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Nachts in der Bibliothek

Die Universitätsbibliothek an der Münstergasse bleibt seit dem 03. Dezember unter der Woche bis Mitternacht geöffnet. Wie fühlt sich das an, nachts in der Bibliothek zu lernen? Und sind längere Öffnungszeiten überhaupt eine positive Entwicklung? Ein Bibliotheksbesuch bei Nacht.

Der Gewölbekeller in der Bibliothek Münstergasse ist auch in der Nacht noch gut besucht. (Foto: Yannic Schmezer)

Es ist kurz vor 22 Uhr. Die Sonne hat sich bereits vor über vier Stunden verabschiedet. Ich stehe vor dem Eingang der Bibliothek Münstergasse und schaue auf die Tafel mit den Öffnungszeiten. Vor ein paar Wochen noch, hätten bereits um 21 Uhr die letzten Studierenden die Säle der Bibliothek verlassen. Seit dem 03. Dezember jedoch bleiben diese im Rahmen eines Pilotprojekts für ein halbes Jahr unter der Woche bis Mitternacht geöffnet. Mit den verlängerten Öffnungszeiten reagiere man auf einen Bericht und ein Gespräch mit der StudentInnenschaft der Uni Bern (SUB), erklärt die Leiterin der Bibliothek Münstergasse, Dr. Isabelle Kirgus auf Anfrage. Die SUB führte im Herbst 2017 eine Umfrage unter den Studierenden durch. Viele der Befragten hätten sich mehr Arbeitsplätze und längere Öffnungszeiten gewünscht, heisst es im erklärenden Bericht zur Umfrage. «Nach einer Standortevaluation innerhalb der UB (Anm.d.Red.: Universitätsbibliotheken) wurde die Bibliothek Münstergasse für den Pilot ausgewählt.», schreibt Kirgus.

Der Schutz der Nacht

Die neuen Öffnungszeiten kommen allen zugute, nicht nur den Studierenden. Wer einen Bibliotheksausweis oder eine Legi hat, darf nach 21 Uhr die Bibliothek betreten. Ein Sicherheitsmann macht vor dem Eingang Einlasskontrolle. Er lässt mich passieren. Ich gehe die Treppe herunter, am Bibliothekspult vorbei, an dem es sich eine Sicherheitsfrau bequem gemacht hat, und setze mich an einen der freien Plätze im Lesesaal. Zu meinem Erstaunen ist der Saal gut gefüllt, ich erspähe rund zwei Dutzend Personen, allesamt in ihre Bücher vertieft oder die Augen auf den Laptopscreen gerichtet.

Es ist etwas Anderes, nachts zu lernen als tagsüber. Draussen ist das Leben bereits zum Erliegen gekommen. Fast alle Menschen haben ihren Arbeitsplatz schon vor Stunden verlassen und sitzen zu Hause. Niemand erwartet mehr, dass um diese Zeit abgesetzte Anrufe entgegengenommen oder verschickte Mails beantwortet werden. Die Nacht legt sich wie ein schützender Schleier um alle, die unter ihrem Regime arbeiten. Ich erinnere mich an meine Zeit im Gymnasium, als ich oft nachts lernte. Damals wusste ich: Selbst, wenn ich tagsüber nicht lernen kann oder will – die Nacht gehört mir alleine. «Eine Nachtschicht schieben» war ein Stück Freiheit.

Die Freiheit des Lernens

Trotzdem stimmen die längeren Öffnungszeiten auch nachdenklich. Ist es wirklich nötig, dass selbst in der Nacht noch gelernt wird und führt das nicht zu einer Verschiebung dessen, was von Studierenden im Studium erwartet werden kann? «Ganz grundsätzlich sind Öffnungszeiten – rund um die Uhr – ein Thema, das seit einigen Jahren virulent ist und auf gesellschaftliche Veränderungen antwortet.», erklärt Kirgus. Als eine der ersten deutschsprachigen Bibliotheken habe das Karlsruher Institut für Technologie gar an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr geöffnet.

«Ich überlasse es den Menschen gerne selbst, was sie wann und zu welcher Zeit machen.», schreibt Kirgus. Entspannung und stress würden schliesslich individuell empfunden. «Der Freiheit der Wissenschaft würde ich die Freiheit des Lernens entgegensetzen.» Auch die SUB sieht keine Probleme in den längeren Öffnungszeiten. «Viele Studierende haben neben dem Studium noch andere Verpflichtungen, wie zum Beispiel Erwerbsarbeit oder familiäre Betreuung.», schreibt Noémie Lanz, Vorständin der SUB auf Anfrage und gibt zu bedenken, dass nicht alle den gleichen Lernrhythmus teilten.

Mehr und weniger Autonomie

Es ist paradox: Längere Öffnungszeiten erlauben es zwar, das Lernen autonomer zu gestalten, gleichzeitig verschaffen sie einem äusseren Zwang - der Arbeit - Zugang zu einer geschützten Sphäre - der Nacht. Man gewinnt und verliert gleichzeitig ein Stück Autonomie. Welche Seite schlussendlich schwerer wiegt, kann empirisch kaum erhoben werden. Ausserdem ist es nicht so, als dass die Nacht bisher eine Tabula rasa gewesen wäre. Die Nacht wird schon längst von vielen Studierenden fürs Lernen genutzt. Weshalb also nicht die Öffnungszeiten der Bibliothek verlängern und so Chancengleichheit für jene schaffen, die, aus welchem Grund auch immer, nicht zu Hause lernen können oder wollen?

Ob der Pilotversuch in eine dauerhafte Verlängerung der Öffnungszeiten mündet, entscheidet sich frühestens im Sommer 2019. Bis dahin zählt die Bibliothek fleissig die bei Nachtzeit noch anwesenden Personen. «Gegen 22 Uhr waren in der ersten Woche durchschnittlich 20 Personen in der Bibliothek, gegen 23 Uhr durchschnittlich 10 Personen.», schreibt Kirgus, fügt aber an, dass sich diese Zahlen in den kommenden Wochen noch nach oben entwickeln könnten, schliesslich stehe die Prüfungszeit bevor.

Nach einer Stunde verlasse ich die Bibliothek wieder. Mittlerweile haben sich die Reihen im Lesesaal etwas gelichtet. Trotzdem werden einige der jetzt noch verbleibenden Studierende erst zu Hause sein, wenn der neue Tag schon angebrochen ist. Das ist ihnen zu gönnen. Aber es tut einem auch leid.