Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Das Länggassblatt blättert um

Aus den Quartieren

Lange war es gefährdet, nun ist klar: das Länggassblatt wird von neuen Leuten weiter geführt. Ein Gespräch über journalistische Arbeit im Quartier.

Das Länggassblatt wird weiter geführt. (Foto: Peter Bachmann)

Das Redaktionsteam des Länggassblattes hat sich in den vergangenen Monaten fast vollständig erneuert. Die Anfangenden wollten die Abtretenden nicht einfach ziehen lassen, sondern wünschten sich ein Gespräch, um etwas zu lernen von ihren Erfahrungen und ihrem Knowhow. Regine Strub, Eva Matter und Sarah King, die während 20, 8, 6 Jahren das Länggassblatt mitprägten, trafen sich mit Peter Bachmann, Bruno Hayoz und Anna Stüssi zu einem Arbeitsessen. Journal B freut sich, dass die Quartierzeitung weiter besteht und übernimmt das Gespräch aus dem Länggassblatt als Beispiel für die wichtige und häufig unterschätzte journalistische Arbeit in den Quartieren.

Länggassblatt (LB): Warum habt Ihr Euch für die Mitarbeit beim Länggassblatt interessiert?

Regine: Ich kam vor rund 20 Jahren nach dem Studium der Sozialarbeit neu ins Quartier. Die journalistische Arbeit war für mich eine Möglichkeit, das Quartier und die Menschen kennen zu lernen und es zu «meinem» Quartier zu machen. Ich konnte Leute befragen, die ich sonst nie angesprochen hätte. Dabei wurde mir bewusst, wie viel im Quartier läuft. Dank der Arbeit am Länggassblatt bekam ich Interesse, eine Stelle in der Quartierarbeit anzunehmen. Da berät man als Sozialarbeiterin nicht einzelne Klienten, sondern arbeitet mit Freiwilligen oder engagierten Leuten im Quartier zusammen; es geht darum, die Strukturen im Gemeinwesen zu pflegen und zu verbessern.

Sarah: Ich bin 2013 von einem Redaktionsmitglied angefragt worden, ob ich mitschreiben wolle. Ich arbeitete damals gerade an meiner Dissertation und war mit viel Theorie beschäftigt. Das Länggassblatt gab mir Gelegenheit, meine Neugier auch auf praktische Art auszuleben. Ich schreibe gern und mir behagte die Freiheit, die das Länggassblatt gewährt. Inhalte, Länge und Stil durfte ich weitgehend selber wählen. Dass es eine ehrenamtliche Angelegenheit war, hatte den angenehmen Nebeneffekt, nicht etwas leisten zu müssen, sondern leisten zu dürfen.

Eva: Ich war früher Berufs-Journalistin und habe vor bald zehn Jahren meinen Beruf zum Hobby gemacht. Das gefiel mir. Weitgehend machte ich beim Länggassblatt dasselbe wie auf einer grossen Redaktion, nur mit etwas weniger Zeitaufwand. Sah ich ein Thema, ging ich gleich ran. Als Zuzügerin half mir die Arbeit beim Länggassblatt auch, das Quartier kennenzulernen. Ich war überrascht, wie viele Leute und Gruppen es hier gibt, die sich für etwas engagieren.

Über die Quartiergrenzen in die Welt hinaus

LB: Wie habt Ihr die Themen gewählt?

Sarah: Wir haben uns im Team sehr gut ergänzt. Eva war diejenige, die an den politischen Themen interessiert war. Mich haben mehr die Menschen als Individuen mit ihren besonderen Eigenheiten interessiert, wie sie leben, das System, in dem sie sich bewegen, wie sie etwas gestalten. Und Regine war ebenfalls eine gute Ergänzung als ausgebildete Sozialarbeiterin, die Politisches und Menschliches zusammenbringt. 
Was mich immer fasziniert hat: Einerseits gibt es das typisch Länggass-Spezifische, aber andererseits reicht die Länggasse über die Grenzen des Quartiers in die Welt hinaus. Dorthin zog es mich auch hin und wieder – nach Bümpliz zum Beispiel; oder nach Paris, wo ich Paul Nizon besuchte, der in der Länggasse aufgewachsen ist; oder nach Mazedonien, wo die Cars des Neufeld Terminals unter anderem hinfahren.

Eva: Auch mich interessierte, wie sich im kleinen Quartier die grossen Themen spiegeln, Schule oder Migration zum Beispiel, für die es gleich um die Ecke kompetente Gesprächspartner gibt. Eine abtretende Schulleiterin hier im Quartier ist betroffen von der Bildungspolitik und kann ganz konkret darüber berichten. Ein weiteres übergreifendes Thema, das die Länggasse stark beschäftigt, ist die Verkehrspolitik oder die Raumplanung, man denke an die Diskussionen um die Waldstadt oder das Viererfeld.

Fliessende Struktur

LB: War Euch eine bestimmte Heftstruktur wichtig? Rubriken oder Serien?

Regine: Eine eher fliessende Struktur. Die RedaktorInnen haben ihre eigenen Interessen eingebracht, daraus sind manchmal Serien entstanden. Mich zum Beispiel begannen historische Themen zu interessieren, so habe ich ein paar Mal eine Frau im Altersheim besucht, die erzählte mir, wie es früher war im Quartier. Oder ich habe eine kleine Serie über den Bremgartenfriedhof gemacht. Eine ehemalige Mitarbeiterin, Heidi Gassner, wollte gerne Kunstschaffende vorstellen, daraus wurde eine Porträt-Serie.

Sarah: Manchmal hat sich eine Struktur entwickelt und wir haben gesagt, lasst uns das weitermachen. Aber wir nahmen uns immer die Freiheit, damit auch wieder aufzuhören. Es gab ja keinen Chefredaktor, der festlegte, wie das Blatt auszusehen hat. Diese Funktion ging im Team reihum. Wir sind angewiesen auf diese Offenheit, damit die Leute gerne mitschreiben.

Eva: Als fixe Rubriken hatten wir das «Editorial», die Berichterstattung über die Quartierkommission und die Agenda «Was Wann Wo». Die anderen Übertitel auf den Seiten dienten eher der inhaltlichen Einordnung der Texte, z.B. «Kultur» oder «Neu im Quartier». Wir haben das nicht so streng genommen. Eine Rubrik hiess z.B. mal «Leben im Quartier», dann «Quartierleben». Eine aufmerksame Leserin hat nachgefragt, was denn da der Unterschied sei, aber da war von uns aus keiner ...

Qualitätsstandards

LB: Gab es Diskussionen über die Texte, ob etwas ins Heft kommt oder nicht?

Eva: Ja, das gab es schon, vor allem bezüglich Qualitätsstandards und auch bezüglich der Grenze zu Werbung und Public Relations. Ich fand das nicht immer ganz einfach. In einem ehrenamtlich produzierten Blatt ist man aufeinander angewiesen und es ist niemand der Chef. Da muss man sich gemeinsam darauf einigen, was geht und was nicht.
Sarah: Auch wenn man als Laie und ehrenamtlich schreibt, ist es wichtig, dass man journalistische Standards beibehält, dass man Neutralität bewahren kann, dass wir die Leute, die wir befragen, fair behandeln, dass wir nichts erfinden, dass wir die Texte immer zum Gegenlesen geben. Darüber muss man im Team auch diskutieren können. Mir persönlich war es wichtig, dass sich die Leute wiedererkennen im Artikel.

Eva: Ja genau. Wir haben manchmal auch Politiker interviewt oder andere Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Die wissen sehr genau, was sie sagen wollen und was nicht. Da genügt es normalerweise, die Zitate vorzulegen. Aber wenn du jemanden interviewst, der sonst nichts mit Zeitungen zu tun hat, dann musst du viel achtsamer sein.

Regine: Viele Institutionen haben die Erwartung, dass das Länggassblatt PR macht für sie. Manchmal fragten wir neu zugezogene Geschäfte, ob sie sich vorstellen möchten. Dabei ist aber die Gefahr gross, dass sie sich ganz toll darstellen und ihren Text mit vielen Adjektiven ausschmücken. Da muss man dann bei der Schlussredaktion etwas streichen. Wir möchten vermeiden, dass das Länggassblatt zu einem PR-Blatt wird. Natürlich sind unsere Porträts auch eine Art Werbung, aber wir wahren dabei eine Distanz.

Sarah: Eine gute Übung ist, ein Interview Wort für Wort zu transkribieren. Dabei merkt man, auf welche Weise man Fragen stellt, oder man hört Sachen, die man während des Interviews gar nicht gehört hat ...

Eva: ... oder man merkt, dass man dem Interviewten ins Wort fällt ...

Sarah: ... oder dass man suggestive Fragen stellt.

LB: Was wollt Ihr uns mitgeben?

Sarah: Hört nicht auf zu schreiben. Schreibt, was Euch Freude macht, das ist der beste Motor zum Schreiben. Und bleibt selbstkritisch.

Eva: Findet Euren eigenen Weg. Macht einfach und wartet nicht, dass jemand anderes die Arbeit macht.

Regine: Föt a!

 

Quelle: Länggassblatt 255 Februar 2019