehr zu denken. Zumal es auch damals Versammlungsverbote gibt und die SBB nicht zuletzt wegen Kohlenmangels ihren Betrieb reduzieren: Am Sonntag beispielsweise wird nicht gefahren. Und das ist in der Regel der Matchtag. Die Folge sind zahlreiche abgesagte Spiele.

Nach fünf Monaten Zwangspause geht es ab 11. Januar 1919 langsam wieder los.  Anstatt mit dem Zug reisen die Teams von nun an mit Lastwagen, Taxis, Velos, Fuhrwerken und – in unteren Ligen – per Fussmarsch an.

Saison wird «obligatorisch»»

Der FC Biel, der wegen der Anbauschlacht keinen eigenen Platz mehr hat, spielt nur auswärts und steigt dann aus. Die Diskussionen um einen Lockdown, der damals noch nicht so heisst, sind in vollem Gang. Im April 1919 greift der Verband, der kurz zuvor mit den Leichtathleten fusioniert hat (!), deshalb zur Urabstimmung: Mit 101:43 Stimmen  wird die Saison 1918/19 für «obligatorisch» erklärt. Es soll also trotz Verzögerungen, Ausfällen und ohne SBB fertig gespielt werden. Nur die Auf- und Abstiegsspiele sind gestrichen. Am 25.Mai ist Stichtag: In den Regionen werden drei Gruppenmeister erkoren, obwohl noch nicht alle Spiele gespielt sind.

Bei YB zum Beispiel fehlen vier Partien. Aber auch neun Punkte. Das heisst: YB, das damals die halbe Nati stellte, wäre bei der damaligen Zwei-Punkte-Regel auch mit maximal acht Punkten nicht in die Finalpoule der besten Drei gekommen. Der Grund laut Klubchronik: «Wir hatten zwar eine famose Verteidigung, aber einen ganz ungenügenden Sturm, der sage und schreibe 15 Goals erzielte.» Und: Wegen der Spanischen Grippe, die auch ein paar YB-Spieler ereilte, «konnte von einer kompletten Aufstellung selten die Rede sein».

Am 22. Juni 1919 kommt es zum Final im Basler Landhof. Meister wird der FC Etoile La Chaux-de-Fonds nach einem 2:1-Sieg über Winterthur-Veltheim. In den Final schafften es die Neuenburger nur, weil sie in der regionalen Gruppenphase den favorisierten Stadtrivalen FC La Chaux-de-Fonds wegen dessen sieben Pandemie-Absenzen mit 11:0 abservieren.

Auf dem Kasernenplatz zu zwei Meistertiteln

YB ist im Kirchenfeld immer noch unglücklich. Der Berner Gemeinderat lässt sich von einem YB-Rückkommen nicht erweichen: Kartoffeln seien jetzt wichtiger als der Sport. Da kommt den «Söiblüemli» (damaliger YB-Kosename) die kantonale Militärdirektion in Form von «Herrn Kriegskommissär Brügger» zu Hilfe: YB darf für Training und Spiele einen Teil des (heute noch bestehenden) Kasernenareals im Nordquartier auf Zusehen hin benützen – «gegen die Konzession, auf den Plätzen Ordnung zu halten, die nötigen Absperrungen zu besorgen, die Goals nach jedem Wettspiel und Training wegzuräumen und den Rasen nach Möglichkeit zu schonen». Ob man Letzteres in den hart umkämpften Spielen umsetzen konnte? So oder so: Die erste Mannschaft von YB startet an der Papiermühlestrasse zu einer nie gekannten Erfolgsserie und wird ungeschlagen Meister 1919/20. Was fast noch erstaunlicher ist: Die Fussballer gründen am 29. April 1920 auf die Schnelle eine Landhockey-Sektion und holen 17 Tage später auch hier den Schweizermeister-Titel.

Ein richtiger Acker

Im Sommer 1920 wird der Spitalacker endlich von den Kartoffeln befreit und umgeackert. Erst im November des gleichen Jahres kann dort der Fussball-Betrieb wieder aufgenommen werden, aber der Rasen ist «vorerst noch etwas holprig». Bis 1925, zum Bau des ersten Wankdorfstadions, ist der «Spitteler» (heutiger Kosename «Spitz») wieder das Heimstadion des FC YB. Und Austragungsort dreier Länderspiele!

Klubchronist und Spieler Hans Funk erleidet bei der Rückkehr auf den holprigen Spitalacker prompt einen Wadenbeinbruch. Aber der achtfache Internationale schreibt mit Rückblick auf die letzten Jahre trotzdem: «Alles in allem, es war eine schöne, eine goldene Zeit!»

 

Quellen: Hans Funks Beitrag in «40 Jahre YB» (1938) und Nau.ch