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«Eine 100er Note kann nichts vorlesen» - SIBA XXV

Soziale Innovation

Wer kümmert sich um mich, wenn ich älter und auf Hilfe angewiesen bin? Diese Frage versucht der Verein KISS zu beantworten, indem er der Freiwilligenarbeit einen zeitlichen Wert gibt.
 Das Konzept der Zeitvorsorge soll so zur vierten, geldfreien Säule werden.

Ruedi Winkler ist seit 2016 Präsident des Vereins KISS. (Foto: zvg)

In einer immer älter werdenden Bevölkerung muss die persönliche Vorsorge eine wichtige Rolle einnehmen. Der Verein KISS zeigt auf, dass sich dies aber nicht nur auf eine finanzielle Absicherung beschränken soll, oder wie es Ruedi Winkler ausdrückt: «Eine 100er Note kann Ihnen nichts vorlesen.» Der Präsident des Vereins ist überzeugt davon, dass die Schweiz unter anderem eine vierte Säule braucht: Die Zeitvorsorge. «Wir sehen, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Bis ins Jahr 2040 wird sich die Zahl der über 80-jährigen Menschen in der Schweiz verdoppelt haben», meint Winkler.

Zeitbörse ohne Beschränkung



Das Prinzip hinter der Zeitvorsorge von KISS ist relativ simpel und folgt derselben Logik wie Zeitbörsen. Wer eine Stunde lang freiwillig einen anderen Menschen betreut oder begleitet, erhält eine Stunde gutgeschrieben, die sie oder er später einmal selbst einlösen oder auch verschenken kann. Was nicht unter diese Freiwilligenarbeit fällt, ist Pflegearbeit, diese gehört in professionelle Hände. «Viele bestehende Zeitbörsen bieten keine Vorsorgefunktion, dort wird die Anzahl Stunden auf dem eigenen Konto nach oben hin eingeschränkt», erklärt Ruedi Winkler. Bei den KISS-Genossenschaften ist das Gegenteil der Fall. Dort dürfen die Stunden unbeschränkt gesammelt werden, eine wahre Zeitvorsorge könnte mit einem Maximum von 20 Stunden kaum ihr Versprechen halten. Daraus ergibt sich auch das Risiko, das alle Mitglieder der KISS-Genossenschaften eingehen: Wie kann ich mein Zeitguthaben einlösen, wenn es in Zukunft keine Freiwilligen mehr gibt? «Die Gefahr, dass die Hilfsbereitschaft zurückgehen wird, existiert natürlich», erklärt Ruedi Winkler «dazu müsste aber ein grosser Wertewandel stattfinden und das kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen.» Diese Frage tauche immer wieder auf, sagt Ruedi Winkler, aber wie die Entwicklung der letzten Jahre bei KISS zeige, hält diese die Menschen nicht davon ab, bei dem Modell der Zeitvorsorge mitzumachen.

Bern im Aufbau



Vor sieben Jahren wurde der Verein KISS gegründet, mit dem Ziel, die Zeitvorsorge in der Schweiz bekannter zu machen. Dies scheint gelungen zu sein, mittlerweile haben sich unter dem Dachverband KISS bereits 16 regionale Genossenschaften in der ganzen Deutschschweiz gegründet, viele weitere befinden sich in der Aufbauphase. Der Verein KISS bietet den regionalen Genossenschaften Unterstützung und Begleitung beim Aufbau und stellt Unterlagen zur Verfügung. In der Region Bern existiert aktuell noch keine KISS-Genossenschaft. Dies soll sich aber in Zukunft ändern: «In Köniz wurde der Gemeinderat beauftragt, die Schaffung eines Zeitvorsorgesystems zu unterstützen», erklärt Ruedi Winkler, «und in Muri bei Bern ist der Verein ‚Zyt ha für Anderi' daran, eine Genossenschaft zu werden, ebenso im Bezirk Grauholz.»

Die grosse Zunahme an KISS-Genossenschaften stellt den Verein aktuell vor neue Aufgaben. Was vorher im kleineren Rahmen von selbst lief, muss nun in Prozessen festgelegt werden. KISS befinde sich daher aktuell in einer Zeit der Reorganisation, erläutert Ruedi Winkler. Er selbst, der seit 2016 ehrenamtlich als Präsident des Vereins arbeitet, sagt lachend: «Auch wir sind knapp an menschlichen Ressourcen und an Zeit. Eigentlich ziemlich paradox.» Finanziert wird der Dachverband KISS von einer Vielzahl an Stiftungen und Organisationen. Grosse Unterstützung erhält KISS durch die Stiftung Generationen-Dialog, insbesondere in der Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn Ruedi Winkler betont: «Wir wollen diese Form der Zeitvorsorge bekannt machen, das ist klar. Allerdings müssen die Menschen von sich aus motiviert sein, es bringt uns nichts, Leute zum Mitmachen zu überreden.»