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10 Fragen an Ruth Baeriswyl, Buchhändlerin

«Alltag im Krisenmodus»

Alltag bedeutet für viele Menschen gerade alles andere als Trott. Auch Ruth Baeriswyl, Geschäftsführerin des «Chinderbuechlade» an der Gerechtigkeitsgasse, bereitet die Corona-Krise bisweilen Kopfzerbrechen. Das morgendliche Yoga lässt sie sich aber dennoch nicht nehmen.

Geschäftsführerin des «Chinderbuechlade» in der Altstadt, Ruth Baeriswyl.(Foto: Yannic Schmezer)

Wo treffen wir dich gerade an?

Im Laden. Wir verpacken Bücher, die wir später auf die Post bringen. Wir haben auf Onlinemodus umgestellt.

Buchhandel im Onlinemodus. Wie geht das?

Wir haben im Laden einen Packtisch eingerichtet. Dort bearbeiten wir Buchbestellungen aus der ganzen Schweiz von Lehrpersonen und Privatleuten. Und wir machen auch Bücherpäckli für unsere Berner Kunden, die ein Velokurier zwei- bis dreimal pro Woche ausliefert. Diesen Job machen übrigens Dani Landolf, der frühere Präsident des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (und frisch gewählte Leiter der Solothurner Literaturtage!) zusammen mit seiner Partnerin Katharina Altas, sie machen das sehr gerne! Weil es bei uns im Laden ziemlich eng ist, arbeiten wir immer nur zu zweit, höchstens zu dritt.

Heisst das, ihr habt auf Kurzarbeit umgestellt?

Ja einerseits haben wir Kurzarbeit und andererseits müssen wir die strengen Distanz-Auflagen einhalten: 2 Meter Abstand zwischen Mitarbeitenden.

Was bedeutet dieser Lockdown für euch finanziell?

Wir haben zwar sehr viel zu tun, aber die Umsätze werden mindestens um die Hälfte einbrechen. Glücklicherweise ist unsere Vermieterin sehr kulant.  Auf die Zusage für Kurzarbeit warte ich noch. Falls dieser Lockdown länger dauern wird, werden wir auch noch ein zinsloses Darlehen benötigen.

Wo wärst du jetzt in normalen Zeiten?

Normalerweise wären hier im Laden ein paar nette Kundinnen, die wir beraten und bedienen könnten. Diese würden durch den Laden schlendern, sich inspirieren lassen, mit uns plaudern...Das fehlt uns im Moment extrem.

Was macht dir im Moment am meisten Sorgen?

Der Umsatz. Ob sich unser Riesenaufwand, den wir im Moment betreiben, rechnet, wissen wir nicht. Die Kunden bestellen nicht unbedingt Bücher, die sie bei uns im Laden sehen, sondern Bücher, die wir bestellen müssen. Auch das ist im Moment viel aufwändiger und dauert länger. Wir werden nicht mehr täglich beliefert.

Dein Rezept gegen Lagerkoller?

Ein Rezept habe ich nicht. Ich bin einfach froh, dass ich arbeiten kann und regelmässig raus kann. Ich fahre Velo und geniesse die Sonne, wenn sie denn scheint. Das tut gut.

Welche neue Erkenntnis, Errungenschaft oder Gewohnheit möchtest du hinüberretten in die Zeit nach Corona?

Schwierig zu sagen. Anfangs dachte ich: jetzt komme ich endlich zum Nähen, Lesen und zum gemütlichen Ausspannen. Jetzt ist das überhaupt nicht der Fall. Ich arbeite viel mehr als sonst. Aber es ist weniger befriedigend. Also: Ich werde einfach nur froh sein, wenn die Normalität wieder zurückkommt.

Was gibst du trotz Krisenmodus nicht auf?

Ich mache immer noch jeden Morgen vor der Arbeit Yoga. Ich gönne mir weiterhin einen jeden Morgen einen feinen Kaffee. Jetzt halt nicht mehr im Restaurant sondern selbstgemacht.

Wen möchtest du gerade sehnlichst umarmen?

Meine Kinder. Sie wohnen nicht mehr bei uns, und im Moment vermisse ich den Nahkontakt mit ihnen wirklich sehr. Es fühlt sich an wie Liebeskummer, damals, als ich 18 war....