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Neue Wege bei der Abfalltrennung

Aus den Quartieren

Ab Anfang September läuft auch im Berner Länggassquartier der «Farbsack-Versuch». Hinter dem Namen verbirgt sich ein neues Recycling-System.

Was gehört wohin? Infoanlass der Direktion TVS (Foto TVS)

Entsorgung Bern testet ein Recycling-System mit farbigen Plastic-Säcken, das den Sammelcontainer praktisch vor die Haustüre bringt und der 24-Stunden-Gesellschaft Rechnung trägt. Die zahlreichen Sammelcontainer für rezyklierbaren Abfall in der Stadt haben sich gut bewährt. Wer seinen Abfall konsequent sortiert, kann eine Menge blauer Gebührensäcke und damit einen schönen Batzen sparen. Einen Nachteil haben die Sammelcontainer jedoch: Kommt ein Nachzügler sonntags oder wochentags nach 20 Uhr auf die Idee, Glas, Blechdosen oder Papier in den Containern zu versenken, drohen Bussen. Diese zeitliche Beschränkung kommt zwar den Anwohnerinnen und Anwohnern der zwölf zum Teil stark frequentierten Sammelstellen zu Gute – entspricht aber doch nicht so ganz dem Zeitgeist, ist man bei der städtischen Müllabfuhr Entsorgung Bern der Ansicht. Ein weiteres Manko: das Recycling von Plastikbehältern ist an den Sammelstellen nicht möglich. Dafür muss auf die Container der Grossverteiler ausgewichen werden, welche aber auch bloss währen der Ladenöffnungszeiten zugänglich sind.

Zeitgeist in Farbe

Vor vier Jahren hat darum Entsorgung Bern-Chef Walter Matter über eine neue Lösung nachgedacht und wurde in Schweden fündig: «Der Abfall wird wie bisher im Haushalt getrennt, dann jedoch nicht mehr zur Sammelstelle gebracht, sondern in farbigen Säcken direkt vor der Haustüre in einen Container geworfen.» Die Idee des Farbsack-Systems war geboren: Einen roten Beutel für PET, einen in lila für Glas. In die gelbe Tüte gehören Kunststoffe - Alu und Blechdosen in den grauen. Für Papier und Karton gibt es einen braunen Papiersack und der restliche Hauskehricht wird im gewohnten blauen Gebührensack entsorgt.

Sortiment farbiger Abfallsäcke (Foto A. Käsermann)

Sortiment farbiger Abfallsäcke (Foto A. Käsermann)

Stadtweit machen rund 2'500 Haushalte mit

Für den Pilotversuch wurden Liegenschaftsverwaltungen angeschrieben, die einzelne Immobilien unterschiedlicher Grösse und Preisklasse für den einjährigen Testlauf vorschlugen. Bei diesen Liegenschaften stehen nun Abfuhrcontainer bereit, in welche die Sammelsäcke rund um die Uhr und an jedem Wochentag entsorgt werden kann. «Das entspricht einem Kundenbedürfnis», ist Walter Matter überzeugt. «Und es hilft zudem den Sammelstellen, welche ständig überlastet sind und wo wir ein starkes Verkehrsaufkommen haben.» Einerseits durch die Nutzerinnen und Nutzer, welche oft per Auto zu den Sammelstellen fahren – andererseits aber auch durch die Entsorgungs-Lastwagen, welche die Container regelmässig – an Samstagen oft mehrmals - leeren. «Ein Grossteil dieses Verkehrs kann mit einem Entsorgungscontainer vor der Haustüre eingespart werden. Damit ist das Farbsack-System ein Beitrag zu mehr Umweltschutz.» Ausserdem, meint Matter, würden nach wie vor viel zu viele Wertstoffe im normalen Hauskehricht statt in der Wiederverwertung landen.

Vorteil für die Gesundheit

Auch aus gesundheitlicher Sicht verspricht sich der Berner Chef-Entsorger Walter Matter einiges: «Die Arbeit bei der Müllabfuhr ist ein harter Knochenjob. Nach heutigem System hievt jeder einzelne Belader täglich drei bis fünf Tonnen Kehricht in den Abfuhrwagen. Nach dreissig Dienstjahren sind diese Mitarbeiter körperlich völlig verbraucht.» Solche Jobs könne und wolle man künftig nicht mehr anbieten. «Mit dem Farbsack-System hingegen können die Sammelcontainer mit einer Hebevorrichtung in den Wagen gekippt werden. Das schont die Gesundheit des Personals ungemein.»

Pilotversuchs-Container (Foto TVS)

Pilotversuchs-Container (Foto TVS)

Getrennt-gemischt-getrennt

Freilich ist das Sammelgut damit im Kehrichtwagen wieder bunt gemischt. Die Wertstoffe sind zwar in farbigen Säcken sortiert, diese aber zunächst wieder wild durcheinander. Während des Pilotversuchs werde die Trennung der verschiedenen Säcke nach dem Einsammeln zunächst händisch erledigt, erklärt Walter Matter. «Sollte der einjährige Test positiv verlaufen und das Farbsack-System dereinst in der ganzen Stadt eingeführt werden, wird die Trennung der einzelnen Säcke mit einer neuen Sortiermaschine automatisch erfolgen.»

Neuland in der Schweiz

Zwar ist die Idee mit den farbigen Sammelsäcken in einer Handvoll europäischer Städte bereits erfolgreich eingeführt worden – in der Schweiz beschreitet die Stadt Bern allerdings Neuland. Bei Entsorgung Bern sei man darum äusserst gespannt, ob der Pilotversuch vorstellungsgemäss funktioniere. Zuversichtlich ist die in der Länggasse beheimatete Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher. Auch sie beteiligt sich privat am Pilotversuch: «Ich trenne den Kehricht ohnehin seit vielen Jahren. Aber nun entfällt das leidige Schleppen der verschiedenen Recycling-Güter zur Sammelstelle. Das ist natürlich sehr viel bequemer.»

Der Berner Pilotversuch soll bis August 2019 laufen. Danach werden die gemachten Erfahrungen ausgewertet und entschieden, ob sich das Modell bewährt und stadtweit eingeführt werden soll. Und damit vielleicht gar als Vorbild für andere Landesregionen taugt. Franziska Teuscher meint: «Es würde mich auch als Gemeinderätin natürlich sehr freuen, wenn die Stadt Bern hier als Pionierin vorangehen könnte und andere Schweizer Städte – die ja meist mit denselben Entsorgungs-Problemen kämpfen – das Modell übernehmen würden.»


Andreas Käsermann
Aus: Länggassblatt September 2018