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«Wir alle galten damals als politische Feinde und das Ziel war unsere Zerstörung.»

Der Argentinier Sergio Ferrari war in Zeiten der Militärjunta als politischer Gefangener in dem Gefängnis Coronda inhaftiert. Im Jahr 1983 hat er Asyl in der Schweiz erhalten und lebt mittlerweile in Bern. Aktuell läuft der Prozess gegen die ehemaligen Gefängniskommandanten, in welchem auch Sergio Ferrari als Zeuge ausgesagt hat.

  • Sergio Ferrari sagt, er sei froh, einen Beitrag zur verspäteten Gerechtigkeit leisten zu können (Foto: Luca Hubschmied)
  • Einen Blick in das Gefängnis Coronda in der argentinischen Provinz Santa Fe (Foto: Jose Cettour)

Mit 22 Jahren wurde der argentinische Regimekritiker und Aktivist Sergio Ferrari inhaftiert. Argentinien stand von 1976 bis 1983 unter der Herrschaft einer Militärdiktatur und Ferrari galt als politischer Feind. Als solcher verbrachte er 33 Monate im Gefängnis Coronda in Santa Fe, wo ein Regime der Unterdrückung und der Angst herrschte. Er und sein ebenfalls inhaftierter Bruder Claudio fanden nach Ihrer Freilassung 1978 Asyl in der Schweiz. Mittlerweiler arbeitet Sergio Ferrari als Journalist für verschiedene französischsprachige und lateinamerikanische Medien sowie für die Nichtregierungsorganisation E-Changer. Nach einer langen Zeit, in der Amnestiegesetze die juristische Aufarbeitung der Verbrechen während der Militärdiktatur verhinderten, begann im Dezember letzten Jahres der Prozess gegen die Kommandanten des Gefängnisses Coronda. Sergio Ferrari, der seit vielen Jahren in Bern lebt, ist soeben von Argentinien zurückgekehrt, wo er vor Gericht seine Zeugenaussage ablegte.

Ende letzten Jahres hat der Prozess gegen zwei Direktoren des Gefängnisses Coronda in Argentinien begonnen. Sie selbst sind nach Argentinien geflogen, und haben am 13. April als Zeuge vor Gericht ausgesagt. Was war es für ein Gefühl, zurückzukehren?

Ich gehe etwa einmal im Jahr nach Argentinien, weil dort Familie und Freunde leben. Dieses Gefühl kenne ich also gut. Der Unterschied war, dass ich dieses Mal nach Argentinien flog, um aktiv an dem juristischen Prozess teilzunehmen. Das war eine sehr bewegende und emotionale Zeit für mich. Gleichzeitig fühlte ich mich sehr glücklich, diese Gelegenheit zu haben und vierzig Jahre später einen Beitrag für die Gerechtigkeit zu leisten. Es ist sehr ungewöhnlich, auch global gesehen, wenn wir etwa an Spanien nach Franco denken, dass Menschen so viele Jahre später noch für ihre Verbrechen belangt werden können. Und ich war sehr froh, dabei sein zu dürfen als einer von vielen Zeugen.

Stand es jemals in Frage, ob Sie an dem Prozess dabei sein wollten?

Ich hatte die Möglichkeit erhalten, meine Zeugenaussage per Videokonferenz in der argentinischen Botschaft in Bern zu machen. Ich habe mir diese Möglichkeit überlegt, sie dann aber gleich verworfen. Meine Aussage ist ein historisches Zeugnis und der Prozess ein kollektives Projekt. Für mich war schnell klar, dass es nicht denselben Wert hat, wenn ich diese Aussage Tausende Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens ablege. Ich wollte aktiv daran teilhaben und entschied deshalb, nach Argentinien zu fliegen. Auch wenn ich wahrscheinlich der einzige Zeuge war, der aus dem Ausland anreiste.

Haben Sie auch das Gefängnis, in dem Sie von März 1976 bis Dezember 1978 Insasse waren, wieder gesehen?

Im Jahr 2003 hat unser Kollektiv ehemaliger Gefangener ‚El Periscopio‘ das Buch «Del otro lado de la mirilla» («Von der anderen Seite des Gucklochs», Anm. d. Red.) veröffentlicht, welches in Argentinien zu einem grossen Erfolg wurde. In der finalen Phase des Buchs reiste ich wie jedes Jahr nach Argentinien. Unterdessen war Arturo, ein früherer Mitinsasse und guter Freund, Vorsitzender aller Gefängnisse in der Provinz Santa Fe und somit auch von Coronda geworden. Er lud mich und zwei weitere Ex-Insassen ein, das Gefängnis zu besuchen. Wir durften auch den Pavillon Nummer 5 besuchen, der für die ‚hoffnungslosen‘ Fälle reserviert war, und in welchem damals die schlimmsten Bedingungen herrschten. Dieses Jahr hat mich mein Sohn Pablo nach Argentinien begleitet. Wir fuhren im Auto am Gefängnis vorbei und konnten es von aussen betrachten. Es erschien mir wichtig, diese Mauern gemeinsam sehen zu können. Das Gefängnis war zuvor für meinen Sohn nur eine abstrakte Vorstellung.

Wieso kommt es erst so viel später zu dem Prozess?

Die ersten Anschuldigungen gegen die Verantwortlichen von Coronda waren bereits 1984 erhoben worden. Allerdings wurde drei Jahre später in Argentinien das sogenannte Gesetz über die Gehorsamspflicht  (Ley de Obediencia Debida) erlassen, das praktisch alle Prozesse gegen die Verantwortlichen der Militärdiktatur unterband. Erst ab 2003 - mit der Wahl von Néstor Kirchner zum Präsidenten - begann die juristische Aufarbeitung der Verbrechen dieser Zeit. Der Prozess gegen die Leitung von Coronda wurde aber über lange Zeit verschoben und verzögert, bis im letzten Jahr ein Staatsanwalt diesen wieder Laufen brachte. Parallel dazu hat sich die von uns gegründete Vereinigung von ehemaligen Insassen ‚El Periscopio‘ entschieden, als Zivilklägerin in dem Verfahren aufzutreten.

Ihre Zeit im Gefängnis liegt knapp vierzig Jahre zurück, inwiefern begleiten Sie die Erinnerungen daran noch?

Mit 22 Jahren wurde ich inhaftiert, ich war also noch sehr jung, fühlte mich aber schon erwachsen. Die Vielzahl an Bildern und Erinnerungen aus dieser Zeit sind für mich auch heute noch sehr präsent und lebhaft. Natürlich erinnere ich mich nicht an alles, etwa an die Namen aller Mitinsassen aus demselben Zellenblock. Als ich in die Schweiz kam, nahm ich mir zwei Wochen Zeit, um in einem detaillierten Bericht für Amnesty International  meine Erinnerungen niederzuschreiben. Dieser Bericht hat mir sehr geholfen, mich auf meine Aussage im Prozess vorzubereiten. An die Situation im Gefängnis, an die Trauer, die Verzweiflung und den Widerstand erinnere ich mich aber noch sehr lebhaft.

Die zwei ehemaligen Gefängnisdirektoren wurden wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» angeklagt. Was ist in Coronda geschehen?

Es gibt zwei unterschiedliche Aspekte dieser Verbrechen. Der erste wird wahrscheinlich die Grundlage für das Urteil sein: In Coronda starben drei Insassen an akutem Bluthochdruck und Herzinfarkten, weil sie ungenügende medizinische Versorgung erhielten. Ein vierter Insasse wurde von der Polizei von Rosario erschossen, dieser Fall wird aber in einem anderen Verfahren behandelt. Der zweite Aspekt ist das alltägliche Regime, welches das Militär im Gefängnis durchsetzte. Dazu gehörten eine praktisch vollständige Isolation der Gefangenen während mindestens 23 Stunden am Tag, sowie die körperliche Erniedrigung und die Verweigerung von Besuchen. In Coronda herrschte ein brutales Regime, das durchgehend auf die körperliche, psychische, ideologische, spirituelle und moralische Zerstörung der Insassen ausgerichtet war. Etwa einen Monat bevor ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, sagte mir einer der Direktoren, Kommandant Kushidonsi: «Sie werden hier nie rauskommen. Und wenn doch, dann tot oder verrückt.» Möglich ist auch, dass ein grosses Massaker an den Gefangenen geplant war, soweit kam es aber schlussendlich nicht. Die Absicht war aber ganz klar: Es galt zu verhindern, dass wir jemals wieder in unser Leben zurückkehrten oder unsere politische Militanz fortführen konnten. Wir alle galten damals als politische Feinde und das Ziel war unsere Zerstörung.

Sie wurden gemeinsam mit Ihrem Bruder, Claudio Ferrari, inhaftiert. Was wurde Ihnen damals zur Last gelegt?

Mein politisches Engagement begann im Alter von 17 Jahren. Mit einer Gruppe von Freunden wollten wir den Menschen in einem unterentwickelten Quartier der Stadt Rosario das Lesen und Schreiben beibringen. Parallel dazu begann ich, mich an der Universität von Rosario politisch zu engagieren. Im Jahr 1971 besetzten wir die Universitätsgebäude während drei Monaten, um für freien Zugang zum Studium zu kämpfen. Im Moment meiner Verhaftung war ich stark politisch engagiert. Mein Bruder war drei Jahre älter und hatte eine sehr ähnliche politische Haltung wie ich, war zum Zeitpunkt seiner Verhaftung aber weniger politisch aktiv. Wir lebten damals in einer gemeinsamen Wohnung, weshalb auch er verhaftet wurde.

Sie beide hatten mehr Glück als andere Insassen und kamen im Dezember 1978 frei und erhielten Asyl in der Schweiz. Wie kam es dazu?

Mein Vater war Pfarrer in der Methodistenkirche Argentiniens. Diese war damals sehr engagiert im Kampf für die Menschenrechte. Der ökumenische Weltkirchenrat mit Sitz in der Schweiz setzte sich stark für uns.  Unsere Freilassung und Abschiebung in die Schweiz konnte nur dank grossem  internationalen Druck erreicht werden. Auch Amnesty International engagierte sich für uns, da wir als Gewissensgefangene galten. In der Schweiz wurde ich vom Berner Pfarrer Conradin Conzetti empfangen, der uns sehr viel geholfen hat. Mein Bruder, der drei Monate vorher freigekommen war, lebte damals in Freiburg. Dort lernte ich auch meine damalige Frau kennen, mit der ich 1981 nach Nicaragua zog. Nach der sandinistischen Revolution engagierten wir uns elf Jahre lang in der personellen Entwicklungszusammenarbeit für die Organisation Frères sans frontières (heute E-CHANGER). In Nicaragua kamen meine beiden Söhne zur Welt. Seit der Rückkehr der Familie 1992 lebe ich nun in Bern, meine Arbeit als Journalist und meine politischen Aktivitäten konzentrieren sich aber stark auf die Romandie.

Stand es nie zur Diskussion, in deine alte Heimat nach Argentinien zurückzukehren?

Das war für mich durchaus eine Option, insbesondere, als Argentinien im Jahr 1983 wieder zur Demokratie wurde und die Einreisesperre gegen mich aufgehoben wurde. Ich holte mir meinen argentinischen Pass zurück und verzichtete in der Schweiz auf den Flüchtlingsstatus. Nach einer Reise nach Argentinien standen meine Frau und ich vor der Frage, was wichtiger war: In meine Heimat zu ziehen oder unsere Arbeit in Nicaragua fortzusetzen. Wir haben uns dann für Letzteres entschieden. Nach der Niederlage der Sandinisten kehrten wir mit den beiden Kindern in die Schweiz zurück. In dieser Zeit hat sich die internationale Solidarität mehr in die Richtung einer globalen Perspektive bewegt. Es erschien möglich, auch aus der Schweiz den Kampf für soziale Gerechtigkeit in Lateinamerika fortzuführen, weshalb ich mich dafür entschieden habe, definitiv in Bern zu bleiben. Der Widerstand gegen herrschende Systeme kann heutzutage global stattfinden.

Was erhoffen Sie sich von dem Urteil, das am 11. Mai bekannt gegeben wird?

Das Mindeste ist eine Verurteilung der zwei verantwortlichen Kommandanten. Unsere Anwälte sind zuversichtlich, dass das Gericht zu diesem Schluss kommen wird, aber es bleibt abzuwarten. Ein hartes Urteil wäre auch ein starkes juristisches und politisches Signal an die gesamte Gesellschaft, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen dürfen. Die moralische Verurteilung dafür fand in Argentinien bereits statt, was fehlt, ist die juristische Verurteilung.

Wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte, wäre dies sicher auch ein Moment, den Ihr Bruder gerne miterlebt hätte.

Für mich persönlich ist dies wohl der wichtigste Aspekt dieser Geschichte. Das Leiden, die Depression und die Selbstmordversuche meines Bruders waren direkte Konsequenzen seiner Zeit in Coronda. Gerne würde ich diesen Moment mit ihm teilen können. Wir alle haben gelitten im Gefängnis, doch Claudio war besonders fragil. Für ihn hätte die Verkündigung des Urteils ein besonders wichtiger Moment werden können. Der Kern meiner Zeugenaussage vor Gericht bestand darin, ihm und den anderen verstorbenen Häftlingen eine Stimme zu geben. Er ist zwar physisch nicht anwesend, aber Claudio wird immer unter uns sein.