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Kommentar /

Yannic Schmezer

Neue Technologie im alten Gewand

In 10 Tagen findet das Formel-E Rennen in Bern statt. Was gibt es dazu noch zu sagen?

  • Zaunelemente lagern auf dem Bernexpo-Gelände. (Bild: formel-e-ade.ch)
  • Für das Rennen müssen Verkehrsinseln aus der Strasse geschnitten werden. (Bild: formel-e-ade.ch)
  • Arbeiter verschliessen einen Kanaldeckel. (Bild: formel-e-ade.ch)

Die Nachfrage nach dem Formel-E Rennen in zehn Tagen scheint im Sinne des Veranstalters zu verlaufen: Eine Abfrage bei Starticket zeigt, dass sämtliche Tribühnentickets ausverkauft sind. Wer das Rennen trotzdem noch mitverfolgen will, wird sich entweder in die Fanzone am Aargauerstalden reinwursteln, mit der Fernsehübertragung vorliebnehmen oder – diese Möglichkeit dürfte nur einer kleinen Personengruppe offenstehen – ein VIP-Hospitality Ticket für 1026 Franken besorgen müssen. Der Vorteil am Hospitality Ticket: Für einen Aufpreis von 215 Franken darf man die Pit-Lane entlangflanieren und vor dem Rennen einen ersten Eindruck vom noch kalten Asphalt, den surrenden Batterieboliden in ihren Ställen und den Jockeys gewinnen.

Was es bedeutet, ein Autorennen in einer Stadt abzuhalten, offenbaren seit einigen Tagen die Vorbereitungsarbeiten. Gewisse Massnahmen wirken geradezu bizarr: Da werden mit grossen Maschinen Verkehrsinseln ausgeschnitten und aus der Strasse gepflückt, anderorts werden Kanaldeckel zugeschweisst, wohl um zu verhindern, dass sie aus dem Boden gesogen werden, wenn die Rennwagen darüber schiessen. Währenddessen lassen die über 1200 betonbeschwerten Zaunelemente, die derzeit aufgestellt werden, erahnen, welchen Eingriffen Stadtbild und Lebensqualität der AnwohnerInnen in der Zeit der Vollsperrung vom 20.-23. Juni ausgesetzt sein werden.

Sich darüber aufzuregen mag kleinbürgerlich erscheinen. Die Hinnahme einiger Komforteinbussen wird man für die Durchführung eines sinnvollen Grossanlasses doch verlangen dürfen? Als sinnvoll wird das Rennen vom Veranstalter jedenfalls verkauft; erstens für Bern und den Tourismus, zweitens für die vermeintlich zukunftsweisende E-Mobilität. So hat der Anlass den hiesigen Hotels wohl schon einige tausend Übernachtungen in die Kassen gespült und in der Fernsehübertragung wird unsere schnöde Verwaltungshauptstadt sich und das Premium-Quartier Schosshalde von der Schoggiseite zeigen. Gleichzeitig verspricht der Anlass E-Mobilität an die BürgerInnen heranzutragen. Fehlt den KriterInnen also die Weitsicht?

Es ist eine Binsenwahrheit, dass das umsatteln auf E-Autos nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Stattdessen muss der motorisierte Individualverkehr zurückgefahren werden, das weiss auch der Gemeinderat. Dass er die Bewilligung für den Anlass trotzdem erteilt hat, lässt sich nur mit einer fehlgeleiteten Interessenabwägung erklären und wenn sich Menschen deshalb aufregen, ist das verständlich. Der Anlass passt weder zum Prädikat «Velohauptstadt», noch zu den Forderungen der Klimabewegung, mit denen sich der Gemeinderat jüngst durchaus solidarisch zeigte.

Jetzt befinden wir uns Tage vor einem Anlass, der die Menschen auf schnittige E-Boliden geil machen soll und gleichzeitig das Rennfahren, einen besseren Werbeanlass der Autoindustrie, in eine neue Technologie überführt und sie so mit seinem Schmutz bekleckert. Nicht falsch verstehen: E-Mobilität ist eine Chance – wenn sie richtig eingesetzt wird. Mit 240 km/h den Muristalden runterdüsen gehört jedoch nicht dazu.