Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Wille im Hotel Bellevue

Vor dem Bellevue fährt an der morgigen Museumsnacht - nach Protesten von Berner Kulturschaffenden - kein Panzer aus dem ersten Weltkrieg vor. Trotzdem widmet das Hotel sein Programm dem mehr als umstrittenen General Ulrich Wille. Kein toller Beitrag, findet Johannes Wartenweiler. 

Ulrich Wille – wiewohl korpulent, sass lieber hoch zu Ross. Panzer rollten zu dieser Zeit erst an der Westfront. (Bild: Rund um den Zürichsee, Alte Fotos aus den Zürcher Seedörfern, Orell Füssli Verlag, Zürich 1976)

Der Panzer ist weg – immerhin. Dem Hotel Bellevue – es gehört dem Bund – hat es nach öffentlicher Empörung im letzten Moment gedämmert, dass die Idee mit dem Panzer vor dem Eingang vielleicht kein wirklich guter PR-Gag sein könnte. Als Oldtimer hätte er sich kaum in den Korso alter Autos einfügen lassen, der alljährlich an der Museumsnacht vom Hotel Bellevue aus startet. Und als Symbol für Erinnerung an General Ulrich Wille wäre er pure Geschichtsfälschung. Der General – wiewohl korpulent, sass lieber hoch zu Ross. Panzer rollten zu dieser Zeit erst an der Westfront.

Aus welchem Grund auch immer der Panzer zurückgezogen wurde – die Wille-Retrospektive mit Vortrag und «Spatz» ist eine Peinlichkeit. Wenn es um General Wille und sein Wirke geht, dürfen weder die Hotel-Direktion noch die Verantwortlichen der Museumsnacht so ahistorisch sein.

In den Krieg an Deutschlands Seite

Fraglos hat der General mit einem Hang zum Lukullischen gewusst, warum er sein Hauptquartier im ersten Hotel am Platz einrichtete – 1914 als die Welt in Brand geriet. Wille hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Karriere in der Armee hinter sich. Er hatte die Bürgerarmee des Landes in eine militaristische Drilltruppe nach preussischem Vorbild verwandelt und war 1914 nur dank Intrigen an die Spitze der Armee gewählt worden. Er war keineswegs ein Garant für die ewigwährende Neutralität der Schweiz, sondern deutschfreundlich bis ins Mark – und als solcher 1916 auch bereit an Deutschlands Seite in den Krieg zu ziehen. Der Politik hat er es nie gedankt, dass sie ihn vor dieser Riesendummheit bewahrte - der Militärkopf dünkte sich bis zuletzt etwas Besseres und hatte für die Zivilisten nur Verachtung übrig. Fraglich ist, ob er auch mitbekommen hat, dass ihn der Bundesrat noch während des Krieges ersetzen wollte, weil man an ihm Zeichen der Senilität festgestellt hatte. Der Plan scheiterte, weil sein möglicher Nachfolger überraschend an einem Herzinfarkt verschied.

Armee in Zürich und Bern

Wille hat es in Bern – im Unterschied zu den Generälen Dufour, Herzog und Guisan nie zu einer eigenen Strasse geschafft. Man mochte ihn hier nicht und man mag ihn bis heute nicht. Und mehr als andernorts verzeiht man ihm hier auch nicht sein offenes Zündeln mit dem Bürgerkrieg. Seiner Scharfmacherei war es im Wesentlichen zu verdanken, dass der Bundesrat 1918 die Armee in die Städte Zürich und Bern schickte, um einen drohenden «bolschewistischen» Putsch zu verhindern - allerdings basierte diese Einschätzung auf Angst und Einbildung und nicht auf konkreten Anhaltspunkten. Das Säbelrasseln löste den Landesstreik aus, der zur grössten innenpolitischen Auseinandersetzung der Schweiz wurde. Es war nicht Willes Verdienst, dass er in Bern ohne Blutvergiessen blieb.

Ausgerechnet jetzt!

Wer mehr über Wille und seinen deutschfreundlichen Klan wissen will, dem sei Niklaus Meienbergs «Die Welt als Wille und Wahn» empfohlen – eine polemische, aber durchaus richtige Beschreibung des Milieus, in dem sich Wirtschaft und Militär zum Wohl der eigenen Sippe verbündeten und wo persönliche Interessen ohne Hemmungen als nationale Interessen verkauft wurden.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Landesstreiks macht das Bellevue nun diese Verbeugung vor der Kriegsgurgel Wille. Notabene war das Hotel in jenen Tagen im November 1918 auch der Zufluchtsort des Bundesrats.

Die Museen der Stadt Bern gelten gemeinhin als Gedächtnisse der kollektiven Erinnerungen. Wenn ihre Chefs den Beitrag des Bellevues einfach so passieren lassen, dann leiden sie unter Gedächtnisverlust. Das ist einer der schwersten Vorwürfe, die man MuseumsdirektorInnen machen kann.

PS: Man hört im Übrigen munkeln, dass der Panzer nicht zur Verfügung steht, weil man sich bei den zuständigen Stellen Sorgen machte, dass er versprayt werden könnte.