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Wie das Pionierprojekt ins Abseits geriet

Bevor diesen Dezember das Atomkraftwerk Mühleberg endgültig vom Netz genommen wird, blicken der erste Direktor des Werkes und ein Atomkraft-Gegner noch einmal zurück.

Das Kernkraftwerk Mühleberg in ländlicher Idylle. In einigen Jahren wird es aus der Landschaft verschwunden sein. (Bild: Lukas Blatter)

Elf Fussballfelder brachliegende Rasenfläche oder ein neu belebtes Industrieareal. So könnte es dereinst flussabwärts des Wasserkraftwerks an der Aare oberhalb des Wohlensees aussehen. Nichts mehr wird daran erinnern, was heute noch untrennbar mit dem Dorf Mühleberg (BE) assoziiert wird: das Atomkraftwerk Mühleberg, das von dort aus seit 1972 Strom für die ganze Region produziert.

Am 20. Dezember 2019 ist damit Schluss. Das Werk wird vom Netz getrennt und auf seine Stilllegung vorbereitet. Mitte Juni 2018 bekam die Betreiberin BKW dafür grünes Licht vom Bund – in Form der Stilllegungsverfügung. Ein unerfreuliches Ereignis, findet Hans Rudolf Lutz. Er war der erste Direktor des Kernkraftwerks Mühleberg und engagiert sich bis heute für die Kernenergie. Seiner Meinung nach hätte das Werk noch viele Jahre sicher weiterbetrieben werden können.

Behörde habe übers Ziel geschossen

Doch die neuen Anforderungen an die Erdbebensicherheit der Atom-Meiler würden die Betreiberin BKW dazu zwingen, das Werk zu schliessen, zu kostspielig seien die verlangten Nachrüstungen. «Es ist nachvollziehbar, dass man als Unternehmen in dieser Situation zu Rechnen beginnt.»

Laut Lutz, der selbst Aktionär der BKW ist, hat die Aufsichtsbehörde weit übers Ziel hinausgeschossen: «Ein derartiges Erdbeben, wie es alle 10'000 Jahre vermutet wird, hat es wohl nie gegeben.» Damit vertritt er eine Position, die unter Wissenschaftlern umstritten ist. Lutz setzte sich zeit seines Lebens mit der Atomkraft auseinander. Schon vor Mühleberg forschte er bei der Reaktor AG, dem heutigen Paul-Scherrer-Institut.

Pioniere mit Anlaufschwierigkeit

Mit den ersten Atomkraftwerken begann auch in der Schweiz das Zeitalter der nuklearen Stromproduktion. «Wir wurden als Pioniere angesehen. Kernkraft galt als Fortschritt zu umweltbelastenden Öl- und Kohlekraftwerken», so Lutz.

Nach Beznau im Aargau wurde auch in Bern das Kernkraftwerk Mühleberg in Betrieb genommen. Als die Erbauer das Werk 1971 schliesslich hochfahren wollten, kam es zum ersten Zwischenfall in der Geschichte des Werkes: Eine Zuleitung mit Steueröl zur Regulierung eines Turbinendampfventils war nicht ausreichend befestigt worden, Öl trat aus und geriet in Brand. «Die Halle war schwarz, Leitungen zerstört», erinnert sich Lutz noch genau. Die Inbetriebnahme verzögerte sich um ein ganzes Jahr.

Der Zwischenfall müsse eine panische Situation in Mühleberg verursacht haben, sagt Jürg Joss von Fokus Anti Atom: «Im Kontrollraum war ein Drittel der Signale durch den Brand nicht mehr verfügbar.» Die Überwachung des Reaktorzustands sei unter diesen Umständen nicht mehr möglich gewesen.

Vom AKW-Elektriker zum Kritiker

Der «Blick» und die schwedische Regierung meldeten sich nach dem Ereignis bei Hans Rudolf Lutz. Doch das Interesse liess nach zwei Tagen wieder nach. «Heute wäre ein solcher Vorfall tagelang Teil der internationalen Presse», so Lutz.

Weitgehend unbeeindruckt von der Atomkraft hätten sich damals auch die Bewohner ländlicher Regionen gezeigt, sagt Jürg Joss. Auch er lebte auf dem Land. «Ich wusste lange Zeit nicht, dass man da dagegen sein kann.» Der ausgebildete Elektromonteur arbeitete während drei Revisionen im Atomkraftwerk Leibstadt als Angestellter bei Sulzer Winterthur – unter anderem auch nahe beim Reaktor.

Wie üblich musste auch er sich auf radioaktive Rückstände untersuchen lassen, bevor er die Anlage verlassen durfte. Nach einem Arbeitstag schlug bei ihm der Detektor Alarm. Ein Schreckensmoment für den Techniker: «Da fällt dir das Herz in die Hose.» Er sei direkt vom Schlimmsten ausgegangen. Erst, als er sich drei Mal unter der sogenannten Dekontaminationsdusche gereinigt hatte, stellte der Messapparat keine Spuren mehr fest.

Der Vorfall ereignete sich in der Revision kurz nach dem Unfall in Tschernobyl 1986. Es war die letzte Revision für Jürg Joss. Auf einer anschliessenden Asienreise setzte er sich eingehend mit der Reaktor-Katastrophe in der damaligen Sowjetunion auseinander. Kurz nach der Rückkehr trat er dann der Grünen Partei bei und begann, sich bei der «Aktion Mühleberg stilllegen» zu engagieren. Damit war er nicht alleine: Der Unfall in Tschernobyl liess die atomkritische Bewegung erstarken wie nie zuvor. Vier Jahre später beschliesst die Schweizer Stimmbevölkerung ein 10-jähriges Moratorium für den Bau neuer Kernkraftwerke.

Kehrtwende Fukushima

25 Jahre nach der Katastrophe war diese Stimmung wieder verflogen. Das Moratorium wurde nicht verlängert und die Energieunternehmen planten schon an neuen Anlagen. So auch die BKW: Sie wollte ihr altes Werk in Mühleberg durch ein leistungsfähigeres ersetzen. Bei einer Konsultativabstimmung im Februar 2011 begrüssten die Berner Stimmenden diesen Vorschlag.

Doch dann kam alles anders. Keine zwei Monate später ereignet sich im Osten Japans die jüngste Katastrophe der Atomenergie. Das Kernkraftwerk in Fukushima wird nach dem Erdbeben vom Tsunami getroffen und havariert. Zu Tausenden gehen die Leute nun auf die Strasse, in Bern wird ein Camp vor dem Hauptsitz der BKW errichtet. Auch Jürg Joss kämpft an vorderster Front gegen Atomstrom. Energieministerin Doris Leuthard legte als Sofortmassnahme sämtliche Baugesuche für neue Atomkraftwerke auf Eis. Die Energiedebatte wurde ein dominierendes Thema bei den nationalen Wahlen 2011.

«Habe noch immer Angst»

2013 folgte dann der Knall: Gerade ein Jahr im Amt gibt BKW-CEO Suzanne Thoma bekannt, das Kernkraftwerk in Mühleberg 2019 vom Netz zu nehmen. Jürg Joss war auch an der Pressekonferenz. «Ich wusste, dass es um etwas Grösseres gehen muss.» Obwohl es nun absehbar ist, schaut Joss dem Betriebsende kritisch entgegen: «Ich habe noch jetzt Angst, dass es diese Kiste in den verbleibenden eineinhalb Jahren lüpft.»

Ganz anders sieht dies Hans Rudolf Lutz. Er glaubt weiterhin an den Atomstrom: «Kernkraft wird wieder kommen, in Sachen CO2 gibt es keine bessere Alternative.» In Mühleberg hingegen zeigen alle Zeichen in eine andere Richtung. In weniger als 20 Jahren wird dort dereinst nichts mehr an das Atomkraftwerk erinnern.

 

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