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Widerstand gegen Pläne des Astra

Mit verschiedenen Projekten plant das Astra den Ausbau der Bernischen Autobahnen. Der Verein «Spurwechsel» leistet Widerstand und plant erste Aktionen.

Benjamin Zumbühl (links), Geschäftsleiter des VCS Bern, zusammen mit Markus Heinzer nach einem Workshop von «Spurwechsel» im Progr. (Foto: Yannic Schmezer)

Im Raum Bern sollen in den nächsten Jahren gleich mehrere Autobahnprojekte realisiert werden. Der Anschluss Wankdorf soll ausgebaut, die Grauholzautobahn um zwei Spuren und einen Halbanschluss erweitert werden und auf der Autobahn zwischen Wankdorf und Muri soll ein Bypass-Tunnel die bisherige Strasse ablösen.

Mit der Erweiterung der Kapazität soll das Bernische Nationalstrassennetz für die Zukunft fit gemacht werden. Zwar rechten das Bundesamt für Strassen (Astra) damit, dass der öV in den nächsten Jahrzehnten besonders stark wachsen wird. «Aber auch beim motorisierten Individualverkehr (MIV) ist ein weiteres Wachstum der Nachfrage zu erwarten», erklärt Mark Siegenthaler, Mediensprecher des Astra auf Anfrage.

Mehr Home-Office, weniger MIV

Der Berner Verein «Spurwechsel», der 80 private und 16 institutionelle Mitglieder, wie den VCS oder verschiedene, mehrheitlich linke, städtische Parteien, zählt, übt Kritik an den Plänen des Astra. «Jeder Kapazitätsausbau hat Mehrverkehr zur Folge», sagt Markus Heinzer, Präsident von «Spurwechsel» und Vizepräsident des GB. Stattdessen müsse der Verkehr verringert und verlagert werden. Verringern heisst mehr Home-Office, mehr Car-Pooling und eine intelligente Raumplanung, um dadurch den Pendler*innenverkehr zu reduzieren, der derzeit einen Grossteil des MIV ausmacht. Der nicht zu vermeidende Verkehr soll so gut wie möglich auf Zug-, Velo- und Fussverkehr verlagert werden.

Eine Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt, dass gerade bei der Verlagerung vom Auto- auf den Langsamverkehr noch viel Potential besteht. Demnach endet fast die Hälfte der Autofahrten bereits nach 5km, eine Distanz, die problemlos mit dem Velo oder zu Fuss zurückgelegt werden könnte. Auch sonst gebe es noch ungenutzte Optimierungsmöglichkeiten, erklärte Benjamin Zumbühl, Geschäftsleiter von Spurwechsel und des VCS Bern, an einem Workshop von «Spurwechsel» an der diesjährigen Tour de Lorraine. So betrage der durchschnittliche Belegungsgrad pro Auto gemäss einer Erhebung des BFS von 2015 gerade mal 1.56 Personen. Auf dem Arbeitsweg liege er mit 1.1 Personen sogar noch tiefer. Ausserdem sei der Freizeitverkehr zur Stosszeit am Abend beinahe gleich gross, wie der Arbeitsverkehr, was zu Stau führe. «Dabei könnten Freizeitaktivitäten oft flexibler gestaltet werden, als Arbeitsfahrten», so Zumbühl.

Mehr Verkehr im Quartier

Die Kapazitätserhöhung des Anschlusses Wankdorf und später der Autobahnen A1 und A6 hätten ausserdem unweigerlich zur Folge, dass mehr Verkehr auf das städtische Strassennetz abflösse, argumentiert Heinzer. «Das Widerspricht dem Berner Stadtentwicklungskonzept, das eine Reduktion des motorisierten Verkehrs zum Ziel hat». Eine Auffassung, die das Astra nicht teilt: «Diese Aussage ist falsch. Das Gegenteil ist der Fall.», schreibt Siegenthaler. Nationalstrassen würden den Verkehr aus der Stadt bündeln und somit die Quartiere entlasten. Weil die Nationalstrassen aber immer mehr ans Limit kommen würden, wären bereits erste Anzeichen feststellbar, dass das Verkehrswachstum wieder zurück auf das untergeordnete Netz komme. «Das gilt es zu verhindern», so Siegenthaler. Ein Mittel dazu sei das Verkehrsmanegement, das die Umgestaltung des Anschluss Wankdorf überhaut erst ermögliche. «Der Abfluss in die Stadt wird dadurch plafoniert.»

Briefaktion geplant

Den legislativen Widerstand versucht «Spurwechsel» auf verschiedenen Ebenen anzustossen. Im Stadtrat reichte Franziska Grossenbacher, die ebenfalls Mitglied des Vereinsvorstandes ist, vergangenen Oktober eine Motion ein, die verlangte, dass der Bypass-Tunnel immerhin nur dann realisiert werden dürfe, wenn die bisherige A6 anschliessend vom Bund an die Stadt übergehe und diese selber entscheiden könne, was mit der Strasse geschieht. Angedacht ist die sogenannte Stadtreparatur, also deren Rückbau oder Umnutzung. Damit wäre der Bau des Tunnels zwar nicht verhindert, jedoch würde die Stadtreparatur den Stadtteil IV erheblich aufgewertet.

Um die Projekte in ihrer Substanz anzugreifen, bleibt indes nur der Weg über das nationale Parlament. «Spurwechsel» plant deshalb eine Briefaktion, um die Mitglieder der stände- und nationalrätlichen Verkehrskommission zu überzeugen, den Plänen des Astra eine Abfuhr zu erteilen. Ein Brief an die zuständige Bundesrätin, Simonetta Sommaruga, wurde bereits verschickt.

Klarer gesetzlicher Auftrag

Beim Astra ist man derweil diplomatisch. Man versuche natürlich auch die Anliegen kritischer Gruppierungen zu berücksichtigen, so Siegenthaler. Ausserdem habe die Ökologie bei den Projekten jeweils einen sehr hohen Stellenwert. So fördere man gerade beim Anschluss Wankdorf mit verschiedenen Massnahmen den öV und den Langsamverkehr. Indem man auf Autobahnraststätten Schnelladestationen für Elektroautos zur Verfügung stelle, unterstütze man zudem die weitere Einführung von erneuerbaren Energien im MIV. Gleichzeitig gibt Siegenthaler aber auch zu bedenken, dass dem Astra im Nationalstrassengesetz ein klarer Auftrag gegeben werde: «Wir sind dafür verantwortlich, dass das Nationalstrassennetz den heutigen und künftigen Anforderungen in Bezug auf Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Verträglichkeit gerecht wird.»  Projekte zum Ausbau der Infrastruktur würden denn auch im Rahmen des strategischen Entwicklungsprogrammes Nationalstrassen durch das Bundesparlament bestimmt.