Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Herzensangelegenheiten und andere Probleme (Teil 1)

Die Insel Gruppe ist ein gewaltiges Unternehmen und sieht sich mit ebenso grossen Problemen konfrontiert. Wohin geht die Reise der grössten öffentlichen Gesundheitsversorgerin der Schweiz? Johannes Wartenweiler mit einer Einordnung in zwei Teilen.

Ein Unternehmen mit 10 000 Beschäftigten und 500 000 PatientInnen jährlich ist immer für Geschichten gut. Der neue Chef zum Beispiel sorgt für Gesprächsstoff. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass fundamentale Probleme in der grössten öffentlichen Gesundheitsversorgerin der Schweiz nicht allein mit einer geschickten Personalauswahl geregelt werden können.

2016 wurde das Inselspital mit verschiedenen Spitälern der Region fusioniert. Es entstand die Insel Gruppe. Verantwortlich war das Duo Joseph Rohrer (Verwaltungsratspräsident) und Holger Baumann (CEO). 2017 mussten sie abtreten: Zuerst Rohrer, dann Baumann. Sie hatten keine geräuscharme Fusion des Inselspitals mit dem Stadtspital Tiefenau und den Regionalspitälern Münsingen, Riggisberg, Aarberg und Belp zustande gebracht. Das Fass zum Überlaufen brachte ihre Absicht, die für den Betrieb der Spitäler zentral wichtige Leitung der Pflege aus der Leitung der Gruppe zu werfen. Der Abgang der beiden wurde nicht bedauert.

Neuer Chef soll Uwe E. Jocham werden. Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) stiess diese Personalie an. Nicht nur er hegt grosse Erwartungen in den Pharma-Manager, der zuletzt für den australischen Pharmakonzern CSL Behring den Bau einer neuen Fabrik in Lengnau BE geleitet und dann überraschend den Bettel hingeworfen hatte. Jocham trauen viele zu, die Insel Gruppe aus ihrer schwierigen Situation herauszuführen. Wo er auftrete, herrsche fast schon eine «euphorische» Stimmung. Gut möglich, dass der Wahlschweizer die Insel Gruppe auf Kurs bringt. Auf jeden Fall wünscht sich niemand, dass er scheitert. Die grösste Herausforderung für Jocham sind die Chefärzte und die Klinikdirektorinnen, die es sich gewohnt sind, dass Spiatldirektoren und -direktorinnen ihre Wünsche erfüllen und die im Konfliktfall nicht zögern, ihren Einfluss und ihr ärztliches Prestige in die Waagschale zu werfen. 
Etwas mulmig wird einem allerdings, wenn man die Selbstverständlichkeit bedenkt, mit der Jocham den Chefposten und gleichzeitig einen Sitz im Verwaltungsrat beansprucht. Damit macht er sich Feinde in der Politik. Und ob ein 160 bis 180 Prozent-Pensum wirklich zu besseren Leistungen führt, ist eine offene Frage. Immerhin hat er ein Gefühl für kosmetische Retuschen: Er ersetzt den CEO durch den Generaldirektor. Er ist sich bewusst, dass er ein öffentliches Unternehmen führt.

Mit seinem Engagement für Jocham exponiert sich auch Schnegg. Er würde verantwortlich gemacht, sollte Jocham scheitern. Aber Schnegg kommt zugute, dass er das Spitalwesen als ehemaliger VR des regionalen Spitalzentrums Berner Jura relativ gut kennt. Und schliesslich haben sich mindestens zwei weitere Regierungsräte aktiv um den ehemaligen Pharma-Manager für dieses Amt bemüht.

Die Insel Gruppe

Die Insel Gruppe ist ein grosser Dampfer. Dem universitären Inselspital obliegt die Versorgung von rund zwei Millionen Menschen in vielen Bereichen der spezialisierten Medizin, wo sie auch eine international gefragte Anlaufstelle ist. Dazu hat sie zusammen mit den öffentlichen Spitäler der Region einen grossen Anteil an der Grundversorgung in der Region sicherzustellen. Eigentlich bewegt sich die Insel Gruppe in einer Wachstumsbranche. Die Zahl der Beschäftigten steigt und die Umsätze steigen ebenfalls. Das Problem: Die Kosten werden via Prämien und Steuern auf die Bevölkerung verteilt. Diese will eine gute Gesundheitsversorgung – aber der Preis dafür wird langsam zu hoch. Die Insel Gruppe muss deshalb auch zeigen, wie sie gute Qualität mit verkraftbaren Kosten verbinden kann.

Der Fusionsprozess sollte nicht nur den Standort Bern national stärken (dazu mehr im zweiten Teil) sondern auch einen Beitrag zur Kostensenkung leisten. Das Zieglerspital wurde geschlossen. In den regionalen Spitälern sollten Kapazitäten für die Grundversorgung zur Verfügung gestellt werden. Die aufwändigen und komplexen Fälle sollten der Insel überlassen werden. Diese Arbeitsteilung wurde auch durch die Finanzierung der Spitalleistungen getrieben. Die DRG-System (Diagnosis Related Groups) vergütet konkrete Leistungen zu einem Pauschaltarif. Die Kosten für den Betrieb sind in der Insel aber höher als in den anderen Spitälern. Einfache Eingriffe lohnen sich weniger – selbst wenn die Insel für gleiche Eingriffe besser entschädigt wird als andere Spitäler.

Der Prozess der Fusion war pannenbehaftet und nahm wenig Rücksicht auf die spezielle Situation des leitenden medizinischen Personals. Massgebend für den Ruf einer Klinik ist die medizinische Leitung, der die Patienten und Patientinnen vertrauen. Sie kommen zu ihnen und sie gehen mit ihnen. So geschah es verschiedentlich mit ganzen Teams vom Ziegler- und vom Tiefenauspital. Sie fühlten sich von den Insel-Kollegen schlecht behandelt und stiegen bereitwillig auf die Angebote der privaten Leistungsanbieter wie Lindenhof, Hirslanden oder Siloah ein. Notabene ohne auf irgendwelche Konkurrenzverbote, wie sie in der Privatwirtschaft üblich sind, Rücksicht nehmen zu müssen. Zwar wurden so Betten bei der Insel Gruppe eingespart, insgesamt aber war es ein Nullsummenspiel, welches die aus historischen Gründen ohnehin starken privaten Spitäler im Kanton Bern zusätzlich stärkte. Der Kanton war in dieser Situation weder gewillt noch in der Lage, mit einer Kapazitätsplanung die Kosten im Griff zu halten. Notabene: Ebenfalls ohne sichtbare Auswirkung auf die Kosten ist die Auslagerung der öffentlichen Spitäler in kantonseigene AGs.

Die Idee der Arbeitsteilung wirkt auf den ersten Blick bestechend . Es ist aber 1) einfach nicht wirklich klar, was ein schwerer Fall ist. Das kann blitzschnell kippen. Und 2) brauchen auch die angehenden MedizinerInnen an den Uni-Kliniken Fälle mit Blinddarm und Beinbrüchen, um sich auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten. Nur schwere Fälle helfen ihnen bei der Ausbildung nicht weiter. Zudem macht die Zahl der schweren Fälle einen bescheidenen Anteil an der Zahl der Spitaleintritte aus. 80 Prozent der Fälle entfallen auf die Grundversorgung.