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Spurensuche im Grenzgebiet Bern-Ostermundigen

Aus den Quartieren

Zwischen Bern und Ostermundigen funkt's – oder fünkelt's zumindest –, konnte man in letzter Zeit da und dort vernehmen; sie seien sich sachte am Abtasten.

Das Bild von Stadt/Land sitzt im Kopf – die reale Grenze im Tiefenmösli aber ist kaum sichtbar. (Foto: Johannes Künzler)

Nichts Wildes, «rein platonisch». Noch verläuft ja eine Grenze zwischen den beiden Gemeinden. Da ich mich für Stadt- und Landschaftsräume interessiere und gerne zu Fuss unterwegs bin, machte ich mich aus diesem Anlass auf zu einem Sommerspaziergang entlang der Grenze, die Bern im Stadtteil IV und Ostermundigen miteinander teilen. Dabei sollte mich die Frage leiten, ob und wie sich der Raum zwischen Bern und Ostermundigen quasi im «Alltagsgebrauch» als Grenzraum lesen und erfahren lässt. Befindet man sich da auf einer Art Grat, scharf wie ein Rasiermesser, oder doch eher in einem Zwischenraum, dessen Ränder wiederum nicht klar definierbar bleiben?

Start beim Lötschebach

Die Luft flimmert in der Nachmittagshitze, als ich beim Melchenbühl am Lötschebach stehe, der hier an der Ecke Bern-Ostermundigen-Gümligen noch auf Berner Boden fliesst. Ich wende mich gegen Nordwesten. Meine Wanderung beginnt in einer idyllisch-malerischen Landschaft («Wege zu Klee»...): Hohe Gräser wiegen sich im Wind, das Bächlein murmelt, in den Weiden zwitschern die Vögel und mächtig stehen die uralten Eichen neben dem Gelb eines Kornfeldes. Von einer sicht- oder spürbaren Grenze fehlt jede Spur. Hebe ich den Blick über den Idyllen-Rahmen (s. Foto) hinaus, wird das Bild noch verwirrender. Im Hintergrund zieht sich ein Riegel von Wohnhäusern und Gewerbebauten durchs Gemälde – wo endet «die Stadt», wo beginnt «das Dorf»? Es ist nicht auszumachen. Erst auf den zweiten, genauen Blick (auch auf den Zonenplan) erkennt man, dass über die Feldgestaltung und die Hecken- und Baumbepflanzung die Grenze markiert worden ist: Blumen in O., Futtermais in B.

Vollständig zusammengewachsene Vorstadt am «Platz der Vereinigung». (Foto: Johannes Künzler)

Vollständig zusammengewachsene Vorstadt am «Platz der Vereinigung». (Foto: Johannes Künzler)

Der Oberen Zollgasse sowie dem westlichen Rand des Schosshaldenwaldes entlang folge ich weiter dem Rand von Ostermundigen (Vgl. mit der Kurzgeschichte «Der Rand von Ostermundigen» von Franz Hohler – ein mysteriöser Satz lässt einen Ort entstehen, der überall auf der Welt sein kann.), wobei ausser einer Ortstafel auch hier nichts Sicht- und Fühlbares auf eine Grenze verweist, der Übergang ist völlig fliessend, die Örtlichkeiten bilden den üblichen Agglomerationssiedlungsmix.

Der Platz für ein gemeinsames Sommerfest

Die nächste Station, die mich näher interessiert, ist das Gebiet rund um die Bushaltestelle Waldeck. Mit dem Hochhaus, der breiten Strasse und dem abbruchreifen, mit Sprayereien verzierten Wartehäuschen macht die Szenerie etwas auf Suburbia. Hinter dem Bushäuschen liegt eine Brache, rundum von Büschen zugewachsen. Nimmt man den Zentweg, überschreitet man nach fünfzig Metern ein stillgelegtes Eisenbahngleis, dessen Barriere aber nicht etwa die Gemeinden abtrennt, da das Strässchen ganz auf Stadtboden verläuft. Dann steht man auf einem kleinen Platz (jetzt in Ostermundigen); ein historischer Hebekran aus dem Sandsteinbruch trägt zur Industrie-Atmosphäre der Umgebung bei. Ich setzte mich auf einen der Sandsteinblöcke, die das Plätzchen säumen ... und schweife gedanklich ab ... zu einem gemeindeverbindenden Sommerfest mit grossem Buffet, funkelnden Gläsern auf weissen Tischtüchern, Lampions und cool-swingender Tanzmusik... Auf dem frisch umbenannten «Platz der Vereinigung».

Das «Botanische Objekt 27», eine gigantische Eiche, hängt seine Äste über den Grenzzaun. (Foto: Johannes Künzler)

Das «Botanische Objekt 27», eine gigantische Eiche, hängt seine Äste über den Grenzzaun. (Foto: Johannes Künzler)

Quer durch die Gärten

Ich spaziere nun ins Burgfeldquartier hinein. Auf dem Breiteweg, bereits jenseits der Stadtgrenze, kommt mir ein Jugendlicher entgegen. Ob er wisse, wo die Grenze durchgehe und ob er in Bern oder Ostermundigen wohne? Er schaut mich etwas verständnislos an, meint dann, er wohne da etwas weiter vorne, das gehöre zur Stadt, aber das spiele für ihn eigentlich keine Rolle, «auso, i mues», er drückt die Knöpfe wieder in die Ohren und trottet weiter.
Tatsächlich ist hier die Grenze, die sich mitten durch die Gärten zieht, ohne Stadtplan in der Hand als solche schlicht nicht zu erkennen.

Grenzzwischenraum im Burgfeld: Stadtmauer und Burghügel modern interpretiert. (Foto: Johannes Künzler)

Grenzzwischenraum im Burgfeld: Stadtmauer und Burghügel modern interpretiert. (Foto: Johannes Künzler)

Ich gehe noch etwas weiter bis an die andere Ecke des Burgfeldquartiers am Schermenweg, wo die Stadtgrenze aus dem wilden Buschwerk tritt, das hinter einem Parkplatz zwei Mehrfamilienhausgärten verbindet. Da es bereits auf den Abend zugeht, breche ich meine Erkundungstour hier ab. Die erhaltenen Eindrücke sind zwiespältig. Ich ging durch einen Grenzraum als kaum definierten Zwischenraum – konkret könnte man die Grenze in ein paar Stunden «abmontieren», denn die allermeisten Markierungen, die ich entdeckt habe, sind solche, wie sie auch zwischen Nachbarn bzw. Grundbesitzern bestehen. Sie würden auch weiterhin das alltägliche Zusammenleben (eher dezent) bestimmen. Was das Übrige betrifft ... lassen wir es doch noch ein bisschen fünkeln.

 

Autor: Johannes Künzler, Mitglied Redaktion QuaVier
Aus: QuaVier September 2018