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Die Alpensegler von St. Peter und Paul

Aus den Quartieren

Manchmal hört man Geschichten, denen muss man einfach nachgehen: Stadträtinnen und Stadträte rätseln am Donnerstag Abend nach der Stadtratssitzung beim Bier auf dem Rathausplatz, und Zahai Bürgi ist dank einer Berner Passantin auf die Geschichte gestossen. Herausgekommen ist eine veritable Recherche über die Vogelfamilie der Segler, die in den wärmeren Jahreszeiten auch in der unteren Altstadt heimisch sind.

Nichtbrütende Alpensegler in ihrem Schlafplatz im Glockenturm von St. Peter und Paul. (Foto: Alfred Engeler)

Lassen wir also zunächst die Passantin erzählen: «Als Bernerin überquere ich von Zeit zu Zeit natürlich den Rathausplatz, häufiger im Sommer und manchmal auch des Nachts. Das in der nächtlichen Stille auffällig laute, aufgeregte und unaufhörliche Trillern aus dem Glockenturm von St. Peter und Paul kam mir dabei immer so unwirklich vor, dass ich annahm, irgendein Künstler mit einer Installation von Kunst im öffentlichen Raum – oder zumindest am Bau – sei dafür verantwortlich zu machen. Und ich wunderte mich, dass eine so schlafstörende Aktion hier geduldet wurde. Die der Kirche benachbarten Anwohner mussten ja echte Kunstliebhaber sein....»

Die in der Nachbarschaft des Kirchenturms lebenden Anwohnerinnen und Anwohner dürften bei dieser Geschichte schmunzeln. Sie wissen, nicht Kunst ist's, was nächtens im Glockenturm lauthals trillert, sondern Vögel, genauer gesagt: Alpensegler. Ende März kehren sie aus ihren Winterquartieren in Afrika zurück und besetzen unter den Dächern der Postgasse wieder ihre angestammten Brutplätze.

Ein Alpensegler mit dem typischen weissen Bauch. Über die Hälfte seines Lebens verbringt er fliegend. (Foto: «Schweizer Jäger» vom 11. Okt. 2013, Daniele Occhiato, Schweiz. Vogelwarte)

Ein Alpensegler mit dem typischen weissen Bauch. Über die Hälfte seines Lebens verbringt er fliegend. (Foto: «Schweizer Jäger» vom 11. Okt. 2013, Daniele Occhiato, Schweiz. Vogelwarte)

Alfred Engeler – der Segler-Experte

Wenn einer die Alpensegler in unserer Stadt kennt, dann ist es Alfred Engeler, ehemaliger Deutschlehrer aus Burgdorf, heute pensionierter und passionierter Ornithologe in Bern. Sein ganz besonderes Interesse an diesen Vögeln begann in einem kalten und nassen Jahr, als ihm ein völlig ausgehungertes Segler-Exemplar «vom Himmel direkt vor die Füsse» fiel, und er sich um den Vogel kümmerte. Damals lernte er, dass die künstliche Ernährung und Pflege dieser speziellen Dauerflieger viel komplizierter ist als bei den Singvögeln. Inzwischen ist er der Experte für Mauer- und Alpensegler bei der Ala, der Berner Vogelschutzorganisation. «Ala ist Latein und bedeutet Flügel», klärt er mich auf. «Die Ala arbeitet eng mit der Vogelwarte in Sempach zusammen und zählt jährlich den Berner Segler-Bestand.»

Alpensegler in Bern: «Ein fettes, niedliches Essen»

«Die Alpensegler sind», so erzählt Alfred Engeler, «in Bern wohl seit vielen Jahrhunderten heimisch». Im 18. Jahrhundert galten sie als Delikatesse, als «fettes, niedliches Essen». In Italien habe es sogar spezielle Bruttürme gegeben, aus denen man die Vögel gleichsam «ernten» konnte, lacht Engeler. Am Berner Münster wurde um 1780 eine sehr grosse Anzahl von Brutpaaren festgestellt. Ebenso nisteten Alpensegler im Christoffelturm. Als dieser 1864 abgebrochen wurde, verlor eine grosse Kolonie ihr Zuhause. Und schlimmer noch, als zwischen 1890 und 1893 das Münster seine Turmspitze bekam, vertrieben die Bauarbeiten die restlichen Paare. In der Folge davon starben die Alpensegler auf Stadtgebiet beinahe aus. Ornithologen aus jener Zeit sahen diesem Geschehen tatenlos zu. Zwar herrschte allgemeines Bedauern über den Verlust, aber erst Jahrzehnte später wurden Massnahmen ergriffen, um für diese Vogelart neue Nistplätze zu schaffen.

Heute sind die Alpensegler auch in Bern keine bedrohte Art mehr, aber es sind geschützte Wildtiere mit geschützten Nistplätzen. Laut Alfred Engeler ist die Alpensegler-Kolonie am Uni-Hauptgebäude die grösste in Bern. Weitere gibt es an der Lorrainebrücke, am Historischen Museum, in der Kaserne und im Polizeigebäude am Waisenhausplatz. Seit kurzem leben zwei Brutpaare auch im Progr. In der unteren Altstadt wurden in den Dächern des Rathauses und der Detailhandelsschule Nistplätze eingerichtet, mit aareseitigen Einfluglöchern, die von der «Schütti» aus zu sehen sind. Die einzige «wilde» Kolonie, die nicht Vogelschutzmassnahmen zu verdanken ist, lebt im Dach am Hirschengraben 11. Insgesamt sind in der Stadt Bern gegen 20 Standorte bekannt.

Die aareseitige Front der Detailhandels-Berufsschule an der Postgasshalde. Die halbrunden Ein- und Ausfluglöcher zum Nistplatz der Alpensegler befinden sich im Dachvorsprung direkt an der Fassade. (Foto: zvg)

Die aareseitige Front der Detailhandels-Berufsschule an der Postgasshalde. Die halbrunden Ein- und Ausfluglöcher zum Nistplatz der Alpensegler befinden sich im Dachvorsprung direkt an der Fassade. (Foto: zvg)

Alpensegler sind keine «Spyren»

Von den insgesamt drei Seglerarten sind in Bern die schwalbenähnlichen Mauersegler und die Alpensegler heimisch geworden. Viele kennen die schwarzen, wendigen Mauersegler, die mit langgezogenen schrillen Schreien abends hoch über der Stadt ihre Kreise ziehen. Diesen Schreien verdanken sie wahrscheinlich auch ihren typischen Berner Namen «Spiiiiiren!»

Die Alpensegler hingegen sind beinahe doppelt so schwer und wesentlich grösser (Spannweite 56 Zentimeter gegenüber den 40 Zentimetern der Mauersegler), und sie haben einen weissen Bauch, an dem man sie unschwer erkennt. Sie kommunizieren durch ein melodiöseres Trillern als ihre kleinere Verwandtschaft, und sie haben auch ein etwas anderes Brutverhalten. Beziehen die Mauersegler in ihrem Brutraum immer gern einen vom Nachbarn getrennten Nistplatz, bevorzugen die Alpensegler die geselligere Art der Brutpflege, sie bauen ihre Nester gerne dicht an dicht. «Das hat Vor- und Nachteile», sagt Alfred Engeler. «Es entstehen leichter grosse Kolonien, wenn genug Platz vorhanden ist, aber wenn Feinde wie der Marder eindringen, richten sie schnell grossen Schaden an. So geschehen in der Jesuitenkirche in Solothurn, wo die ganze Kolonie vernichtet wurde.»

Trillern für einen Schlafplatz im Kirchturm

Das Tag und Nacht weitherum hörbare Trillern der Alpensegler von St. Peter und Paul stammt von Vögeln, die noch nicht geschlechtsreif sind und einen Schlafplatz beanspruchen. So übernachten hier oft 80 bis 90 Vögel, und bei Regenwetter bleiben sie auch gerne tagsüber am «Schärme». Da es bei so vielen Seglern manchmal recht eng wird, kommt es auch zu kleineren Scharmützeln, und dabei wird es auch oft laut. Bis sich die Versammlung wieder beruhigt hat, kann es weit in die Nacht gehen.

Der Kirchturm sei ein wichtiger Platz im Leben dieser Alpensegler, «der unbedingt so erhalten bleiben sollte», sagt Alfred Engeler, und er erzählt, dass dieser Lebensraum bis vor kurzem akut gefährdet war. Vor Jahren nämlich verkleidete die Kirchgemeinde die Masswerkfenster des Glockenstuhls mit Gitternetzen, um die wegen ihres gefährlichen Kots nicht sehr beliebten Stadttauben vom Nisten abzuhalten.

Der Glockenturm der neugotische Kirche St. Peter und Paul auf dem Berner Rathausplatz. Kaum sichtbar: Das Netz an den hohen offenen Masswerkfenstern. (Foto: zvg)

Der Glockenturm der neugotische Kirche St. Peter und Paul auf dem Berner Rathausplatz. Kaum sichtbar: Das Netz an den hohen offenen Masswerkfenstern. (Foto: zvg)

Retter in der Not

Als grünes Licht für eine Mobilfunkantenne im Turm gegeben wurde, musste das Metallgitter zur Vermeidung von Funkstörungen stellenweise durch ein Plastikgitter ersetzt werden. Leider wurde das neue Gitter nicht vogeldicht montiert, so dass die Alpensegler wohl durch ein paar übriggebliebene Schlupflöcher hinein, jedoch nicht mehr hinaus fanden. Sie waren gefangen und flatterten nach vergeblichen Fluchtversuchen oft die innere Wendeltreppe bis zum Erdgeschoss hinab.

Hier wären sie elendiglich zugrunde gegangen, wären da nicht die tierfreundlichen Leute von der Kirchgemeinde und Herr Engeler gewesen. Täglich fingen sie jeden einzelnen Vogel von Hand und befreiten ihn aus seiner misslichen Lage. Im Sommer 2017 wurde die Gitteranlage verbessert, doch noch immer verirren sich vereinzelt Tiere. «Da muss dringend nachgebessert werden», sagt Engeler entschieden.

Ein Leben in der Luft

Man sollte den Alpenseglern ihr Lärmen verzeihen, denn es sind ganz erstaunliche Vögel, wahre Flugkünstler. Nur während der circa von April bis August dauernden Brutzeit (die Jungen schlüpfen Anfang/Mitte Juni) haben sie festen Boden unter den Füssen. Über die Hälfte des Jahres verbringen die Alpensegler ununterbrochen in der Luft! Nachts schalten diese Ausdauer-Flieger quasi auf «Autopilot», nützen bei steigender Thermik die abendlichen Aufwinde und schweben beinahe schwerelos über der Stadt – die Flugkontrolle übernimmt abwechselnd eine Hirnhälfte, während die andere schläft.

Zwischen September und Oktober ziehen die Alpensegler nach und nach grüppchenweise in ihre Winterquartiere südlich der Sahara, später als die Mauersegler, die schon Ende Juli zurück in die Wärme fliegen.. In den nächsten Monaten werden wir sie in der Unteren Altstadt nächtelang hören. Vor allem diejenigen, die gerade keine Eier bebrüten und keine Jungen grosszuziehen haben, die im Glockenturm von St. Peter und Paul nächtigen und sich energisch einen Schlafplatz «ertrillern».

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Weitere Informationen

Bernische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz Ala, Abteilung Seglerschutz (Alfred Engeler): www.bernerala.ch

Berner Alpensegler: www.bern.ch/themen/umwelt-natur-und-energie/stadtnatur/tiere/mauern-und-alpensegler

Rufbeispiel: www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/alpensegler

 

Der Artikel erschien zuerst in der BrunneZytig vom März 2018.

Alpensegler in der Schweiz

Die ursprünglich in Felsen brütenden Alpensegler kommen im gesamten Mittelmeerraum vor. Richtige Felsenbrüter gibt es noch im Wallis und im Südtessin, nördlich der Alpen sind eine Kolonie im Jura und ein paar einzelne im Mittelland bekannt. Erst im 19. und 20. Jahrhundert breiteten sich die Alpensegler über die ganze Schweiz aus. Die bisher nördlichste Kolonie fand man in Freiburg im Breisgau. «Eigentlich müssten die Alpensegler heute in ‚Mittellandsegler' umgetauft werden», meint Vogelexperte Engeler schmunzelnd.

Vor sechs Jahren wurden an 50 Orten in der Schweiz über 2000 Alpensegler-Brutpaare gezählt. Der höchstgelegene Nistplatz befindet sich auf einer Höhe von 2320 Metern in Sanetsch im Wallis. Die grössten Kolonien mit 150 bis 300 Paaren sind Bern, Fribourg, Zürich und Chiasso.

80 Prozent der Alpensegler bevorzugen Gebäude für ihre Nester – eine schweizerische Besonderheit, denn in unseren Nachbarstaaten ist dies eher die Ausnahme. Das Überleben der Alpensegler ist deshalb hierzulande vom Wohlwollen der Hausbesitzer abhängig geworden wie nirgendwo sonst. «Kein Falke oder keine Krähe kann heutzutage ein grösserer natürlicher Feind der Segler sein, als ein umbau- und renovierfreudiger Hausbesitzer!», sagt Alfred Engeler.