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«Studiengebühren sind eine Zugangshürde zum Studium»

Diese Woche findet in Bern und anderen Städten der «Bildungsaufstand» statt, eine Aktionswoche, die auf Gebührenerhöhungen, Budgetkürzungen und Ökonomisierung im Bildungswesen aufmerksam machen will. Nora Trenkel, Mitorganisatorin im Kanton Bern, hat uns Rede und Antwort gestanden.

Im Rahmen des Bildungsaufstandes wird am Samstag auch eine Demonstration stattfinden. Aktivistinnen beim Malen eines Transparents. (Bild:zvg)

Was will der Bildungsaufstand und was sind eure Forderungen an die Politikerinnen und Politiker in Bern und der Schweiz?
Der Bildungsaufstand will ein Zeichen für eine starke, emanzipatorische Bildung setzen und gegen den Bildungsabbau protestieren, der seit mehreren Jahren schweizweit am Fortschreiten ist.
Der Bildungsabbau ist ein komplexer und gefährlicher Trend, der sich an vielen Orten zeigt. Dieser Prozess lässt sich nicht mit einer einzelnen Forderung oder Massnahme aufhalten. Was wir brauchen ist ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis zu starken und unabhängigen Bildungsinstitutionen, die für alle zugänglich sind. Und eine Politik, die diesem Bekenntnis folgt.

Auf eurer Website steht etwas zur Situation der Bildung in vielen grossen Städten der Schweiz – ausser zur Situation in Bern. Ist die Lage hier weniger prekär als anderswo?
Dass zur Situation in Bern noch nichts steht hat nur damit zu tun, dass die Berner-Gruppe den Text noch nicht geschrieben hat und nicht mit der Prekarität der Lage.
Der Bildungsabbau gestaltet sich tatsächlich in den verschiedenen Kantonen unterschiedlich. Im Kanton Bern drückt er sich besonders in der aktuellen Sparpolitik aus, durch die im Bildungsbereich über 30 Millionen gespart werden sollen - zu Gunsten von Steuererleichterungen für Firmen. Sparpolitik in allen Bereichen und Bildungsabbau haben somit einen direkten Zusammenhang.

Ein wichtiges Anliegen von euch sind die Studiengebühren. Wie hoch dürfen diese maximal sein, damit noch ein freier Zugang zur Bildung gewährleistet ist?
Studiengebühren sind eine Zugangshürde zum Studium. Bildung ist ein Allgemeingut, das dazu dienen soll, soziale Ungleichheiten auszugleichen und allen Menschen unabhängig von ihrem Hintergrund dieselben Möglichkeiten zu bieten. In unseren Nachbarländern Frankreich, Deutschland oder Österreich existieren deshalb keine Studiengebühren. Wir müssen uns nicht fragen, wie hoch Studiengebühren maximal sein können. Wir müssen uns fragen, auf welche Weise wir unserem Anspruch an eine öffentliche frei zugängliche Bildung gerecht werden.

Wie steht die Uni Bern zum Bildungsaufstand? Hat man Verständnis für eure Anliegen oder unterstützt man sie sogar?
Für unsere Veranstaltungen dürfen wir Räumlichkeiten der Uni Bern benutzen. Ansonsten stehen wir nicht in direktem Kontakt mit der Uni und haben den Bildungsaufstand unabhängig organisiert.

Auf eurer Website heisst es, dass ihr eine Ökonomisierung der Bildung beobachtet, indem sich Lerninhalte immer mehr an den Interessen der Konzerne orientieren. Gibt es konkrete Beispiele dafür an der Uni Bern?
Beispielsweise wird an der Universität Bern jährlich der «Credit Suisse Award for Best Teaching» vergeben. Dass heute eine Grossbank an der jährlichen Stiftungsfeier der Universität Bern die «beste Lehre» küren darf steht für mich als Sinnbild dafür, dass sich Bildung immer mehr an den Interessen der Privatwirtschaft orientiert und die Konzerne auch versuchen, ihren Einfluss auf die Bildungsinstitutionen zu vergrössern. Dagegen müssen wir uns zur Wehr stellen. Weitere Beispiele sehen wir in unserem Alltag als Studierende.

Private finanzieren die Universitäten der Schweiz massgeblich mit, indem sie z.B. Professuren sponsern. An der Uni Bern wird rund 18% des jährlichen Aufwandes von Privaten finanziert. Ist das ein Problem?
Die Situation ist an allen Universitäten ähnlich: In der Drittmittelfinanzierung herrscht grosse Intransparenz. Verträge an der Universität Bern sind zwar auf Antrag zugänglich, doch einen Überblick zu erhalten ist schwer. Je nach Vertrag können GeldgeberInnen beispielsweise mitbestimmen, wer eine Professur erhält und somit wesentlich die Forschungsinhalte mitbestimmen. Zudem ist klar – Unabhängigkeit lässt sich nicht auf einem Papier garantieren. Wenn ein Institut und dessen Angestellte von Drittmitteln abhängig sind, wird es keine Forschung betreiben die seinen GeldgeberInnen schadet.

Kann universitäre Bildung und Forschung überhaupt ohne private GeldgeberInnen funktionieren?
Früher hat universitäre Bildung auch ohne Drittmittel funktioniert. Heute funktioniert über 80% der Bildung und Forschung ohne private GeldgeberInnen. Davon auszugehen, dass eine unabhängige Finanzierung nicht mehr möglich sei, scheint uns nicht logisch. Fertige Antworten haben wir jedoch nicht. Am Mittwoch um 16:15 findet ein Vortrag mit Diskussion statt, der genau diese Frage thematisiert.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.