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Sagt, was Bern bewegt
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Herzensangelegenheiten und andere Probleme (Teil 2)

Die Insel Gruppe ist ein gewaltiges Unternehmen und sieht sich mit ebenso grossen Problemen konfrontiert. Wohin geht die Reise der grössten öffentlichen Gesundheitsversorgerin der Schweiz? Johannes Wartenweiler mit einer Einordnung in zwei Teilen.

Nicht nur für die kantonale Gesundheitsversorgung ist die Insel Gruppe bedeutend. Sie spielt auch eine wichtige Rolle in der hochspezialisierten Medizin. Etwa in der Kardiologie oder in der Neurologie. Dabei geht es einerseits um Forschungsleistungen, die die Medizin voranbringen – und deren Lehre an den Kliniken. Daran hängt gemäss einer Studie von 2009 ein erhebliches volkswirtschaftliches Potential. Berechnungen zeigten, dass der volkswirtschaftliche Nutzen gegenüber einem Kantonsspital erheblich ist. Zwar käme ein reines Kantonsspital den Kanton Bern um rund 130 Millionen Franken günstiger, volkswirtschaftlich gesehen bringt das aktuelle System aber zusätzliche Umsätze von mehr als einer halbe Milliarde Franken.

Gesamtschweizerischer Player

Die Insel Gruppe ist deshalb nicht nur für den Gesundheitsdirektor, sondern auch für seine Kollegen von der Volkswirtschaft und der Bildung wichtig. Bern muss auf diesem Gebiet einen in langjähriger Arbeit aufgebauten Ruf halten und verteidigen. Die Insel Gruppe muss sowohl nationales/internationales Forschungszentrum sein als auch Kernstück eines seit Jahren von der kantonalen Standortförderung geförderten Cluster Medtech. In dieser Logik bewegt sich auch der Vorschlag des Berner Volkswirtschaftsdirektors Christoph Ammann, in Bern eine medizinische ETH einzurichten (mit Bundesmitteln natürlich).

Zuerst zur Forschung: Das Inselspital gilt als medizinischer Leuchtturm. Im Bereich der prestigeträchtigen hochspezialisierten Medizin droht der Standort Bern allerding zwischen den Grossräumen Leman und Zürich zerrieben zu werden. Die Kooperation mit Basel scheint nicht ausreichend stabil genug, um den Druck wegzunehmen. Der Kampf um spezialisierte Eingriffe ist hartnäckig und zäh. Bislang konnte sich Bern gegenüber der Konkurrenz im Westen und im Osten behaupten. Ein Beispiel: Herztransplantationen (jährlich 15) sind nach Berner Lesart eine besondere Form der Therapie bei Herzkrankheiten. Es sei nicht sinnvoll, genau diese Operation in Bern nicht mehr zuzulassen, da sie zum Spektrum von möglichen Eingriffe am Herzen gehöre. Jenseits rationaler Überlegungen hängt an der Herztransplantation viel akademisches Prestige. Man kämpft auch heftig, weil man den Herz-Chirurgen Thierry Carrel unbedingt in Bern behalten will. Bis jetzt erfolgreich.

Dann zur Volkswirtschaft: Jocham ist ein Mann der Pharmabranche. Und in diese – die in der Schweiz vor allen in Basel wächst – setzt man grosse Hoffnungen. Der Kanton hat eine Anschubfinanzierung für ein nationales Institut für translationale Medizin und Unternehmertum gesprochen. Im Wesentlichen geht es darum, Ergebnisse der medizinischen Grundlagenforschung marktfähig zu machen. Zur Zeit entsteht ein neues Gebäude beim Eingang aufs Areal. CSL Behring und Ypsomed haben sich bereits engagiert. Sie geben damit allerdings auch vor, in welche Richtung sich die steuerfinanzierte Grundlagenforschung zu entwickeln hat. Der Regierungsrat erhofft sich nicht nur eine Aufwertung des Forschungsstandorts, sondern auch weitere Ansiedelungen im Medtechbereich. Jocham soll hier als Türöffner agieren. Er ist auch VR-Präsident der sitem-insel AG.

Drei Ergänzungen und ein Schluss

1.) Das Inselspital ist eng mit der medizinischen Fakultät der Universität Bern verbunden. Die Chefärzte und -ärztinnen sind Universitätsprofessoren und -professorinnen. Das bedeutete geteilte Loyalitat. An der Universität herrscht eine andere Kultur, die hartnäckig verteidigt wird. Im Zweifelsfall stellt sich die Uni hinter ihre Angestellten – wie das der Fall des Psychiaters Werner Strik der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) belegt, wo die kantonale Gesundheitsdirektion 2012 auf die Absetzung hin arbeitete, von der Universität aber abgeblockt wurde. Es wird auf jeden Fall entscheidend sein, ob die verschiedenen Interessen gebündelt werden können oder ob sie gegeneinander arbeiten. Es kann dabei durchaus von Vorteil sein, wenn nicht die Betriebswirtschaft gewinnt. Ein Beispiel: Sie scheiterte, als sie versucht die Psychosomatik im Loryspital abzubauen. Die ärztlich-wissenschaftlichen Argumente wogen schwerer als die die buchhalterischen Überlegungen.

2.) Die Beschäftigen der Insel Gruppe haben einen Gesamtarbeitsvertrag. Das wurde in einer Volksabstimmung so beschlossen. Sie verfügen damit im Prinzip über eine gut abgesicherte Position. Allerdings stehen sie unter Druck. Die Arbeitsbelastung steigt. Aber solange die mittleren Kader nicht selber zu stark unter Druck geraten und via Leistungslohn auch ökonomisch gewisse Vorteile haben, wird es wohl unter den Beschäftigten ruhig bleiben.

3.) Die Stadt Bern schnitt der Insel Gruppe mit einer Überbauungsordnung 2014 ein weites Kleid. Das Inselareal kann nun in den kommenden Jahren komplett umgebaut werden. Viele Gebäude aus den 1960er Jahren sind ans Ende ihrer Lebenszeit gekommen. Nur denkmalgeschützte Bereiche bleiben erhalten. Die Frauenklinik wird saniert und das Bettenhochhaus wird verschwinden. Es soll ein Spital der kurzen Wege entstehen. Mit Zentren statt mit Kliniken – was in der statusbewussten Welt der Medizin unweigerlich Konflikte nach sich ziehen wird. Die Insel wird diese Investitionen aus den eigenen Einnahmen finanzieren, was ein permanenter Kraftakt sein wird. Abenteuer sind hier immer zu befürchten. Spitalbau ist etwas vom Anspruchsvollsten, wie der INO-Trakt und das neue Frauenspital belegen.

Die allgemeine Frage, wie eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung aussehen soll, ist nicht beantwortet. Es bleibt das Diktum des ehemaligen SP-Präsidenten Peter Bodenmann im Raum, wonach die Schweiz mit 40 Spitälern à 500 Betten bestens versorgt wäre. Dass das nicht möglich ist, ist eine andere Geschichte.