Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Ein Miteinander im Springgarten?

Aus den Quartieren

100 000 m2 Grünfläche, schützenswerte Bauten, über 100 alte Bäume, gut erschlossenes Land, mitten in der Stadt. Das ist der Springgarten. Ein begehrtes Stück Bern. Was passiert damit?

Der Springgarten. (Foto: Rita Jost)

Salome Wägeli hat einen idyllischen Arbeitsplatz: Von ihrem Bürofenster sieht sie auf 100-jährige Stallungen, hört Pferde wiehern, sieht sie, riecht sie – tagein, tagaus.

Salome Wägeli an ihrem Arbeitsplatz. (Foto: Rita Jost)

Salome Wägeli an ihrem Arbeitsplatz. (Foto: Rita Jost)

Die 34-jährige Thurgauerin, Bauerntochter und Pferdenärrin seit frühster Jugend ist seit zwei Jahren Betriebsleiterin des Nationalen Pferdezentrums NPZ und Chefin von rund 50 Angestellten. Jedoch: ihr Idyll zwischen Papiermühle- und Bolligenstrasse ist gefährdet. Die Stadt möchte den Springgarten überbauen, die Burgergemeinde als Besitzerin des Areals auch, aber nicht gerade sofort und wohl nur teilweise. Angesichts dieser Begehrlichkeiten wehrt sich das NPZ: einerseits mit einer ausführlichen Stellungnahme zur Mitwirkung beim Richtplan Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf, aber auch mit eigenen Ideen für eine Öffnung des Areals.

Paddock und Reitkurse

Studenten der Berner Fachhochschule in Zollikofen haben sich im Rahmen von Bachelorarbeiten Gedanken gemacht, wie im Springgarten Oeffentlichkeit, Pferde und Pferdeliebhaber neben einander leben könnten. Es seien spannende Ideen, findet Salome Wägeli: «Sie zeigen, dass man einzelne Bereiche öffnen und anders strukturieren, das heisst, die Fläche für die Pferde vom öffentlichen Raum abtrennen könnte». So liesse sich der Paddock retten, das heisst der in der Öffentlichkeit als «Springgarten» bekannte Reitplatz, wo jahrein/jahraus einige Hundert Pferdesportanlässe – Kurse, Trainings und Wettkämpfe – stattfinden. Für Wettkämpfe brauche die Anlage einfach eine gewissen Grösse, argumentiert Salome Wägeli.

Voltigier-Training an der ‚galoppierenden‘ Pferdeattrappe. (Foto: Sabine Schärrer)

Voltigier-Training an der ‚galoppierenden‘ Pferdeattrappe. (Foto: Sabine Schärrer)

Aber der Agrarökonomin ist gleichzeitig bewusst, dass zahlreiche Quartierbewohner sich fragen, warum «die Rösseler» eine so privilegierte Lage einfach für sich beanspruchen können. Das NPZ öffnet sich deshalb. Kürzlich hat es das Quartier zu einem Infotag eingeladen. Da war beispielsweise zu erfahren, dass das NPZ ein wichtiger Arbeits- und Ausbildungsort für Pferdeberufe ist, dass wöchentlich über 200 Kinder Reitkurse im NPZ besuchen, dass es auch Pensionsplätze für Pferde von Privaten bietet und zudem eine öffentliche Pferdeklinik ist.

Es raucht und stinkt beim Beschlagen der Pferde. (Foto: Sabine Schärrer)

Es raucht und stinkt beim Beschlagen der Pferde. (Foto: Sabine Schärrer)

Schweizweit einzigartig

Und vor allem aber bekamen die Quartierbewohner eine Führung durch die einmalige Anlage. «Nirgends sonst gibt es eine so grosse natürliche Anlage», schwärmt die Betriebsleiterin, die im Ausland studiert hat. Etwas Ähnliches wäre heute in der Schweiz auch nirgends mehr zu realisieren. Für sie ist klar: Wenn der Springgarten überbaut wird, dann bedeutete dies das Ende des NPZ in seiner heutigen Form, also das Ende einer über 100-jährigen Geschichte.

Der berühmte Storch wohnt auf einem der Dächer des NPZ und somit eigentlich im Stadtteil IV! (Foto: Sabine Schärrer)

Der berühmte Storch wohnt auf einem der Dächer des NPZ und somit eigentlich im Stadtteil IV! (Foto: Sabine Schärrer)

Das NPZ, diese ursprünglich für die Armee gebaute Anlage, die seit 20 Jahren in den Händen einer Genossenschaft ist, und wo heute noch alle Schweizer Armeepferde ausbildet werden will sich mit aller Kraft für den Erhalt der Anlage einsetzen. Salome Wägeli ist optimistisch: «Wir haben mit der Burgergemeinde eine solide Partnerin.» Die Landbesitzerin ihrerseits lässt sich vorerst noch nicht in die Karten blicken. Gegenwärtig ist eine Studie in Arbeit. Sie soll zeigen, wie das Springgartenareal sinnvoll genutzt werden kann. Anfang 2019 wird man es wissen.

 

Autorin: Rita Jost
Quelle: QuaVier Dezember 2018