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Journal B

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Ein Hort der Entschleunigung

Der Chinderbuechlade ist nominiert für den Preis des Schweizer Buchhandels. Journal B hat dem Laden in der Gerechtigkeitsgasse einen Besuch abgestattet.

  • Geschäftsführerin Ruth Baeriswyl mit einer Neuerscheinung des Berner Kinderbuchautors Lorenz Pauli. (Foto: ys)
  • Der Chinderbuechlade lädt zum Verweilen ein. (Foto: ys)
  • Der Chinderbuechlade ist auf Kinderbücher, Jugendbücher und Unterrichtsmaterial spezialisiert. (Foto: ys)

Hätte sich Alice nicht in den Kaninchenbau gestürzt, sie wäre in den Chinderbuechlade an der Gerechtigkeitsgasse gegangen. Die Welten, die sich einem Kind dort potentiell eröffnen, sind mannigfaltig. Fünftausend Bücher reihen sich in den grossen Regalen und warten darauf, von kleinen Händen am Rücken gepackt und herausgezogen zu werden. Klassiker wie Michael Endes «Unendliche Geschichte» haben ebenso einen Platz im verwinkelten Laden, wie neuere Titel, etwa «Programmieren mit Python – super easy». Ja, auch im Chinderbuechlade hält die Digitalisierung Einzug. Das schlägt sich nicht nur auf das Angebot nieder, die Mitarbeiterinnen des Ladens bewirtschaften auch eine gepflegte Website und eine Facebookpage. Wie gross deren Reichweite ist, zeigt der jüngste Post: 87 Likes, 26 Mal geteilt und 19 Kommentare – das ist eine aktive Community.

Gegründet wurde der Chinderbuechlade 1973 von den beiden Buchhändlerinnen Leslie Lehmann und Marie-Louise von Gunten. Heute, 45 Jahre später, ist der auf Kinderbücher, Jugendbücher und Unterrichtsmaterial spezialisierte Laden für den Preis des Schweizer Buchhandels nominiert. «Wir freuen uns natürlich sehr über die Nominierung», sagt Ruth Baeriswyl, die den Chinderbuechlade heute führt.

Immer ausgebucht

Baeriswyl hat das Geschäft vor 13 Jahren übernommen. Den Zugang zu den Kinderbüchern hat sie durch ihre eigenen Kinder gefunden. «Ich selbst bin eher in einem buchfreien Haushalt aufgewachsen», sagt sie. Angesprochen auf ihr Lieblings-Kinderbuch weiss sie gleich mehrere Antworten. Baeriswyl steht auf und holt ein Buch nach dem anderen, bis diese sich auf dem kleinen Glastisch vor uns stapeln. Wir sitzen auf zwei Flechtstühlen in einer von Büchergestellen fast umschlossenen Nische im hinteren Teil des Geschäfts. Ein schwarzes Brillengestell rahmt Baeriswyls wache Augen. Die Nominierung für den Preis des Schweizer Buchhandels sei auch eine Bestätigung für die Leseförderung die man betreibe, ergänzt sie. Meinen tut Baeriswyl zum Beispiel das Projekt «Lesen im Fenster». Kinder können dabei 30 Minuten im Lesesessel im Schaufenster des Ladens sitzen und in einem Buch ihrer Wahl lesen. Anschliessend dürfen sie das Buch gratis mit nach Hause nehmen. Das Projekt laufe bestens, sagt Baeriswyl: «Wir sind immer ausgebucht.»

In Ruhe Aufklärungsbücher lesen

Doch nicht alle Angebote des Ladens verkaufen sich gleich gut. Die «Bücher-Geschenkkiste» zum Beispiel läuft bisher eher schleppend. Die Idee, einem Kind eine Kiste mit Büchern zu schenken, die es vorher selber gefüllt hat, fänden zwar alle toll. Wahrgenommen werde das Angebot aber trotzdem kaum. Das «Einschliessen», bei dem man sich, wie der Name sagt, im Laden einschliessen lassen kann, um in Ruhe zu stöbern, wird vor allem von Erwachsenen gebucht. Meistens seien es Gruppen, die sich professionell mit Kindern beschäftigten, beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer. «Wir hatten aber auch schon Jugendliche, die sich einschliessen liessen. Vermutlich um einmal die ganzen Aufklärungsbücher in Ruhe anzuschauen», sagt Baeriswyl und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Im Zeichen der beschleunigten Gesellschaft

Mit der Leseförderung hat es sich der Chinderbuechlade zur Aufgabe gemacht, möglichst vielen Kindern das Lesen näher zu bringen. Doch weshalb ist es überhaupt ein Problem, wenn Kinder nicht lesen? «Bücher geben den Kindern einen anderen Zugang zur Welt und erklären sie ihnen auf Augenhöhe und in ihrem Tempo», sagt Baeriswyl. Ein Buch ist beständig, es kann immer wieder zurückgeblättert und hervorgekramt werden. Doch auch die unschuldige Welt der Kinderbücher ist dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Man müsse heute schneller zum Punkt kommen, alles müsse geraffter sein, erklärt Baeriswyl. Diese Entwicklung sei, so sagt sie, Ausdruck einer beschleunigten Welt. Und was in der Gesellschaft geschehe, schlage sich schlussendlich auch in Büchern nieder – in Kinder- ebenso wie in Erwachsenenbüchern.

In dieser eindrucksreichen Welt ist der Chinderbuechlade ein Hort der Entschleunigung und der Erklärung. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.