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Ein Nachmittag im Büro der Gasse

Leben auf der Gasse

Es sollte der Auftakt zu einer Artikelserie werden, die das Leben auf der Gasse auf eine andere Art und Weise als üblich thematisiert. Menschen «aus dem Lebensraum Gasse», wie es auf der Website der Gassenarbeit Bern heisst, würden die Themen der Beiträge selbst setzen. Themen, die ihnen wichtig sind und über die ihrer Meinung nach zu wenig berichtet wird. So zumindest mein Plan.

Die Kisten stapeln sich im Büro der Gassenarbeit. (Bild: KGA)

13.50 Uhr – Ich sitze in einem hellen Raum in der Speichergasse 8. Wie jeden Donnerstag um diese Zeit hat sich vor dem Büro der kirchlichen Gassenarbeit bereits eine Traube von Menschen gebildet. Die Milchglasfolie auf der Eingangstür reicht nur bis 40 Zentimeter über den Boden und gibt den Blick auf Beine, Schuhe und Hunde frei. Ruedi, Nora und Eva von der Gassenarbeit treffen noch die letzten Vorbereitungen und besprechen, welche Informationen gleich zu Beginn verkündet werden sollen.

 

14.00 Uhr – Die Glastür wird geöffnet und die ersten Personen eilen zu den Schränken mit Kleiderspenden, um sich mit warmen Jacken einzudecken. Auch die Rucksäcke und Taschen rechts vom Eingang sind begehrt und schnell weg. Innert wenigen Minuten füllt sich das Büro der Gassenarbeit. Während einige noch auf der Suche nach Kleidung sind, setzen sich andere schon an den langen Tisch, auf dem Brot, Käse und anderes Essen steht oder holen sich als Erstes einen heissen Kaffee aus der Thermoskanne. Ruedi stellt sich in eine Ecke des Raumes und versucht, die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu gewinnen, um einige Ankündigungen zu machen. Nachdem es um einen YB-Match und den Zibelemärit geht, deutet er auf mich. «Sie will einen Artikel über Themen schreiben, die ihr wichtig findet. Vielleicht habt ihr ja Lust, mit ihr zu reden.»

 

14.10 – Frau Korondi, wie sie im Artikel genannt werden möchte, setzt sich als erstes neben mich aufs Sofa. «Ja also ich habe ein Thema. Ich finde, Marihuana sollte legalisiert werden! Marihuana, nicht dieses CBD, das ist lächerlich.» Sie meint, das würde viele Probleme lösen, insbesondere würde es helfen, auf den Konsum von Alkohol und Opiaten zu verzichten, der für sie persönlich, aber auch für andere viel schädlicher sei. «Ich habe eine Leberzirrhose, ich möchte und darf nicht mehr trinken. Wieso ist Alkohol legal und Marihuana nicht?!»

 

14.20 – Bidu stösst dazu. «Ich lebe nicht auf der Gasse, ich habe eine Wohnung!», stellt er als erstes klar, als ich ihn nach dem Leben auf der Gasse frage. Statt Marihuana zu legalisieren findet er, man könnte auch den Alkohol verbieten. «Wieso spricht man nie über Alkohol, sondern immer nur über die harten Drogen? Ich bin in einer Beiz aufgewachsen, ich habe lieber 20 Drögeler um mich herum, als drei Alkoholiker, die sich nicht riechen können.»

 

14.25 – «Schreib über das Elend der Leute», sagt Heinz vom Sleeper. Er erzählt von Tschuggern, die sozial seien, die Leute in der Kälte aufgabeln, zur Notschlafstelle bringen und dann die 5 Stutz für die Übernachtung aus eigener Tasche bezahlen. Doch auch vom Gegenteil weiss er zu berichten, etwa wenn Polizisten den Leuten Drogen abnehmen und dafür keine Quittung ausstellen, sie also mutmasslich selbst behalten.

 

14.45 – Draussen beim Rauchen. Gibt es irgendetwas Bestimmtes, worüber ich schreiben sollte, Themen, die zu kurz kommen?

«Fällt mir jetzt spontan nichts ein.»

«Obdachlosigkeit.»

«Schreib über die Gassenarbeit, das ist super hier!»

Der Besitzer von Hund Charly, der kürzlich von einem anderen Hund angegriffen wurde:

«Manchmal fühle ich mich wie ein Ausserirdischer, wenn ich im Bus huste! Wie mich die Leute anschauen. Dabei ist es doch normal, zu husten! Niemand hustet absichtlich, wenn er nicht muss.»

 

14.55 – Die Tür steht seit einer Stunde offen, langsam ist es drinnen genau so kalt wie draussen auf der Strasse. Alle in ihren Jacken. Also nochmal einen Becher mit Filterkaffee.

 

15.00 – Am runden Tisch, auf dem Kaffee und Kekse stehen. Bruno ist seit etwa 15 Minuten damit beschäftigt, Nachschub an Filterkaffee zu brühen und in die Thermoskanne zu füllen. Er schüttelt den Kopf als ich ihn frage, ob ihm Themen einfallen, über die ich unbedingt berichten sollte. Aber er hat Lust, von seinem Leben zu erzählen. «Wenn ich nur zuhause bin, dann fange ich an zu trinken», sagt er. Deshalb ist er viel lieber hier. Auch er lebt nicht mehr auf der Gasse, sondern seit kurzem in einer Wohnung. Die zu finden war sehr schwierig, sagt er. «Ich hätte so viele Wohnungen gesehen, die auch vom Preis her gut waren. Aber entweder sie wollen keine Leute, die Sozialhilfe bekommen. Oder wenn das kein Problem ist, dann scheitert es an der Kaution.» Eva von der Gassenarbeit habe ihm bei der Wohnungssuche sehr geholfen. Zuvor wohnte er lange im Passantenheim und für kurze Zeit auch im Sleeper. «Das Team dort ist super, aber die ganzen Giftler und alles, das ist nicht mein Ding.»

 

15.20 – «Ich glaube, das reicht langsam mit dem Kaffee», sagt Nora vom Gassenarbeits-Team. «Ah ja, reicht das? Bist du zufrieden mit mir? Werde ich jetzt degradiert oder befördert?» fragt Bruno lachend. «Du kriegst nachher noch eine Urkunde», lautet die Antwort.

 

15.25 –«Ich bin als Obdachloser in die Schweiz gekommen», sagt Sven. Vor einigen Monaten reiste er mit dem Zug von Bremen nach Bern. «Ich habe mich gleich in Bern verliebt. Im Sommer, an der Aare, das ist so geil!»

 

15.30 – Bruno unterbricht uns, «schau mal da drüben», kichert er und zeigt auf den Computerbildschirm, vor dem Eva mit dem Rücken zu uns sitzt. «Ich glaube es nicht!», sagt Bruno. Auf dem Bildschirm ist in verschnörkelter Schrift «Barista» zu lesen, weiter unten der Name Bruno. «Die macht mir wirklich eine Urkunde, die spinnen!» Bruno lacht und schüttelt den Kopf.

 

15.32 – Zurück zu Sven. Anfang November hat er nach einer Zeit des Hin und Hers mit temporären Jobs und regelmässigem Übernachten im Passantenheim ein WG-Zimmer gefunden. Obwohl auch er aktuell nicht auf der Gasse lebt, kommt er regelmässig am Donnerstagnachmittag in die Speichergasse. «Wenn ich nicht arbeite, dann komme ich her. Um Leute zu treffen und weil Eva mir kürzlich sehr geholfen hat.» Während des Gesprächs mit Sven versammeln sich langsam ein paar Leute um unseren Tisch. Die haben aber keine Lust, mit mir zu sprechen. «Heute nicht», schüttelt eine Frau den Kopf.

 

15.50 – Nochmal draussen Rauchen und Rumstehen.

 

15.55 – Als ich wieder drin bin, haben sich fast alle der noch Anwesenden, also etwa 20 Personen, um den Kaffeetisch versammelt. Nun beginnt die traditionelle Lebensmittelspenden-Vergabe und ich verstehe, dass sich vor 10 Minuten niemand meinetwegen zum Tisch gestellt hat, sondern nur, um einen guten Platz für den anstehenden letzten Programmpunkt dieses Nachmittags zu haben.

 

16.00 – Nora beginnt mit der Verteilung der Lebensmittelspenden.

– Wer will ein Stück Kürbis?

«Ja, das gibt eine Kürbissuppe!»

–Eine Gurke

–Wer möchte Limetten?

–Dir habe ich schon lange nichts mehr gegeben.

–Wer will Pak Choi? Das ist das geilste Gemüse der Welt!

–Fühlt sich jetzt irgendjemand benachteiligt?

Wer den begehrten Himbeerquark möchte, muss eine Quizfrage beantworten (Wie heisst die Kollegin von Harry Potter?).

 

16.05 – Gemeinsames Aufräumen, eine Frau wäscht im Waschbecken der Toilette Besteck und Teller ab, Leute verabschieden sich.

 

16.10 – Die Türen der Gassenarbeit werden geschlossen. Die Suche nach neuen Themen ist irgendwie gescheitert. Meine Erwartungen (Vorurteile?) wurden nicht erfüllt. Es sind Probleme des Alltags, die gleichzeitig sehr existenziell sind, welche die Leute beschäftigen. Wohnen, Übernachten, Arbeiten, Essen, Sucht, Konsum, Akzeptanz – eigentlich normale Themen und Probleme. Vielleicht ist es die klassische Suche nach dem guten Leben?

 

Die Artikelserie mit dem Schwerpunkt «Leben auf der Gasse» wird sich daher eben diesen grundlegenden Bedürfnissen und Themen widmen und Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt (oder zumindest einen Teil davon) auf der Gasse haben, dazu befragen.