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Die Kitas im freien Markt

Aus den Quartieren

Nach der Einführung der Betreuungsgutscheine im Jahr 2014 wurde eine Reihe von neuen Kinderkrippen eröffnet. Lisa Plüss, die Geschäftsführerin der in der Länggasse beheimateten Stiftung Kindertagesstätten Bern, hat sich im «Länggassblatt» über die aktuelle Lage geäussert. Plüss ist überzeugt: Wenn auf dem Personal der Kitas ein zu hoher Druck lastet, leidet darunter letztlich die Betreuungsqualität.

  • Lisa Plüss ist Geschäftsleiterin der Stiftung «Kindertagesstätten Bern». (Foto: Eva Matter)

Lisa Plüss hat viel Erfahrung im Bereich der familienexternen Kinderbetreuung. Sieben Jahre lang hatte sie die Betriebsleitung der Kita Länggasse inne, der ältesten Kinderkrippe im Quartier, die bereits vor 138 Jahren von der Familie Stämpfli gegründet wurde. Seit 2015 steht sie der Geschäftsstelle der Stiftung «Kindertagesstätten Bern» vor, zu der neben der Kita Länggasse auch die Kita Taka Tuka und die Kita im Favorite in der Länggasse gehören. Aus erster Hand erlebte sie so auch die Einführung der Betreuungsgutscheine; seit 2014 erhalten die Eltern den Betrag zur Verbilligung der Betreuungsplätze direkt zur Verfügung, unabhängig davon, welcher Kita sie ihre Kinder anvertrauen.

Mehr Gerechtigkeit

«Das System der Gutscheine hat sich gut etabliert», sagt Plüss. Der Vorteil liege darin, dass es mehr Gerechtigkeit für die Eltern bringe. «Früher war man darauf angewiesen, einen subventionierten Platz zu bekommen, sonst zahlte man den vollen Preis.» Jetzt könne man überall die gleiche Vergünstigung abholen. Als negativ beurteilt sie dagegen, dass die Stadt sich völlig aus der Planung der Betreuungsplätze zurückgezogen hat. «Jeder kann eine Kita eröffnen – das ist dem freien Markt überlassen», sagt sie.

Bisher spielte der Wettbewerb wegen der fixen Tarife vor allem über die Qualität: «Die Eltern schauen darauf, wer die schönsten Häuser und Gärten hat, wer über eine gute Qualität und einen guten Ruf verfügt.» Aber wenn es – wie in der Länggasse - zu sehr vielen Neugründungen komme, dann leide darunter irgendwann die Auslastung der bestehenden Einrichtungen. «Die Kitas sind alle nur knapp selbsttragend. Deshalb drohen sofort Sparmassnahmen, wenn wir keine gute Auslastung haben», erklärt sie. Und das betreffe immer das Personal, das etwa 80 Prozent der Kosten ausmacht.

Schädliche Wechsel

Plüss bezweifelt, dass ein solcher Druck auf das Personal für die Betreuungsqualität gut ist. Zwar sei vieles festgelegt, zum Beispiel die Mindestanzahl an Fachpersonal auf jeder Gruppe. «Aber ob dieses Fachpersonal dreimal pro Jahr wechselt, weil es frustriert ist und unter Stress steht, oder ob man konstante Teams hat, das kann der Kanton nicht wirklich kontrollieren.» Dabei sei es doch enorm wichtig für die Kinder, ob sie in stabilen Teams mit zufriedenen Personen betreut werden, oder ob die Teams genervt sind und viele Wechsel haben.

Nun werden die Betreuungsgutscheine auf den ganzen Kanton ausgeweitet; gleichzeitig werden die Tarife freigegeben. Die Folgen davon sind für Plüss schlecht absehbar. «Die Gemeinden müssen keine eigenen Kitas mehr für die Familien in ihrem Gebiet betreiben, sondern sie können den Eltern einfach die Gutscheine aushändigen», erklärt sie. Womöglich steige dadurch die Nachfrage nach Betreuungsplätzen in der Stadt. Mit der Freigabe der Tarife könnte jedoch auch der Druck auf die Margen weiter zunehmen – oder aber, es werde teurer für die Eltern, denn die heute gültigen Tarife von rund 120 Franken pro Tag seien nicht kostendeckend.

Bindungsverhalten

Plüss hat auch die jüngere Diskussion über die Auswirkungen der familienexternen Kinderbetreuung auf das Bindungsverhalten der Kinder mitverfolgt: Im Tagesanzeiger und im Bund hatte der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann letzten Oktober davor gewarnt, dass es schädlich für das Bindungsvermögen der Kinder sei, wenn sie zu früh fremdbetreut werden. «Das Problem ist in Fachkreisen schon lange bekannt», sagt Plüss. In den Kitas arbeite man deshalb sehr sorgfältig bei der Eingewöhnung der Kinder, damit sie Vertrauen fassen können. Die Betreuungspersonen seien mit der Bindungstheorie vertraut und tragen im Alltag den Bedürfnissen der Kleinkinder bestmöglich Rechnung.

«Neu ist, dass jemand wie Guy Bodenmann sagt, man solle die Kinder erst mit zwei bis drei Jahren fremdbetreuen lassen.» Bisher habe man solche Ansichten eher von Leuten gehört, die generell gegen die Fremdbetreuung von Kindern waren. Sie selber sei zu wenig Fachperson, um das zu beurteilen, aber sie stelle fest: «Mit zwei bis drei Jahren, da merkt man, dass die Kinder gern mit anderen Gschpänli spielen.» Es gebe aber auch Bébés, die bereits mit fünf Monaten sehr interessiert am Treiben um sie herum teilnehmen, und die ihre Betreuungsperson morgens bei der Übergabe freudig anstrahlen. «Es ist jedoch wichtig, dass ihre Bedürfnisse feinfühlig erkannt und rasch befriedigt werden, wenn sie müde, hungrig oder durstig werden, denn im ersten Lebensjahr können sie sich noch nicht an fixe Zeiten halten.»

Realität in der Schweiz

Auch deshalb hofft Plüss, dass die Diskussion nicht etwa dazu führe, dass die Mittel für die Kinderbetreuung gekürzt werden. Es brauche genügend Ressourcen für das Personal, damit die Eltern kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn sie die Kinder fremdbetreuen lassen. Denn: «Die Realität in der Schweiz ist ja so – wir haben einen kurzen Mutterschaftsurlaub, und danach müssen viele Frauen wieder arbeiten gehen. Dabei wäre es sicher zu befürworten, wenn die Eltern im ersten Lebensjahr mehr Zeit mit den Kindern verbringen könnten.»

Dieser Artikel erschien im Länggassblatt 249 Februar 2018.