Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

KOLUMNE /

Renato Kaiser

30.01.2019 | 09:39

In der Dorfzeitung seiner Heimatgemeinde Goldach, dem «Wellenbrecher», schreibt Renato Kaiser über das PTT-Archiv in Köniz. Entstanden ist eine innige Liebeserklärung an einen schrulligen Bunker.

Liebes Volk

Einer meiner schönsten Momente im letzten Jahr war der Besuch im PTT-Archiv in Köniz. Das ist mal ein Einstieg, nicht wahr? So wollte ich schon immer mal eine Kolumne anfangen. Und auch wenn es erstmal abwegig klingt - es stimmt! Letzten Oktober wurde «20 Jahre PTT-Archiv» gefeiert, ich war ebenfalls eingeladen und was soll ich sagen: Ich habe meinen Platz gefunden. Hier gehör ich her, hab ich gemerkt. Zu Heike und Matthias (den beiden aus dem PTT-Archiv, die mich dort empfangen haben). Und ich meine nicht «empfangen» im üblichen Sinne. Sondern im mütterlichen Sinne. Wie bei einer Geburt. Ich bin auf die Welt gekommen. Denn sie haben mich auf Anhieb mindestens adoptiert, mit dermassen glänzenden Äuglein haben sie mich angeschaut. Gut, wahrscheinlich ist das normal, wenn man in einem Archiv arbeitet und das erste Mal wieder mit jemandem aus der Aussenwelt zu tun hat. Sie haben mich angeschaut wie verschüttete Minenarbeiter nach ihrer Befreiung das Sonnenlicht.

Und bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Das klingt ja fast ein wenig unheimlich. Aber so war es nicht. Oder nicht nur. Sie waren sehr freundlich. Sehr, sehr freundlich. Wobei wir ja alle wissen: Es ist ein schmaler Grat zwischen Gastfreundschaft und Geiselnahme, zwischen «oh, Stockholm ist aber eine schöne Stadt» und Stockholm-Syndrom. Das trifft es auch gar nicht mal so schlecht, schliesslich geht es da ja darum, dass sich die Geisel in die Geiselnehmer verliebt. Und ja, liebes Volk, das ist mir auch passiert. Darum möchte ich es hiermit auch ganz offiziell machen: Ja, ich befinde mich zurzeit in einer festen Beziehung mit Heike und Matthias vom PTT-Archiv und ja, wir sind polyamourös und nein, es ist keine offene Beziehung und ja, wir sind die süsseste Patchworkfamilie unter der Sonne, wobei wir die Sonne natürlich kaum sehen, schliesslich hängen wir ständig im Archiv rum.

Und nein, ich muss sie enttäuschen, das ist keine sexuelle Beziehung, sondern hochgradig platonisch, platonisch auf höchster Ebene, sozusagen das Hochplateau von platonisch oder anders gesagt: Es gibt bei uns keinen Sex, keinen Geschlechtsverkehr, nur Postverkehr, wir befummeln uns nicht gegenseitig, wir befingern alte Telefonbücher und Postauto-Akten und nennen es PTT-Petting.

Natürlich habe ich mich aber während dieser Zeit nicht nur von Liebe und Luft ernährt (von Luft sowieso nicht, in dem Bunker), sondern auch von Informationen:

Wussten Sie zum Beispiel, dass es mal eine Zeit gab, in der man sich strafbar machen konnte, wenn man ein nicht PTT-zertifiziertes Babyphone zu Hause hatte? Weil man plötzlich geheimen Funkverkehr aus dem Kinderzimmer hören konnte? Und dass aus dem selben Grunde auch Hörgeräte manchmal gestört wurden? Ja wirklich! Weil man damit plötzlich Radiowellen empfangen hat. Stellen Sie sich das mal vor! Drahtlose Kopfstecker, mit denen man Radio hören kann! Das kann man sich ja kaum vorstellen heutzutage!

Wobei ich ja sagen muss, diese modernen Bluetooth-Kopfhörer-Stecker, mit denen man aussieht, als hätte man sich auf beiden Seiten ein überdimensioniertes Plastikspermium ins Ohr gehängt, das sieht schon komisch aus. Und die verliert man ja auch ständig! Ich hätte da auch eine super Idee, fast schon revolutionär! Wir könnten diese Kopfhörer doch mit so einem Kabel versehen, das man direkt ins Handy steckt, damit man die nicht verliert. Und man müsste sich auch keine Sorgen mehr machen, ob der Empfang steht. Brillant, oder?

Aber egal, wussten Sie zum Beispiel, warum Natel eigentlich Natel heisst? Was ist ein Koffertelefon und wie mobil ist ein Mobiltelefon wirklich, wenn es mehrere Kilo schwer ist und man es nur im Autokoffer transportieren kann? Und warum kostete es 20‘000 Franken, wenn man nicht einmal Snake drauf spielen konnte?

Wussten Sie, dass bei den ersten Postautos Anfang des 20. Jahrhunderts der Tacho aussen war? Das ist kein Witz!

Offenbar konnten die Passant*innen damals nicht so richtig mit dem Tempo der Postautos umgehen. Verständlich, war ja schliesslich auch ganz neu. Wir können ja heute relativ gut mit dem Auge erkennen, ob ein Auto mit zirka 30, 50 oder 70 daherkommt. Aber die waren sich das damals nicht gewohnt und mussten sich ein völlig neues Verständnis von Geschwindigkeit aneignen. Die wichtigste Frage ist natürlich: Gab’s innen auch einen Tacho? Ja, natürlich, schon klar, wäre sonst ja auch seltsam gewesen. Aber auch eine schöne Vorstellung. Wie der Postautofahrer so durch die Strassen fährt und aus dem Fenster ruft «Äh tschuldigung, chönted Sie mir bitte sägä, wie schnell ich unterwegs bi? Merci!» Oder auch bei einem Unfall, wenn der andere dann sagt, man sei zu schnell gefahren, kann man als Postautofahrer einfach antworten: «Ja das tuet mir jo laid, aber warum hend Sie denn nüt gsait?»

Nun, ich find das in jedem Falle sehr praktisch, diesen Aussentacho. Ich stelle mir vor, wie dann ein Fussgänger auf der Strasse steht und findet: «Ui, jetz mueni aber luegä, obi no vor dem Poschtauto über d’Schtross chum, wi schnell faart das Postauto ächt?» und wie er dann ganz angestrengt etwa 10 Sekunden das Postauto anstarrt und dann kurz vor dem Aufprall sagt: «Ah, 20!» Bumm.

Nun, all das und noch vieles mehr kann man im PTT-Archiv lernen. Ich empfehle Ihnen also herzlich, mal da vorbeizuschauen. Und wenn Sie das tun, dann grüssen Sie Heike und Matthias lieb von mir. Also nicht zu lieb. Und bitte verraten Sie ihnen meine Adresse nicht, sonst sperren Sie mich wieder in den Bunker. Ein bisschen unheimlich war das ja schon…

Es grüsst Sie mit dem Natel am einen Ohr, einem Plastikspermium im anderen und mit treuen Rehaugen im Postautoschweinwerferlicht

Ihr Kaiser