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Die Kommission, ihre Regeln und ihre Geschichten

Hunderte von Kilometern Gassen, Stütze, Treppen, Wege, Strassen, Plätze und Brücken in Bern brauchen Namen, damit man sich zurecht findet und orientieren kann in einer Stadt, die sich seit 1191 kontinuierlich entwickelt hat, planmässig und weniger geplant. Doch wer heckt die Bezeichnungen aus, auf welcher Grundlage, nach welchen Regeln? Ein Gespräch mit dem ehemaligen Stadtarchivar Emil Erne.

Emil Erne, ehemaliger Stadtarchivar und langjähriges Mitglied der Kommission für Strassenbenennungen.

1879 erliess der Gemeinderat – wohl im Zusammenhang mit der Stadterweiterung nach Westen – eine Verordnung über die Vergabe der Hausnummern. 1941 wurde die Verordnung erneuert. Jetzt geht es eindeutig auch um die Benennung der Strassen, Plätze und dergleichen. Aktuell regelt die Verordnung des Gemeinderats aus dem Jahr 1970 die Strassenbenennung und die Gebäudenummerierung. Eine Kommission aus der Stadtgeometerin (Vorsitz), dem Stadtarchivar und der Leiterin von KulturStadtBern legt für die Benennung Richtlinien fest und stellt via Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) dem Gemeinderat Antrag für Namen. Der Gemeinderat legt die Bezeichnungen fest.

Die Kommission wird im Verwaltungsbericht von 1965 erstmals erwähnt. Wann sie eingesetzt wurde, ist unklar, ein Gemeinderatsbeschluss ist nicht auffindbar. Die im Stadtarchiv befindlichen Akten zur Kommission beginnen 1965; es erscheint wahrscheinlich, dass sie in diesem Jahr die Arbeit aufnahm.

Soweit ist alles klar. Wie funktioniert das heute im Einzelnen bei Hunderten von Strassennamen, die im Verlauf der Jahrhunderte bestimmt worden sind? Ein Gespräch mit Emil Erne, Historiker und Stadtarchivar von 1990-2011 gibt Aufschluss. Erne war in jenen 22 Jahren Mitglied der Kommission. Während der fünf Jahre, in denen ich die Abteilung Kulturelles leitete, wirkte ich mit.

Regeln

Für ihre Arbeit hat die Kommission sich selbst Regeln gegeben, von denen einzelne vom Gemeinderat genehmigt worden sind. Die wichtigsten:

  1. Um der Post eine eindeutige Zustelladresse zu bieten, soll es in Bern keine Bezeichnung geben, die mit jener einer angrenzenden Gemeinde übereinstimmt.
  2. Es wird keine Strasse nach einer lebenden Person benannt.
  3. Es wird ausschliesslich der Geschlechtsname einer Person verwendet, nicht auch der Vorname.
  4. Nach Möglichkeit werden Frauen berücksichtigt.
  5. Die Bezeichnungen sind hochdeutsch, nicht in Mundart.
  6. Man hält sich an die Schreibweise des Duden.
  7. Wenn mehrere Strassen und Plätze in einem Gebiet neu zu benennen sind, erarbeitet man dafür ein Konzept.
  8. Benannte Strassen werden nicht umbenannt.

Doch das ist Theorie. In der Praxis gibt es zu jeder Regel Ausnahmen. Sie zeigen die Auseinandersetzung mit der Zeit und mit schwer zu vereinbarenden Bedürfnissen.

Es gibt zum Beispiel neben der Mannenriedstrasse in Bern-Riedbach eine gleichnamige in der Elfenau, die in die Gemeinde Muri führt. Und natürlich gibt es zahlreiche beinahe gleich lautende Bezeichnungen innerhalb der Stadt und erst recht in der Region. Eine haben die Pöstlerin und der Pöstler im Zustellkreis Bern 1 erwähnt: Der Weissweg in Schönberg-Ost etwa liegt nahe dem Wyssweg im Obstberg. Undsoweiter.

Was auffällt im Gespräch unter uns ehemaligen Kommissionsmitgliedern: Es gibt keinen aktuellen verbindlichen Stadtplan in gedruckter Form; zuverlässig Orientierung bietet nur die Webseite von Geoinformation Stadt Bern.

Vereinheitlichung und Umbenennungen

Es gab eine Zeit, da wollte die Kommission, der Erne angehörte, alle Strassenbezeichnungen überarbeiten und deren Schreibweise vereinheitlichen. Zum Beispiel Helvetia-Strasse in Helvetiastrasse. Die neuen Bezeichnungen sind bereit, der Ersatz der alten Tafeln erfolgt aber nur nach und nach bei Beschädigungen und dergleichen. Deshalb bestehen noch lange unterschiedliche Schreibweisen nebeneinander.

Umbenennungen werden immer wieder verlangt. So sollte die Neuengasse zur Dällenbachgasse werden, da Kari dort seinen Coiffeursalon hatte. Es ging aber nicht an, eine seit dem Mittelalter so heissende Gasse neu zu benamsen. Stattdessen wurde am betreffenden Haus eine Tafel angebracht. Als die Neue Europäische Bewegung Schweiz vorschlug, die Bundesgasse in Europaallee umzutaufen, fand man den Ausweg, die Bundesterrasse zwischen Bernerhof und Dreifaltigkeitskirche in Europapromenade umzubenennen. Den Europaplatz in Holligen gab es schon: Ein damaliger Unort war auf Initiative des Europarats zu dessen 50-jährigem Bestehen 1999 zwei Jahre zuvor so bezeichnet worden.

«Kanonen weg!»

Spannend ist die Geschichte des Kanonenwegs hinter dem Obergericht. Stadtrat Rolf Zimmermann postulierte neu den Namen Friedensstrasse, die es aber im Weissenstein-Quartier bereits gab. Seine Begründung: Am Kanonenweg war das Friedensbüro (Bureau International Permanent de la Paix, 1891 in Rom gegründet) untergebracht, dem 1910 der Friedensnobelpreis verliehen worden war, den bereits 1902 gemeinsam seine beiden Generalsekretäre erhalten hatten: Elie Ducommun und Albert Gobat (später bernischer Regierungsrat). Die Lösung bestand in einer zweisprachigen Gedenktafel für das Büro und dessen Geschäftsführer am Kanonenweg. Von Gobat stammt das Bonmot, das Friedensbüro sei am richtigen Weg einquartiert, denn der bedeute «Kanonen weg!».

«Stärnewägli»

Der Regel zum Trotz, Strassennamen sollten hochdeutsch lauten, wurde in Bümpliz ein «Stärnewägli» bewilligt. Es führt von der reformierten Kirche Bümpliz zum Friedhof, am Restaurant «Sternen» vorbei. Ein Sternenweg bestand schon in Bolligen, dazu ein Sternengässchen in der Altstadt und so erschien die Durchbrechung der Regel auf Drängen der Quartierorganisation Bümpliz-Bethlehem eine lässliche Sünde.

Doch einzelne Vornamen

Ausnahmen gibt es auch vom Verbot von Vornamen. Es wurde erstmals durchbrochen, als man die Chemikerin, Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Gertrud Woker (1878-1968) auf Strassentafeln im Muesmatt-Quartier ehren wollte. Woker allein hätte auch auf den Geschichtsprofessor Philipp Woker hingedeutet. Ähnliche Fälle, in denen der Vorname der Verdeutlichung dient, sind der Gertrud-Kurz-Weg, zu dem in Analogie der Carl-Lutz-Weg gebildet wurde, oder die «Helene-von-Mülinen-Treppe» (vom Troxlerrain zur Alpeneggstrasse), nicht zu verwechseln mit der Mülinenstrasse im unteren Murifeld.

Hier kommt die Schreibweise ins Spiel. Bei der Planung des Zentrums Paul Klee hätte Projektleiter Res Marti gern ein Paul Klee-Zentrum gehabt. Mit der Schreibweise nach Duden, die zwei Bindestriche verlangt (Paul-Klee-Zentrum), konnte er sich nicht anfreunden.

Monument im Fruchtland

Überhaupt Paul Klee. Um den Künstler zu würdigen, wurde zuerst das winzige Dreieck zwischen Bollwerk und Hodlerstrasse beim Amthaus nach ihm benannt. Als sich Ende der 1990er Jahre die Idee des Zentrums im Schöngrün konkretisierte, überlegte man, dort einen Klee-Platz zu schaffen. Die Adresse Zentrum Paul Klee am Klee-Platz erschien der Kommission indes sperrig und dem ausserordentlichen Projekt wenig angemessen.

Emil Erne kamen Klees Bildtitel in den Sinn, die dem Künstler wichtig waren. Die Kommission befand darauf, für das ganze Gebiet Schöngrün ein Namenskonzept aufzustellen. Dazu holte sie Rat bei Fachpersonen: Michael Baumgartner vom Kunstmuseum und Elisabeth Ryter aus dem Projektteam Zentrum Paul Klee. Die beiden stellten die Liste der Bildtitel aus einem Fundus von etwa 4000 Werken Paul Klees zusammen, und an einem Nachmittag las Baumgartner der Kommission die Titel einen nach dem anderen vor. Wer von einem Titel angetan war, sagte Ja. Nach Stunden wurden die 18 Titel mit den meisten Ja-Punkten festgehalten.

In einer zweiten Phase wurden diese Titel («es promeniert», «Rad-wahn» oder «Teppich der Erinnerung») möglichst sinnvoll den Strassen und Feldwegen zugewiesen, beginnend beim Wyssloch nahe dem Egelsee. Für Erne war klar, dass «Insula dulcamara» zum Schosshalden-Friedhof gehörte und «Undo-endo» die Bezeichnung Friedhofweg ersetzen musste. An diesem Weg wohnten zwei Parteien, von denen sich die eine beschwerte, da die neue Bezeichnung keine passende Adresse sei. Die Projektleitung des Zentrums war begeistert und steuerte selbst die Bezeichnung «Monument im Fruchtland» bei, die zur Adresse des neuen Museums wurde.

Der Kleeplatz wurde aufgehoben. Wie die Klee-Stiftung mit ihren Werken vom Kunstmuseum ins ZPK überführt worden ist, ist auch Paul Klees Aura und poetischer Ideenreichtum nun im Schöngrün daheim. Am ehemaligen Klee-Platz hängt heute eine provisorische Tafel, die an einen italienischen Anarchisten erinnert.

Matterstutz

Für Mani Matter, eigentlich Hanspeter Matter (1936-1972), wurde lange ein geeigneter Ort gesucht. Im Murifeld gibt es eine Matterstrasse, an den Schultheissen Heinrich Matter (1428-1508) erinnernd. Die Umwidmung war kein Thema. Auf einem Spaziergang über Mittag vom Erlacherhof  Richtung Schütte fragte Emil Erne sich beim Rathaus, wo die Kreuzgasse eigentlich ende: beim Rathaus oder erst unten an der Schütte. Niemand wusste es. Die Kommission fand den Ort mitten in der Altstadt passend (man kann sich Mani Matter auf dem Weg ins Büro an der Gerechtigkeitsgasse vorstellen) und erfand die Bezeichnung «Stutz». Bei der Einweihung fragte sich Alex Tschäppät, damals Planungs- und Baudirektor, «ob dieser Stutz würdig sei», und fand, gerade diese kurze Strecke entspreche «ein wenig dem Schalk, der auch Mani Matters Lieder auszeichnet». Und die Familie zeigte sich begeistert und stolz, wie Joy Matter 2003 der NZZ sagte.

Der kurze Matter-Stutz zwischen dem mächtigen Rathaus und der Kirche St. Peter und Paul erschien auch aus einem anderen Grund richtig. Früher stand dort ein hölzernes Gebäude (Alte Münzstatt), das 1787 abbrannte. Später entstanden ein Schopf mit Stall, der 1858 dem zunächst katholischen, heute christkatholischen Kirchenbau weichen musste. Im Lied «dynamit» sang Matter vom Bundeshaus: «s’steit numen uf zyt / s’länge fürs z’spränge paar seck dynamit». Die Mahnung passt für Erne gut an diesen Ort, das politische Zentrum des Kantons.

Benennungskonzepte und eine Lücke

Ein erstes Mal wurde um 1995 ein Benennungskonzept erarbeitet. Es ging um «das Tor zum Westen» im heutigen Brünnen/Westside. Der Himmelsrichtung entsprechend sollten Namen aus der Romandie gesucht werden und zwar halb und halb weibliche und männliche. So kam es in Brünnen zu einem welsch tönenden Strassen- und Wegnetz (Le Corbusier, Ramuz, Bille) mit dem Gilberte-de-Courgenay-Platz mittendrin. Ein Schönheitsfehler ist für Emil Erne indes die alles durchquerende Riedbachstrasse, die das Konzept durchbricht, aber halt auf den noch ganz bernischen Weiler Riedbach hinführt.

Weitere Konzepte bestimmten dann die Bezeichnungen im Wankdorfareal sowie im Galgenfeld (Schönberg). Gewiss wird auch für das Viererfeld eine überspannende Idee für die Namensgebung gesucht werden.

Eines fuchst Erne: Dass wir es noch nicht schafften, eine Strasse nach Robert Grimm (1881-1958) zu benennen, dem Arbeiterführer im Generalstreik, National- und Regierungsrat und Autor einer Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen. Wer weiss, wann die Lücke sich schliessen lässt ...