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Journal B

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«Der Veganismus muss politisch bleiben»

Die Tierrechtsorganisation «Tier im Fokus» ist dieses Jahr zum dritten Mal mit einem Stand an der BEA präsent. Journal B hat den Präsidenten, Tobias Sennhauser, bei einem Spaziergang über das Gelände begleitet.

  • Tobias Sennhauser vor dem Stand von TIF. (Bild: ys)
  • Die BEA zieht auch dieses Jahr eine Menge BesucherInnen an. (Foto: ys)
  • «Bei Tiershows geht es um Unterhaltung und nicht darum, eine Beziehung zu den Tieren aufzubauen.» (Foto: ys)
  • Die aktuelle Plakatkampagne des Vereins im Tram Nummer 9. (Bild: ys)

Tobias Sennhauser bietet mir an, mich am Eingang A des Geländes abzuholen. «Gleich dort, wo man die Autos Probe fahren kann», erklärt er mir am Telefon. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich den Weg zum bescheidenen Unterstand des Vereins «Tier im Fokus» (TIF) nicht alleine suchen muss. Die Standmieten seien halt teuer, etwas Grösseres liege derzeit nicht im Budget, erklärt Sennhauser als wir loslaufen. Wir durchqueren den rechten Teil des Geländes und passieren unzählige Stände. Einen Zusammenhang scheint es nicht zu geben, die BEA ist auch dieses Jahr wieder ein Konglomerat. «Der rote Faden der BEA ist der Konsumismus», sagt Sennhauser. Hier könne man etwas degustieren, da etwas kaufen, dort etwas schauen. Schlussendlich würden auch die Tiere auf dem Gelände konsumiert – nicht nur im wörtlichen Sinne, also gegessen – sondern auch ausgestellt und begafft.

Veganismus im Aufschwung

TIF ist ein gemeinnütziger Verein, der sich um ehemalige Nutztiere kümmert und sich in seiner Aufklärungsarbeit für die Rechte der Tiere einsetzt, so heisst es auf der Website des Vereins. Die Fläche für ebendiese Aufklärungsarbeit ist an der BEA eher knapp bemessen. Mehrere AktivistInnen stehen um einen 3x3 Meter kleinen überdachten Stand herum. Auf einem Tisch stehen vier Laptops, die je von einem paketgrossen, schwarzen Karton gerahmt sind. Auf den Bildschirmen läuft ein Video zum Thema Schweinemast. BesucherInnen, die es sich anschauen, erhalten einen Franken. Trotz des schlechten Wetters füllt sich das Zeltlein rasch mit Menschen.

Seit vier Jahren ist Sennhauser, der in Biel, Fribourg und Bern Philosophie und Informatik studierte, Präsident des Vereins TIF. Dazu gestossen ist er 2010. «Ich lebte damals erst seit rund einem Jahr vegan», sagt er. Die Förderung der veganen Lebensweise, also der Verzicht auf tierische Erzeugnisse, oder wie es Sennhauser beschreibt, «die Ablehnung unnötiger Gewalt an Tieren», ist ein wichtiges Standbein des Vereins. Just vor Eröffnung der diesjährigen BEA lancierte er eine Werbekampagne, um auf das Tierleid in der Fleischindustrie aufmerksam zu machen. Wer die BEA mit dem Tram besucht, wird höchstwahrscheinlich eines der Plakate erspähen (siehe Galerie).

Veganismus hat derzeit Konjunktur. Das lässt sich nicht zuletzt an der Verbreitung in den sozialen Medien ablesen. Fitnessyoutuberinnen oder Foodblogger tragen massgeblich zum Hype bei. Lunte gerochen haben aber auch die Grossverteiler, die längst eine umfangreiche Palette veganer Alternativen in ihren Sortimenten führen. Heute sei die vegane Lebensweise braver und bürgerlicher und auch ohne politische Konnotation möglich, glaubt Sennhauser. Früher sei sie hingegen stets Ausdruck einer politischen Haltung gewesen. «Es ist grundsätzlich begrüssenswert, dass sich der Veganismus verbreitet, für die Tierrechtsbewegung ist es aber wichtig, dass der Veganismus politisch bleibt». Letztendlich gehe es um soziale Gerechtigkeit und die Überwindung der Speziesismus, der Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit.

Was tun mit der Milch?

Auf unsrem Spaziergang machen wir Halt in der Halle 16. Sie ist den Tieren gewidmet – oder besser – jenen, die sie vermarkten. Eine ältere Dame streckt uns eine Ausgabe des Magazins «Tierwelt» entgegen. Was sie von Veganismus halte, will ich von ihr wissen. «Nun, ich finde es ist halt nicht zu Ende gedacht», gibt sie zurück. Kühe gäben nun mal Milch, was solle man denn damit machen, wenn die Menschen plötzlich nur noch Pflanzen assen?

«Oft fehlt es an grundlegender Kenntnis über die landwirtschaftliche Produktion», erklärt Sennhauser, als wir unseren Spaziergang kurz darauf fortsetzen. «Vielen Leuten ist nicht klar, dass Kühe erst ein Kalb gebären müssen, bevor sie Milch geben». Genau das habe er sogar einmal einer Ärztin erklären müssen. TIF erfülle insofern eine Aufklärungsfunktion. An einem Stand von «Schweizer Fleisch» hängt ein grosses Plakat, das die Anatomie eines Schweins zeigt. Pfeile geben an, von welchem Körperteil welches Stück Fleisch stammt. «Die Fleischlobby beginnt zwar nach und nach Informationen zu lieferen, weil sie unter Druck gerät». Gewisse sensible Themen, wie zum Beispiel die Massentierhaltung, würden aber konsequent ausgeblendet.

Mehr Empathie durch Tiershows?

In der nächsten Halle läuft eine Pferdeshow. Zwei bärtige Männer führen je ein Pferd am Zaum über das Sägemehl. «Gute Arbeitspferde zeichnen sich durch einen guten Charakter aus», erklärt die Stimme im Lautsprecher. Kinder und Erwachsene beäugen gespannt die beiden Tiere, als würden sie jeden Moment ein Kunststück vollführen. «Beeindruckende Kühe, fröhlich quiekende Ferkel und mehr: In diesem Bereich können Sie mehr über verschiedene Vierbeiner erfahren. Das macht nicht nur Spass, sondern fördert auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier», heisst es in einem Werbetext der BEA. Die Förderung der Beziehung zwischen Mensch und Tier bei einer Tiershow? Tatsächlich könne die Nähe zu Tieren die Empathie ihnen gegenüber fördern, findet Sennhauser. Das sei besonders in der Stadt wichtig, wo die Menschen seltener als auf dem Land Kontakt mit Tieren hätten. «Hier geht es aber nicht darum, eine Beziehung zu den Tieren aufzubauen, sondern um pure Unterhaltung», ergänzt er. Stattdessen würden die Tiere zu Objekten degradiert, ausgestellt und angegafft.

Keine Rüge der Ombudsstelle

Im Januar berichtete 10vor10 über die sogenannte «besonders tierfreundliche Haltung», eine Art Label des Bundes. Im Beitrag wird aber schnell klar, dass die Bezeichnung «besonders tierfreundlich» falsche Assoziationen weckt: Eng zusammengepfercht, quetschen sich tausende von Hühnern in dunklen Ställen aneinander. Bis zu 4% der Hühner sterben vor der Schlachtung, weil sie krank oder schwach sind. «Das bedeutet bei zigtausend Hühnern pro Stall, dass der Bauer oder die Bäuerin zweimal täglich die toten Tiere zusammensammeln muss», sagt Sennhauser. Einige der Videoaufnahmen, die im Beitrag zu sehen sind, stellte TIF zur Verfügung. Eine Beschwerde von «Micarna», Tochter der Migros und eine der grössten Fleischproduzentinnen der Schweiz, wies die Ombudsstelle des SRF zurück. Den Entscheid der Ombudsstelle habe man erfreut zur Kenntnis genommen, so Sennhauser. Auch dass die Aufnahmen, welche verdeckt gemacht wurden, vom Ombudsmann gutgeheissen wurden, begrüsse man. «Die Zustände in der Massentierhaltung können nur durch verdeckte Aufnahmen oder investigativen Journalismus ans Tageslicht gebracht werden», ist Sennhauser überzeugt.

Als wir zum Stand von TIF zurückkehren, beginnt es zu regnen. Für die AktivistInnen des Vereins geht die Arbeit noch bis am Sonntag weiter. Bis dahin erhofft sich Sennhauser, dass 1500 Personen das Schweinemast-Video am Stand angeschaut haben. Und vielleicht erinnert sich der eine oder die andere daran, wenn er oder sie das nächste Mal ein Stück Fleisch auf dem Teller hat.