Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Kommentar /

Rahel Schaad

Awareness, Privilegien und Nacktheit - eine Replik

Auf dem KulturStattBern Blog des «Bund» erschien letzte Woche ein Text über die Nicht-Akzeptanz männlicher Brustfreiheit an einer Party im Frauenraum. Der Artikel bewegte die Gemüter, wir publizieren hier eine persönliche Replik.

An den Autoren Mirko Schwab und alle Menschen, die den letztwöchigen Artikel «Corpus Delicti Cis-Thorax» auf dem KulturStattBern Blog des «Bund» geliked haben.

Eine Gruppierung von Menschen, die sich seit Monaten mit Awareness beschäftigt, hat an der Soliparty fürs Kugelfest am vorletzten Samstag, 9. Juni, im Frauenraum, ein neues Konzept ausprobiert: Noch vor der Kasse wurden die angehenden Partybesuchenden auf die Grundsätze hingewiesen, die im Frauenraum gelten sollen:

  1. Ich akzeptiere die Grenzen anderer Menschen und überschreite sie nicht.
  2. Mein Verhalten und meine Sprache sind nicht diskriminierend oder unterdrückend gegenüber anderen.
  3. Ich konsumiere nur Alkohol und andere Drogen, wenn ich weiss, dass ich die Kontrolle und die Verantwortung über mein Handeln tragen kann.
  4. Ich handle nach dem Konsens-Prinzip: Das heisst, dass ich im Umgang mit anderen Personen ein «Nein» akzeptiere und nur ein «Ja» als ein «Ja» auffasse. Wenn ich nicht sicher bin, frage ich lieber noch einmal nach.
  5. Ich gebe mir Mühe, Sexismus, Rassismus und andere Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen zu erkennen und mich dagegen einzusetzen.

Bereits im Vorfeld wollte man somit ein Bewusstsein für die Mitverantwortung der Stimmung, des Wohlergehens aller und eine Atmosphäre der Sensibilität schaffen. Viele Menschen haben sich über diese Sensibilisierungsinitiative freudig überrascht geäussert, einige haben sich ausdrücklich dafür bedankt. Als die Person des Awarenessteams am Eingang Mirkos Freund über das Konzept informieren wollte, fiel dieser ihr mit einem «Ich weiss, was Awareness bedeutet, danke» ins Wort, faltete den Infotext, ohne einen Blick darauf zu werfen, zusammen und bahnte sich mit einem Lächeln den Weg zur Kasse.

Awareness bedeutet so viel wie «Achtsamkeit», «Bewusstsein» und stellt auf einer Party das Bemühen dar, den Besuchenden einen Raum zu bieten, in dem aktiv gegen diskriminierendes Verhalten vorgegangen wird und Personen Unterstützung finden, wenn diese benötigt wird. Während der ganzen Nacht stand im Frauenraum ein dreiköpfiges Awarenessteam im Einsatz, betreute den Infostand, anerbot sich als Ansprechsposten und achtete auf die Stimmung der Feiernden.

5 Uhr morgens: Dicke Luft im tropischen Klima des schlechtbelüfteten Frauenraums. Der Freund von Mirko hat sich mittlerweile das Hemd ausgezogen und Awarenessteam, Veranstaltende und Abendverantwortliche beraten über diese Situation. Sich an einer Party das Hemd auszuziehen ohne sexualisierte Konnotation ist ein männliches Privileg. Wenn auch nicht bewusst und sicherlich nicht gewollt, so stellt die Handlung doch eine Überlegenheitsdemonstration dar und ist somit in ein Machtverhältnis einzuordnen. Die Frage, ob sich jemand durch die «blutte Männer-Brust» belästigt fühlte oder nicht, spielt gar keine Rolle. Der Frauenraum sowie die Menschen des Kugelfests haben das Ziel, patriarchale Machtkonstellationen zu dekonstruieren. Das gesamte Veranstaltungskollektiv entschied sich also dazu, den Freund von Mirko auf den Machtverhalt in dieser Situation hinzuweisen und bat ihn, das Hemd wieder anzuziehen.

Die Szene aus dem Frauenraum scheint in Mirko, der seinen Freund an die Party begleitet hatte, einen derartigen Einschnitt in ihr Freiheitsempfinden hinterlassen zu haben, dass sich Mirko dazu entschied, seine Frustration in Worte zu fassen und auf dem Kulturblog der Zeitung «Der Bund» mit der Öffentlichkeit zu teilen. Herausgekommen ist dabei ein Text, welcher die Arbeit des Awarenessteams ins Lächerliche zieht und keinerlei Raum für konstruktive Diskussionen zum Thema zulässt. Das ist sehr schade, denn:

Auch dein schöner Frauenraum, lieber Mirko, ist keine «gelebte Utopie». Auch hier vergeht wohl kaum eine Partynacht, ohne dass Personen unangenehm angetanzt oder ohne Einverständnis angefasst werden. Auch hier geht es mindestens der Hälfte der Menschen in erster Linie noch nicht um «Bemühungen zur Freiheitserhaltung», wie du es nennst, sondern darum, überhaupt erst um diese Freiheit und Integrität zu kämpfen. Der Traum von einer Öffentlichkeit ohne «normativ-sexualisierte Körperlichkeit» hat diese Hälfte imfall auch, aber sie erlebt ebenso täglich, dass wir davon noch weit entfernt sind, auch in linken und sensibilisierten Kreisen, wie die Reaktionen und Zustimmungen aus dem Umfeld auf Mirkos Text einmal mehr zeigen. Geschlechterbezogene Machtverhältnisse zeigen sich nämlich nicht nur in handfesten Übergriffen oder politischen Rechten. Sie manifestieren sich ebenso in sozialen Beziehungen, Normen und Verhaltensmustern und ihre Überwindung verlangt nach einer ständigen Auseinandersetzung, Hinterfragung und Dekonstruktion ebensolcher Muster.

Vielleicht ist der Frauenraum und auch das Kugelfest im Vergleich zu anderen Partyorten und Veranstaltungen in Bern auf einem guten Weg zu einem wünschenswerten Zustand und Umgang miteinander. Aber nur, weil enorm viel Arbeit für diesen Weg aufgewendet wird, weil sich viele Menschen sehr viele Gedanken dazu machen, Konzepte ausarbeiten, darüber diskutieren. Dass diese Auseinandersetzung in deinem Text aussen vor bleibt, hat viele Menschen sehr hässig zurückgelassen.

 

Lieber Mirko,

ich wünschte mir, du hättest deine persönliche Frustrationserfahrung ein wenig mehr hinterfragt und dir ein paar weiterführende Gedanken zu deiner eigenen Position im ganzen Macht- und Privilegiendiskurs gemacht. Der Blogeintrag strotzt nur so von männlichem Privileg und Selbstgefälligkeit, welche offenlegen, dass du dir deiner eigenen Position in den von dir angesprochenen «Machtstrukturen» in keiner Weise bewusst zu sein scheinst. 

«Ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur hätten es auch getan», hast du geschrieben. Du willst reden? Gerne! Zum Beispiel über die Verhältnismässigkeit der Situation? Da wäre zu hinterfragen gewesen, ob es vielleicht gerade in der Position eines weissen Cis-Mannes nur verhältnismässig wäre, in dieser Situation mal die Klappe zu halten und das eigene Bedürfnis ein bisschen zurückzunehmen. Ob es nicht einfach nur arrogant und anmassend ist, in deiner Position eine solch überhebliche Haltung gegenüber Diskriminierungsdiskursen einzunehmen. Ja, mensch hätte darüber diskutieren können. Nur leider hast du einen etwas ungewöhnlichen Kanal dafür gewählt. Kulturblog des Bundes. Da kann Mann den eigenen Status und die Reichweite doch gerade mal gut nutzen, um ein kleines persönlich-stossendes Erlebnis in die weite Welt herauszuschicken und möglichst viel Anerkennung dafür einzuheimsen. Scheiss auf die Bestrebungen gegen sexistische Strukturen, scheiss auf eine sinnvolle Diskussion. Die Frage, wem du damit hilfst und wem du damit schadest, ist dabei leider untergegangen. Aber hey, immerhin sind so wieder «die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen» hergestellt.

Gratuliere.